{"id":189,"date":"2016-08-02T07:49:00","date_gmt":"2016-08-02T05:49:00","guid":{"rendered":"https:\/\/sunlion.de\/wordpress\/2016\/08\/02\/das-ende-der-welt-teil-6\/"},"modified":"2016-08-02T07:49:00","modified_gmt":"2016-08-02T05:49:00","slug":"das-ende-der-welt-teil-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/2016\/08\/02\/das-ende-der-welt-teil-6\/","title":{"rendered":"Das Ende der Welt, Teil 6"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem Werner von Major Wolkow wieder \u00fcber die Grenze in die Ukraine zur\u00fcckgeschickt wurde, muss er sich nach einer Alternativroute umsehen. Er findet sie in Mariupol in Form eines Fischfangkutters, der ihn nach Georgien bringt, von dort fliegt er im Doppeldecker weiter nach Aqtau in Kasachstan. Ein Kasache, der Werners Auto stellvertretend durch Russland bis nach Kasachstan gefahren hat, empf\u00e4ngt Werner bei sich zu Hause, besorgt ihm ein Visum f\u00fcr Russland und \u00fcbergibt ihm sein Fahrzeug, mit dem Werner sich auf die Reise durch die kasachische W\u00fcste macht:<\/p>\n<div style=\"padding:20px; border-style:solid; border-width:1px; border-color:#ccc\"> Ocker, Kurkuma, Lehm, Mais. Im Geiste ging Werner alle Gelbsorten durch, die er kannte. Nein, die waren ausnahmslos kraftvoll und erheblich farbiger als die Landschaft, die gerade an ihm vorbeizog. Barytgelb vielleicht? Wohl eher Sandgelb! Die Stra\u00dfe, die B\u00f6schung, die sandige, weite Ebene, die gelegentlich auftauchenden H\u00fcgel und nat\u00fcrlich auch die vereinzelten kleinen D\u00fcnen\u00a0\u2013 alles sah hier gleich aus. Mitunter tauchte mal ein sandgelbes H\u00e4uschen am Horizont auf, doch aus der N\u00e4he betrachtet, waren es nur alte, verfallene Lehmkaten, meist ohne Dach, verlassen und vergessen. Wof\u00fcr m\u00f6gen sie gedient haben, so einsam hier drau\u00dfen? Vielleicht als Bushaltestelle? Aber wer h\u00e4tte weshalb hierherfahren wollen? Hier gab es nichts als Staub. Staubgelb! Ja genau, das passte perfekt!<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Nach etwa f\u00fcnf Stunden wurde Werner langsam unruhig. Er verlie\u00df die staubgelbe Piste und hielt kurz an einem staubgelben Pl\u00e4tzchen, das sich nur dadurch etwas abhob, weil es mit einem etwas helleren Staubgelb eingef\u00e4rbt war, als die restliche Umgebung. Werner \u00f6ffnete das von Marat \u00fcbergebene P\u00e4ckchen und fand darin ein gutes halbes Kilo staubgelber Kekse, nat\u00fcrlich selbstgebacken, frisch und \u00fcberaus k\u00f6stlich! Mit einem Mal kam ihm die Umgebung viel weniger trostlos vor.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Nach weiteren f\u00fcnf Stunden war von diesem kurzen Anfall guter Laune schon nichts mehr \u00fcbrig. Was f\u00fcr \u2018ne bescheuerte Idee, diese lange Strecke mit einem Auto zur\u00fccklegen zu wollen! Wie kann man nur so d\u00e4mlich sein! Werner fluchte laut vor sich hin, was aber niemanden st\u00f6rte, denn er war ganz allein. Seit heute fr\u00fch war ihm kein einziges Fahrzeug begegnet, au\u00dfer ein am Stra\u00dfenrand vor sich hinrostendes Panzerwrack, vermutlich ein \u00dcberbleibsel aus dem zweiten Weltkrieg.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die Nacht verbrachte er in Aqt\u00f6be, in einem zugigen, kalten Hotel ohne Flair und Ausstrahlung. Immerhin\u00a0\u2013 das Zimmer war sauber und die Dame an der Rezeption gab ihm noch den guten Rat mit auf den Weg, vor dem Grenz\u00fcbertritt zu tanken, da die Preise hier etwas niedriger seien als in Russland.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ungeachtet dessen war der Weg bis zur Grenze noch endlos weit, zumindest aber kam es Werner so vor, die Landschaft war nach wie vor eint\u00f6nig und \u00f6de, nichts als Staub und Steine, kein einziger Baum, kein Strauch, anfangs wenigstens, denn an einigen Stellen der Strecke waren pl\u00f6tzlich B\u00e4ume gepflanzt, offenbar absichtlich von Menschenhand, freiwillig t\u00e4te hier kein Baum von selber wachsen wollen, schon aus Angst, dass ihm vor Langeweile die Rinde schuppig w\u00fcrde, und schon hinter der schmalen Baumreihe deutlich sichtbar, erstreckte sich wieder die \u00f6de, w\u00fcste Weite, man k\u00f6nnte auch sagen, die weite \u00f6de W\u00fcste oder die w\u00fcste, weite \u00d6de, es w\u00fcrde keinen Unterschied machen, die endlose Fahrt w\u00fcrde weder durch das eine noch durch das andere irgendwie aufgewertet, eine unertr\u00e4glich lange Aneinanderreihung von staubgelben Staubk\u00f6rnern, Steinen, selbstgepflanzten B\u00e4umen und unspektakul\u00e4ren Ereignisvakua, fast so wie ein zerm\u00fcrbend langer Satz mit einem unaufh\u00f6rlichen Schwall von Worten in einem entmutigend dicken Buch, der einfach nicht enden will.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Offenbar waren die Grenzbeamten da ganz anderer Meinung und betrachteten Werners Ankunft als St\u00f6rung ihrer genussvollen Wahrnehmung des aus ihrer Sicht nervenzerfetzend spannenden Ambientes. Oder sie hatten ihren Gem\u00fctszustand an die Ereignislosigkeit ihrer Erlebniswelt angepasst und wollten nun von dem mit hektischen zwanzig Kilometern pro Stunde heranrollenden Milit\u00e4rjeep nicht aus der wohlverdienten Ruhe gebracht werden. Vielleicht waren sie aber auch nur m\u00fcde, denn die Zeiger der Wanduhr hinter ihrem R\u00fccken zeigten bereits nach Mitter\u00adnacht. Jedenfalls sahen sie in dem Identit\u00e4tschaos in Werners Dunstkreis anscheinend keinen Widerspruch und hinterlie\u00dfen wortlos ihre Stempelmarke in seinem Pass. Dann durfte er einreisen. <\/div>\n<p> Werner durchquert Russland, besucht die Orte Omsk, Nowosibirsk und Sljudjanka und staunt \u00fcber die unfassbare Weite Sibiriens.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Nahe Wladiwostok, nach einem Unfall, ger\u00e4t er mit drei Halunken aneinander, was seinem Leben eine dramatische Wendung geben wird:<\/p>\n<div style=\"padding:20px; border-style:solid; border-width:1px; border-color:#ccc\"> Der Abgrund kam vollkommen unerwartet. Mit einem Satz sprang der Wagen vier Meter in die Tiefe. Der heftige Schlag raubte Werner die Sinne, nur mit dem letzten verbliebenen Funken seines Bewusstseins realisierte er, dass es \u00e4u\u00dferst ratsam w\u00e4re, jetzt energisch die Bremse zu treten. Tats\u00e4chlich verringerte dies die Bewegungsenergie ausreichend stark, um den alten Baum, der zudem nicht mehr fest verwurzelt in der Erde steckte, nicht mit voller Kraft zu rammen und schlimmere Sch\u00e4den am Fahrzeug zu vermeiden.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Als Werner sich wieder gefangen hatte, sortierte er zun\u00e4chst seine Gliedma\u00dfen, bewegte vorsichtig R\u00fccken und Nacken, um herauszufinden, ob er ernstlich verletzt war. F\u00fc\u00dfe, H\u00e4nde, Rippen\u00a0\u2013 alles in Ordnung, nur der Kopf schmerzte ein wenig. Dann stieg er aus und inspizierte sein Auto. Das \u00e4u\u00dferste rechte Ende der vorderen Sto\u00dfstange war am Ber\u00fchrungspunkt mit dem Baum leicht verbogen, ansonsten konnte er keine weiteren Sch\u00e4den entdecken. Federn, Sto\u00dfd\u00e4mpfer, alles schien noch intakt zu sein. Er schaute den steilen Abhang hinauf und konnte kaum glauben, dass er diesen Sprung \u00fcberlebt hatte. Das Gel\u00e4nde war leicht absch\u00fcssig, wie bei einem Extrem\u00adskispringer hatte das wohl die Energie des Aufpralls umgelenkt.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Werner versuchte den Motor anzuwerfen, doch der gab keinen Mucks von sich. Na toll, also doch ein Defekt! Ein Blick unter die Motorhaube brachte keinerlei Erkenntnisse, denn er kannte sich mit Autos \u00fcberhaupt nicht aus. Schmutzige Finger waren nicht seine Sache, er \u00fcberlie\u00df das Basteln lieber den Werkst\u00e4tten. Jetzt, in diesem Augenblick, bereute er die Wissensl\u00fccke. Gestrandet mitten im Nirgendwo!<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Er sah sich um, schaute den Abhang hinunter und entdeckte zwischen B\u00e4umen und Gestr\u00fcpp einen hellen Streifen. Unten angekommen, verwandelte sich der Streifen in einen sandigen Waldweg. Immerhin ein Funke Hoffnung, ein Pfad zur\u00fcck in die Zivilisation.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Werner kletterte den Abhang wieder hinauf und versuchte das Fahrzeug etwas zur\u00fcckzuschieben und an dem Baum vorbei\u00adzulenken. Eine knifflige Aufgabe, denn der schwere Gel\u00e4ndewagen lie\u00df sich nur mit \u00e4u\u00dferster Kraft bewegen. Doch wenige Zentimeter und das bis zum Anschlag eingedrehte Lenkrad reichten aus, um an dem Baum vorbeifahren zu k\u00f6nnen. Der UAZ setzte sich langsam in Bewegung und rollte den Abhang hinab. Werner sprang durch die ge\u00f6ffnete Fahrert\u00fcr auf den Sitz und betete inst\u00e4ndig, die Bremsen m\u00f6gen funktionieren. Er hatte Gl\u00fcck. Vorsichtig steuerte er um B\u00e4ume und B\u00fcsche herum und rollte schlie\u00dflich auf dem Waldweg aus.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Was nun? Er inspizierte noch mal alle Bauteile im Motorraum, die ihm irgendwie bekannt vorkamen, doch brachte dies den Motor nicht wieder zum Laufen. Abschleppservice! Die Freude \u00fcber den genialen Einfall verpuffte beim Anblick der Verbindungs\u00adwarnung seines Handys. Nat\u00fcrlich gab es hier drau\u00dfen kein Netz. Er blickt auf die Karte, versuchte grob seine Position abzusch\u00e4tzen und fand die n\u00e4chste Ortschaft etwa zehn bis f\u00fcnfzehn Kilometer entfernt. Vielleicht l\u00e4sst sich der Wagen ja ein St\u00fcck in die Richtung schieben? Als das Gel\u00e4nde nach ungef\u00e4hr zweihundert Metern wieder leicht anstieg, gab er schwei\u00dfgebadet auf.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Schneefall setzte ein, als die D\u00e4mmerung hereinbrach. Werners Entscheidung, im Auto zu \u00fcbernachten oder zu Fu\u00df nach Hilfe zu suchen, er\u00fcbrigte sich pl\u00f6tzlich im Scheinwerferkegel eines von hinten rasch n\u00e4herkommenden Fahrzeugs.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u201eNa, Kumpel, gibt\u2018s Probleme?\u201c Die schneidende Stimme hatte etwas Verschlagenes, Hinterh\u00e4ltiges und geh\u00f6rte dem Fahrer des herunter\u00adgekommenen Lkws. Nachdem er die T\u00fcr ge\u00f6ffnet hatte und ausgestiegen war, zeigte sich, dass sein pfauenhafter Gang genauso absto\u00dfend war, wie seine Stimme. Aus der Beifahrert\u00fcr stiegen zwei weitere M\u00e4nner, der eine war lang und schlaksig und sprach kein Wort. Der zweite war ein eher kleiner, aber kr\u00e4ftiger Typ mit hellen Augen und kahlrasiertem Sch\u00e4del. Er plapperte munter drauf los: \u201eNun mach mal dem armen Kerl keine Angst, guck mal, der sieht schon ganz misstrauisch aus. Was haste denn, Kumpel?\u201c Der Fahrer mit der fiesen Stimme war schlank und drahtig, mit einem ausgemergelten, hohlwangigen Gesicht, nikotingelber, unreiner Haut und einem \u00f6ligen Pferdeschwanz. Er grinste s\u00fcffisant, hielt sich aber im Hintergrund, den Ellenbogen auf der Motorhaube seines Lkws abgelegt.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u201eNa dann mach doch mal die Klappe vorne auf!\u201c Der kleine Kr\u00e4ftige schaute nach dem Motor, kontrollierte Elektrik und Kabel und \u00fcberpr\u00fcfte die Anschl\u00fcsse. \u201eDas hier m\u00fcsste es sein\u201c, verk\u00fcndete er und f\u00fchrte einen Stecker wieder zur\u00fcck an seinen Platz. \u201eProbier mal!\u201c Werner stieg auf den Fahrersitz und bet\u00e4tigte die Z\u00fcndung. Der Motor sprang sofort an. \u201eWahnsinn!\u201c Begeistert stieg er wieder aus dem Fahrzeug, um sich bei dem Mann zu bedanken.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Er sah den Schlag nicht kommen. Ein harter Gegenstand traf Werners Kopf v\u00f6llig unerwartet und mit voller Wucht. Er prallte gegen die Dachkante seines Autos, knickte weg und schlug lang hin. Der drahtige Typ hatte sich ihm von hinten gen\u00e4hert und einen Stein seitlich gegen den Kopf geschlagen. Die nachfolgenden Schl\u00e4ge und Tritte nahm Werner kaum noch wahr.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ein Motorenger\u00e4usch entfernte sich, dann ein zweites, bis schlie\u00dflich nur noch Stille war. Zwischen den schwarzen Baumwipfeln, \u00fcber dem Weg, leuchtete in sanftem Dunkelgrau der Himmel und entlie\u00df seine wei\u00dfen Flocken hinunter in die Nacht.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ich kann den Schnee knistern h\u00f6ren, dachte Werner, als ihm langsam das Bewusstsein schwand. <\/div>\n<p>      Fortsetzung folgt \u2026<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/dp\/153281268X\/ref=cm_sw_em_r_mt_dp_mp2CxbEXQSCMM\">Erdenend \u2013 Das Ende der Welt &#8212;> <b>jetzt kaufen!<\/b><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem Werner von Major Wolkow wieder \u00fcber die Grenze in die Ukraine zur\u00fcckgeschickt wurde, muss er sich nach einer Alternativroute umsehen. 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