{"id":220,"date":"2016-04-27T18:37:00","date_gmt":"2016-04-27T16:37:00","guid":{"rendered":"https:\/\/sunlion.de\/wordpress\/2016\/04\/27\/vinyl-ein-finsterer-daemon-aus-der-alten-welt\/"},"modified":"2016-04-27T18:37:00","modified_gmt":"2016-04-27T16:37:00","slug":"vinyl-ein-finsterer-daemon-aus-der-alten-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/2016\/04\/27\/vinyl-ein-finsterer-daemon-aus-der-alten-welt\/","title":{"rendered":"Vinyl \u2013 ein finsterer D\u00e4mon aus der Alten Welt"},"content":{"rendered":"<p>Ich verstehe \u00fcberhaupt nicht, wie man sich heute noch freiwillig das <a href=\"http:\/\/sunlions-sonnenseiten.blogspot.de\/2015\/04\/klar-wie-kristall.html\">Geknackse und Geknistere<\/a> von analogen Schallplatten antun kann. Wer so wie ich damit aufgewachsen ist, d\u00fcrfte in der Regel froh sein, wenn er sich damit nicht mehr befassen mu\u00df. Viel spannender finde ich da eher das technische Prinzip der Tonband&shy;aufnahme, insbesondere in Gestalt der handlichen Compact Cassetten. Wobei damit weniger die lieblos zusammengeklatschen <a href=\"http:\/\/www.ddr-design.com\/index.php?view=image&amp;format=raw&amp;type=img&amp;id=604&amp;option=com_joomgallery&amp;Itemid=223\">Audiozombies vom VEB ORWO Wolfen<\/a> gemeint sind, sondern eher die <a href=\"http:\/\/www.tapedeck.org\/400\/tdk_ma-xg90_071126.jpg\">schnieken, hei\u00dfen, sexy Oriental-Models<\/a> aus Japan. F\u00fcr eine <a href=\"http:\/\/www.audiokassetten.com\/images\/product_images\/popup_images\/dscn4666640x405b.jpg\">Chromsubstitut-Kassette von TDK<\/a> warf ich gern mal mein ganzes Taschengeld in die schmierigen H\u00e4nde zwielichtiger Hifi-Dealer, denn die f\u00fcr sieben D-Mark im <a href=\"http:\/\/www.derwesten.de\/img\/incoming\/origs264702\/1647311272-w656-h489-bF3F3F3-st\/0025503607-0055100198.jpg\">Intershop<\/a> gehandelten Haben-Wollen-Produkte waren f\u00fcr mich als Westverwandte-loser Ossi unerschwinglich, also bettelte ich Kollegen an, die mir f\u00fcr im Kurs 1:7 umgetauschte 50 Ostmark die begehrte Tonbanddroge besorgten. Nat\u00fcrlich h\u00f6chsten medizinischen Standards gen\u00fcgend, hygienisch sauber eingeschwei\u00dft.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Viel schwieriger war es hingegen, vern\u00fcnftige Ger\u00e4te zu bekommen, denn die <a href=\"http:\/\/www.rft-geraete.de\/Kassettengeraete\">in der DDR hergestellten Kassettendecks<\/a> waren ebenso h\u00e4\u00dflich wie technisch anf\u00e4llig. Dank meines damals aufge\u00fcbten Berufes als Fachverk\u00e4ufer f\u00fcr Rundfunk, Fernsehen und Elektroakustik \u2013 so die sperrige offizielle Bezeichnung \u2013 konnte ich auch einen Blick hinter die realsozialistische Einzelhandelsfassade werfen: Bestimmt jedes dritte Kassettenger\u00e4t war schon nach kurzer Zeit defekt, entweder schon beim obligatorischen Vorf\u00fchren w\u00e4hrend des Verkaufsvorganges (das war in der DDR so vorgeschrieben \u2013 alles mu\u00dfte ausgepackt, angeschlossen und vorgef\u00fchrt werden), oder es kehrte schon nach wenigen Tagen als Reklamation wieder in den Laden zur\u00fcck.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"https:\/\/1.bp.blogspot.com\/-mEPYR2MYz3s\/VyDwkMiPcdI\/AAAAAAAABn4\/tyUpzUFtrPgWzhwEOoxOs5Pd1IMGULMCQCLcB\/s560\/IMG_0284.jpg\" \/><\/p>\n<p> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Daher schien es nach der Wende undenkbar, ein technisches Ger\u00e4t ungepr\u00fcft zu kaufen und in seiner geschlossenen Verpackung mit nach Hause zu nehmen, einfach weil man sich als Ossi nicht vorstellen konnte, da\u00df derart komplizierte Technik auch so zuverl\u00e4ssig konstruiert sein konnte, da\u00df sie anstandslos funktionierte.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Kassettendecks aus dem Ausland waren aber nicht nur deswegen so beliebt, sie sahen auch besser aus und hatte oft erstaunliche Eigenschaften. So gab es bei manchen Ger\u00e4ten beispielsweise eine automatische Titelsuchfunktion: W\u00e4hrend des Abspielvorganges, bei gedr\u00fcckter Play-Taste, mu\u00dfte man einfach nur die Vor- oder R\u00fccklauftaste dr\u00fccken, schon suchte das Laufwerk automatisch nach der n\u00e4chsten oder vorigen Pause zwischen zwei Titeln. Anfangs kam mir das ebenso absurd wie phantastisch vor \u2013 zwei Tasten zur gleichen Zeit gedr\u00fcckt, das gab es bei den Laufwerken aus hiesiger Produktion \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"https:\/\/4.bp.blogspot.com\/-1U-qhFv80DA\/VyDwB2Ynr1I\/AAAAAAAABnw\/SedCI0SLncsesgBHpwSiVnYrWpzrzvUugCLcB\/s560\/IMG_0288.jpg\" \/><\/p>\n<p> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Also erzielten Kassettendecks aus Japan, selbst in gebrauchtem Zustand, in Zeitungsannoncen und staatlichen An-und-Verkaufl\u00e4den absolute Phantasiepreise. Die einfachsten <a href=\"http:\/\/www.hifiengine.com\/images\/model\/jvc_kd-v11_stereo_cassette_deck.jpg\">Einsteigerger\u00e4te von JVC<\/a>, wegen ihrer Zuverl\u00e4ssigkeit besonders bei DJs beliebt und gesch\u00e4tzt, erreichten Preise von rund 1400 Ostmark, was etwa zwei durchschnittlichen Monatsgeh\u00e4ltern entsprach. Ein <a href=\"http:\/\/www.hifiengine.com\/images\/model\/jvc_td-w253tn_double_cassette_deck.jpg\">extrem seltenes Doppeldeck<\/a> konnte schon mal bis zu 2600 Ostmark kosten. Sp\u00e4ter arbeitete ich bis kurz vor der Wende auch in einem solchen Gesch\u00e4ft am Rosenthaler Platz (arbeitstechnisch die gl\u00fccklichste Zeit meines Lebens) und ergatterte eine dieser seltenen Rarit\u00e4ten. Unterm Ladentisch selbstverst\u00e4ndlich!<br \/> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Aber bereits als Teenager interessierte mich die Kassettentechnik, konnte man mit ihr doch beim Radioh\u00f6ren auch gleich die neuesten Hits mitschneiden, denn westliche Schallplatten waren ebenfalls Rarit\u00e4ten im Osten. Nachdem ich nach langem, ungeduldigem Warten endlich einen gebrauchten, halb defekten <a href=\"https:\/\/homepage-creator.telekom.de\/-\/CMTOI\/cm4all\/com\/widgets\/PhotoToi\/11\/28\/46\/79\/13c50357415\/scale_1200_0%3Bdonotenlarge\/13c50357415\">Sonett-Monorekorder<\/a> besorgen konnte (mein Gott, war das &#8217;ne Klapperkiste), weckte dieser kuriose Repr\u00e4sentant ostdeutscher Unterhaltungselektronik trotz seiner traurigen Gestalt anscheinend dennoch den Neid eines damaligen Freundes. Mit reichlich vorhandener, reicher Westverwandschaft. Und was tat die reiche Westverwandschaft? Tr\u00f6stete den armen Neffen im Osten mit dem gr\u00f6\u00dften, fettesten, begehrenswertesten und teuersten Ghettoblaster, der im Intershop zu finden war. Einem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=teYneT2AMFE\">Sharp GF-8989H<\/a>, damaliger Preis \u2013 exakte neun&shy;hundert&shy;neunund&shy;neunzig Westdeutsche Mark. Eine f\u00fcr mich damals in unerreichbaren Sph\u00e4ren angesiedelte Zahl.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"https:\/\/3.bp.blogspot.com\/-3KdvhoLeJUw\/VyDxUkUKV5I\/AAAAAAAABoA\/ig-PXYAVpskUGYFy6rsjA5P7oJIRoGffgCLcB\/s560\/IMG_0254.jpg\" \/><\/p>\n<p> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ich sch\u00e4tze mal, nur wer damals in derselben Lage stecke wie ich, kann ermessen, welch schmerzhaften, brennend-gl\u00fchenden Neid dieses perfekt konstruierte, makellos durchgestylte Fernost-Produkt bei mir erzeugte. Es stammte aus der Hochzeit <a href=\"http:\/\/sunlions-sonnenseiten.blogspot.de\/2012\/01\/klangharmonie.html\">japanischer Audiotechnik<\/a> und war mit allen Raffinessen ausgestattet, die ein tragbarer Rekorder damals aufweisen konnte: <a href=\"http:\/\/sunlions-sonnenseiten.blogspot.de\/2013\/09\/der-erfinder-des-heiligen-grals.html\">Dolby B<\/a>, Metall-Band-tauglich, Soft-Touch-Tasten, Vier-Wege-Lautsprecher-System und nat\u00fcrlich APSS \u2013 automatischer Titelsuchlauf. Zwei Tasten gleichzeitig dr\u00fccken! Wie absurd und gleichzeitig phantastisch! Und wie traumatisch f\u00fcr mich armseligen, <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/ddr-zonenkinder\/6249791811\/in\/pool-356358@N21\/\">Boxer-Jeans-<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.bing.com\/images\/search?q=germina+turnschuhe+ddr&amp;FORM=HDRSC2\">Germina-Turnschuh<\/a>-tragenden Ostjungspund!<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vor einigen Jahren gelang es mir dann, bei Ebay eines dieser Heiligt\u00fcmer zu ersteigern (und fragt blo\u00df nicht, was ich daf\u00fcr bezahlt habe!). Aber erst jetzt ist es mir gelungen, das Ger\u00e4t auch wieder zum Laufen zu bringen. Denn Antriebsriemen leiern mit der Zeit aus, Gummirollen verh\u00e4rten, und Ersatzteile sind schon lange nicht mehr erh\u00e4ltlich. Man mu\u00df sich also durchwurschteln und nach passenden Teilen aus anderen Quellen suchen. Bei <a href=\"http:\/\/www.gummimeyer.de\/\">Gummi-Meyer<\/a> wurde ich dann endlich f\u00fcndig, die ben\u00f6tigten drei Riemen und drei Reibradgummis hatte er in den ann\u00e4hernd passenden Gr\u00f6\u00dfen vorr\u00e4tig. Nur ein Gummirad mu\u00dfte noch mittels Cutter passend zugeschnitten werden.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"https:\/\/4.bp.blogspot.com\/-zulh7x_OD-E\/VyDv1Kspy1I\/AAAAAAAABno\/eo1mwKgGBCEWv_BTej7f0F2JthqjDMzIgCLcB\/s560\/IMG_0298.jpg\" \/><\/p>\n<p> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Nach einer Stunde intensiver Bastelei hatte ich die Gummiteile dann endlich am richtigen Platz, da stieg beim ersten Testlauf sofort der uralte Motor aus. Nach dem Einbau eines Ersatzmotors ri\u00df die Elektronik der Laufwerksplatine die gleichgerichteten Hufe hoch, starb den Hitzetod und krallte sich im Suizidwahn gleich noch die Ger\u00e4tehauptsicherung. Fast h\u00e4tte ich das als b\u00f6ses Omen gewertet, doch es waren noch nicht alle Alternativen ausgesch\u00f6pft. Der Trend geht ja immer mehr zum Zweitrekorder, weshalb ich im Wohnzimmer noch ein Ersatzger\u00e4t zum Ausschlachten bereithielt. Mit der dort entnommenen Platine nebst Sicherung kam das Laufwerk dann endlich in die G\u00e4nge. Allerdings streikte die Endabschaltung der Wiedergabe noch ein Weilchen. Nach intensivem Studium der Laufwerksfunktionen konnte ich aber einen zu schlaffen Gummiriemen als St\u00f6renfried ausmachen, nach dessen Austausch die Kassetten nun endlich so abgespielt werden, als w\u00e4re der Rekorder soeben frisch im Intershop gekauft worden. Hurra!!!<br \/> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gelernt habe ich bei dieser nervenaufreibenden Aktion zweierlei: Zum einen, welch gro\u00dfartige Ingenieurskunst sich in solch einem Laufwerk verbirgt. Denn die zwischen Motor, Schwungmasse, Zahnr\u00e4dern, sowie den vielen Hebeln, Gummiriemen und Reibr\u00e4dern wirkenden Kr\u00e4fte m\u00fcssen extrem fein aufeinander abgestimmt sein. Bereits die leicht reduzierte Spannkraft eines ausgeleierten Riemens, die mit der Zeit glattgeschliffene Oberfl\u00e4che der Rutschkupplung oder die verlorengegangene Haftreibung eines Gummirades k\u00f6nnen einem geh\u00f6rig den Tag vermiesen. Und zweitens \u2013 ich habe ein weiteres Kindheitstrauma endlich erfolgreich aufgearbeitet! Daf\u00fcr begl\u00fcckw\u00fcnsche ich mich!<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"https:\/\/3.bp.blogspot.com\/-BsNeCr8PnlE\/VyDvXffiwvI\/AAAAAAAABnk\/GRQ5zZEyZP0bzjI_z3IMp6_8sL3CufquACLcB\/s560\/Sunlion%2Bmit%2BSharp%2BGF-8989H.jpg\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich verstehe \u00fcberhaupt nicht, wie man sich heute noch freiwillig das Geknackse und Geknistere von analogen Schallplatten antun kann. 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