{"id":3427,"date":"2025-08-14T09:02:05","date_gmt":"2025-08-14T09:02:05","guid":{"rendered":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/?p=3427"},"modified":"2025-08-15T10:32:41","modified_gmt":"2025-08-15T10:32:41","slug":"wortakrobatik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/2025\/08\/14\/wortakrobatik\/","title":{"rendered":"Wortakrobatik"},"content":{"rendered":"\n<p>In einem <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Kampf-um-die-Wahrheit-Plagiatsgutachter-Weber-fordert-Professorin-Brosius-Gersdorf-heraus-10522409.html\">aktuellen Artikel auf Telepolis<\/a> wird ein Fall beschrieben, bei dem ein Plagiatsgutachter Text\u00e4hnlichkeiten zwischen zwei wissenschaftlichen Arbeiten aus demselben Umfeld festgestellt hat. Diese Beobachtungen haben eine breite Diskussion \u00fcber wissenschaftliche Redlichkeit und Integrit\u00e4t ausgel\u00f6st.<br> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Unabh\u00e4ngig von den Details dieses konkreten Falls lohnt es sich, die statistische Dimension der deutschen Sprache zu betrachten. Diese verf\u00fcgt \u00fcber einen Wortschatz <a href=\"https:\/\/www.duden.de\/sprachwissen\/sprachratgeber\/Zum-Umfang-des-deutschen-Wortschatzes\">von rund 400.000 W\u00f6rtern<\/a>, die sich auf verschiedene Wortarten verteilen, darunter etwa 160.000 Substantive und 100.000 Verben. Betrachtet man einfache Satzstrukturen wie das Muster Subjekt \u2013 Verb \u2013 Objekt, ergeben sich daraus bereits mehr als 2,5 Billiarden grammatikalisch korrekte Kombinationen. Das bedeutet, dass sich beispielsweise S\u00e4tze wie \u201eKind malt Haus\u201c oder \u201eAuto rammt Baum\u201c bilden lassen&nbsp;\u2013 ganz ohne Ber\u00fccksichtigung von Bedeutung oder Kontext.<br> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;F\u00fcgt man weitere grammatikalische Elemente wie Artikel hinzu \u2013 etwa in einem Satz wie \u201eDer Hund frisst den Knochen\u201c&nbsp;\u2013 steigt die Zahl der m\u00f6glichen Kombinationen drastisch an, und zwar auf etwa 2,5 Trillionen grammatikalisch korrekte S\u00e4tze. Diese Zahlen verdeutlichen die enorme Vielfalt an Satzkombinationen, die allein auf formaler Ebene m\u00f6glich sind.<br> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Noch aussagekr\u00e4ftiger wird diese Betrachtung, wenn man den thematischen Rahmen einschr\u00e4nkt \u2013 etwa auf den Bereich juristischer Fachsprache, wie er typischerweise in juristischen Dissertationen verwendet wird. In solchen Arbeiten kommen bestimmte Begriffe und Formulierungen besonders h\u00e4ufig vor, w\u00e4hrend alltagssprachliche oder themenfremde W\u00f6rter \u2013 wie in den oben genannten Beispielen \u2013 kaum eine Rolle spielen. Reduziert man den Wortschatz auf etwa 40.000 lexikalische Einheiten, die im juristischen Kontext plausibel sind, ergibt sich auch bei einfachen Satzstrukturen wie Subjekt \u2013 Verb \u2013 Objekt noch immer eine Zahl m\u00f6glicher Kombinationen im zweistelligen Milliardenbereich. Bei realistischeren, komplexeren juristischen Satzkonstruktionen, die aus mehreren Teils\u00e4tzen, Attributen und typischen juristischen Floskeln bestehen (\u201eim Rahmen des Vertragsverh\u00e4ltnisses\u201c, \u201eauf Grundlage von \u00a7\u202f123 BGB\u201c), steigt diese Zahl auf mehrere Billionen m\u00f6glicher Varianten an.<br> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Auch unter dieser Einschr\u00e4nkung bleibt die Wahrscheinlichkeit, dass zwei unabh\u00e4ngig entstandene Texte dieselben oder sich \u00e4hnelnde mehrgliedrigen S\u00e4tze formulieren, verschwindend gering. Das hei\u00dft nicht zwangsl\u00e4ufig, dass \u00dcbereinstimmungen auf eine bewusste \u00dcbernahme hinweisen, doch es zeigt, wie selten solche F\u00e4lle ohne gemeinsame Quelle oder Abstimmung zustande kommen d\u00fcrften, insbesondere wenn <a href=\"https:\/\/plagiatsgutachten.com\/blog\/ghostwriting-verdacht-brosius-gersdorf\/\">beide Texte dieselben Fehler aufweisen<\/a>. Die gro\u00dfe sprachliche Vielfalt bietet nicht nur eine immense Breite an Ausdrucksm\u00f6glichkeiten, sondern auch eine Grundlage f\u00fcr die Bewertung von Originalit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem aktuellen Artikel auf Telepolis wird ein Fall beschrieben, bei dem ein Plagiatsgutachter Text\u00e4hnlichkeiten zwischen zwei wissenschaftlichen Arbeiten aus demselben Umfeld festgestellt hat. 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