{"id":2302,"date":"2024-05-27T15:36:17","date_gmt":"2024-05-27T13:36:17","guid":{"rendered":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/?p=2302"},"modified":"2024-05-27T15:36:17","modified_gmt":"2024-05-27T13:36:17","slug":"die-menschenfresserin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/2024\/05\/27\/die-menschenfresserin\/","title":{"rendered":"Die Menschenfresserin"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein Blubberkopp, eine Krawallschachtel, direkt unter meinem B\u00fcrofenster, machte mir soeben wieder deutlich klar, dass ich Anfang des Jahres die richtige Entscheidung getroffen habe. Er stand auf dem Gehweg und pl\u00e4rrte in einer unbekannten Sprache unverst\u00e4ndliches Zeug durch die Gegend, sodass meine Kollegen entsetzt zu den Fenstern sprangen, um sie zu schlie\u00dfen.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Bereits vor \u00fcber zwanzig Jahren spielte ich GTA Vice City auf dem PC, ein Spiel, bei dem man sich als Gangster durch die dreidimensionalen Achtziger von Miami bewegt, Autos klaut, \u201eAuftr\u00e4ge\u201c erledigt und allm\u00e4hlich zum Gangsterboss aufsteigt. Schon damals irritierte mich das Ambiente der programmierten Stadt, denn st\u00e4ndig h\u00f6rte man von irgendwo her Rufe und Schreie oder wurde auf der Stra\u00dfe von Wildfremden angep\u00f6belt. Was war ich damals erleichtert, dass es im realen Berlin gesitteter zuging.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Inzwischen hat sich das leider ge\u00e4ndert. Die Stra\u00dfen werden zunehmend bev\u00f6lkert von Menschen der unangenehmeren Art, die Hauptstadt der Kr\u00fcppel und Bekloppten. Bestimmte Stadteile trifft es dabei st\u00e4rker als andere. Die Kriminalit\u00e4t <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/mehr-straftaten-in-berlin-statistik-zeigt-rekord-bei-autoklau-und-gewalttaten-11428283.html\">ist weiter gestiegen<\/a>, auch <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/straftaten-kriminalstatistik-102.html\">bundesweit<\/a>. Mehr als <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/panorama\/beitrag\/2023\/03\/berlin-kriminalitaet-zahl-messerangriffe-2022-gestiegen.html\">3000 Messerangriffe<\/a>, allein in Berlin, sprechen eine deutliche Sprache. Mehr als acht Personen werden in dieser Stadt also tagt\u00e4glich mit Messern verletzt (oder sogar get\u00f6tet). Mein Heimatbezirk Pankow, der Bezirk, in dem ich aufgewachsen bin, hatte in den letzten zehn Jahren mindestens drei Morde zu beklagen. Das ist mehr als in meiner gesamten Lebenszeit davor. Sicher \u2013 auch zu DDR-Zeiten gab es gewaltt\u00e4tige Auseinandersetzungen, etwa in Diskotheken, wobei dort oft die Sicherheitsleute selbst die Schl\u00e4ger waren. Aber Messer wurden dabei nicht eingesetzt. Es war einfach nicht \u00fcblich, Waffen mit sich herumzutragen.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Auch anderen Delikte sind <a href=\"https:\/\/www.morgenpost.de\/bezirke\/pankow\/article215854351\/20-000-Straftaten-in-Prenzlauer-Berg.html\">besorgniserregend angestiegen<\/a>. Die Berichte von den Zust\u00e4nden rund um den G\u00f6rlitzer Park sind schon beim Lesen <a href=\"https:\/\/www.achgut.com\/suche\/eyJyZXN1bHRfcGFnZSI6InN1Y2hlXC9pbmRleCNzdWNoZXJnZWJuaXNzZSIsImtleXdvcmRzIjoiR1x1MDBmNnJsaXR6ZXIgUGFyayJ9#suchergebnisse\">kaum zu ertragen<\/a>.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Insgesamt hat auch die L\u00e4rmbel\u00e4stigung zugenommen. Da sind zum einen die vielen Autofahrer, die glauben, st\u00e4ndig mit der Hupe kommunizieren zu m\u00fcssen oder damit Staus aufl\u00f6sen zu k\u00f6nnen, was ich so bisher nur aus Dritte-Welt-L\u00e4ndern kannte, wo die Benutzung der Hupe vielleicht nicht so streng reglementiert oder kontrolliert wird. Auch werden Autoradios hemmungslos aufgedreht, als g\u00e4be es niemanden sonst auf der Welt, was mich an meine <a href=\"https:\/\/www.sunlion.de\/downloads\/sunlions_reiseverfuehrer.pdf\">schlechten Erfahrungen in Dubai erinnert<\/a>.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Zum anderen aber auch die Krakeler, die hemmungslos auf der Stra\u00dfe herumbr\u00fcllen, sodass es mir vorkommt, als w\u00e4ren all die digitalen Avatare aus GTA Vice City in die reale Welt heruntergekommen oder die Tore der \u00f6rtlichen Nervenheilanstalten unwiderruflich ge\u00f6ffnet worden.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Am gravierendsten war jedoch der Krach in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. 2005 zog ich aus der zweiten in die f\u00fcnfte Etage, von einer Anderthalb- in eine Zweizimmerwohnung mit Balkon und herrlichem Ausblick auf den Sonnenuntergang. Doch die Freude \u00fcber die neue Wohnung w\u00e4hrte nicht lange, denn links neben mir zog ein P\u00e4rchen ein, unvertr\u00e4glich wie Hund und Katze, h\u00f6rte laute Musik der \u00fcbelsten Sorte, fetzte sich unabl\u00e4ssig bis hin zu k\u00f6rperlichen Auseinandersetzungen und schwungvollen Einrichtungspositionsver\u00e4nderungen. Oder anders formuliert: Sie warfen Dinge durch die Wohnung. Auf der anderen Seite, eine Etage tiefer, siedelte ein Junkie, der auch alle paar Wochen einen Rappel bekam und seinerseits die Musikanlage auf Konzertlautst\u00e4rke drehte, was in einem so hellh\u00f6rigen Haus wie meinem eine katastrophale Wirkung hat. Mehrere Beschwerden bei der Hausverwaltung n\u00fctzten nichts, sie scherte sich nicht drum, was ziemlich d\u00e4mlich ist, denn wenn die netten Mieter aus purer Verzweiflung wegziehen, bleiben irgendwann die doofen \u00fcbrig, die auch sonst nur Probleme machen. Wie etwa der Jungspund zwei H\u00e4user weiter, der seinen M\u00fcll stets aus dem K\u00fcchenfenster im dritten Stock entsorgte. Oder der Alkoholiker im Erdgeschoss, der eines Nachts so besoffen war, dass er beim Nachhausetorkeln seinen Haust\u00fcrschl\u00fcssel in der Haust\u00fcr stecken lie\u00df und dann vor der Wohnungst\u00fcr seinen Schl\u00fcssel vermisste. Also verlie\u00df er wieder das Haus, vorbei an seinem in der Haust\u00fcr steckenden Schl\u00fcsselbund, schlug auf der anderen Hausseite ein Fenster ein und schlitzte sich beim Einstiegsversuch die Adern auf, was rund ums Haus und im Hausflur eine beispiellose Sauerei an Wand und Boden hinterlie\u00df. Zuletzt zog unter mir ein junger Mann ein, der den ganzen Tag auf dem Balkon kiffte und mir seine giftigen D\u00e4mpfe hoch ins Wohnzimmer schickte. Angeblich soll Marihuana eine entspannende Wirkung haben. Schon ulkig, dass das bei mir anders war. Will man das als Vermieter? Sicherlich nicht.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Dabei ging es urspr\u00fcnglich sehr gesittet zu, in der Wohnungsgenossenschaft, die zu DDR-Zeiten in den Sechzigern gegr\u00fcndet wurde und ausschlie\u00dflich Akademiker der Humboldt-Universit\u00e4t als Mieter akzeptierte. Doktoren, Professoren, Wissenschaftler aus allen nur denkbaren Bereichen \u2013 Geschichte, Medizin, Rechtswesen und Kunst, allesamt gebildet und zivilisiert. Wie konnte es nur so weit kommen?<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Zuletzt konnte ich meine Wohnung nur noch mit schallschluckenden Kopfh\u00f6rern, bei geschlossenen Fenstern bewohnen, was ziemlich deprimierend ist. Schlie\u00dflich, bei meinen letzten Auslandsaufenthalten in <a href=\"https:\/\/sunlion.de\/blog\/?s=Abu+Dhabi\">Abu Dhabi<\/a> und <a href=\"https:\/\/sunlion.de\/blog\/2024\/01\/11\/lusail-im-winter\/\">Doha<\/a>, wurde mir bewusst, dass es lebenswertere Orte gibt als Berlin. So traf ich Anfang des Jahres die Entscheidung, hier wegzuziehen. <br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Zuf\u00e4llig ergab sich kurz darauf eine gl\u00fcckliche F\u00fcgung des Schicksals, die mich schnell aus Berlin weggef\u00fchrt hat. Ich wohne nun quasi \u201ej. w. d.\u201c, wie der Berliner sagen w\u00fcrde, \u201ejanz weit drau\u00dfen\u201c, im Speckg\u00fcrtel, wo alle hinwollen, die es in dieser irre gewordenen Stadt nicht mehr aushalten. Hier drau\u00dfen herrscht zwar auch nicht <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=QiGJXIaZtzU\">absolute Ruhe<\/a>, aber es ist schon viel ertr\u00e4glicher. Morgens kr\u00e4ht hier sogar ein Gockelhahn, so was habe ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr geh\u00f6rt.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Der ehemalige Berliner B\u00fcrgermeister Wowereit pr\u00e4gte f\u00fcr die Stadt vor langer Zeit den Ausdruck: \u201earm, aber sexy\u201c, und in den Neunzigern war das auch so. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. \u00dcbriggeblieben sind <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/news\/mieterverein-ein-drittel-der-berliner-haushalte-kann-sich-die-miete-nicht-leisten-li.2219216\">irrsinnig hohe Mieten<\/a>, zu wenig Wohnraum, <a href=\"https:\/\/www.berlin-live.de\/berlin\/aktuelles\/berlin-buergermeister-wegner-bevorzugung-mitte-rahnsdorf-sicherheit-id194619.html\">ausufernde Kriminalit\u00e4t<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/mensch-metropole\/berlin-111-gruppenvergewaltigungen-in-einem-jahr-li.2219314\">zunehmende Vergewaltigungen<\/a>, eine unf\u00e4hige, ideologisch verblendete Politik, unz\u00e4hlige Baustellen und gewaltige Staus ohne Ende, <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/news\/kinderarmut-quoteberlin-ein-viertel-der-berliner-kinder-waechst-in-armut-auf-li.2218890\">ersch\u00fctternde Armut<\/a>, eine <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/bildung\/berliner-schulen-das-broeckelnde-klassenzimmer-1.4102012\">zerbr\u00f6ckelnde Infrastruktur<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.bz-berlin.de\/berlin\/autofahren-mit-wumms\">immer mehr Schlagl\u00f6cher<\/a>, die wie zum Ende der DDR hin nicht mehr zeitnah gestopft werden k\u00f6nnen.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Darum habe ich einen dringenden Rat an alle, die sich mit dem Gedanken tragen, nach Berlin zu ziehen: <strong>Lasst das sein!<\/strong> Ich bin hier geboren und aufgewachsen, ich lebte \u00fcber ein halbes Jahrhundert in dieser Stadt, ich kenne sie wie meine Westentasche. Berlin ist eine Menschenfresserin! Sie macht nette Menschen kaputt, auf vielerlei Art. <br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Man muss nicht gleich nach Doha fliegen, um ein beschauliches Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Auch in Deutschland gibt es lebenswertere Orte. Potsdam zum Beispiel, Waren\/M\u00fcritz und G\u00f6rlitz.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Also haltet Euch von hier fern! Wenn Ihr Sehnsucht nach Berlin habt, verbringt doch mal ein langes Wochenende hier, oder Euren Sommerurlaub. Aber danach macht, dass Ihr hier wieder wegkommt. Bevor Ihr gefressen werdet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Blubberkopp, eine Krawallschachtel, direkt unter meinem B\u00fcrofenster, machte mir soeben wieder deutlich klar, dass ich Anfang des Jahres die richtige Entscheidung getroffen habe. 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