{"id":3443,"date":"2025-08-16T07:43:44","date_gmt":"2025-08-16T07:43:44","guid":{"rendered":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/?p=3443"},"modified":"2025-08-16T08:11:15","modified_gmt":"2025-08-16T08:11:15","slug":"wenn-woerter-verschwinden-eine-liebeserklaerung-an-sprachliche-raritaeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/2025\/08\/16\/wenn-woerter-verschwinden-eine-liebeserklaerung-an-sprachliche-raritaeten\/","title":{"rendered":"Wenn W\u00f6rter verschwinden \u2013 eine Liebeserkl\u00e4rung an sprachliche Rarit\u00e4ten"},"content":{"rendered":"\n<p>Unsere Sprache ist wie ein alter Dachboden: Zwischen verstaubten Truhen, vergessenen M\u00f6beln und geheimnisvollen Briefen liegen auch W\u00f6rter, die im Alltag l\u00e4ngst niemand mehr benutzt. Manche davon sind wahre <strong>Kleinode<\/strong>, andere wirken wie sprachliche Kuriosit\u00e4ten, die man nur noch in Omas N\u00e4hk\u00e4stchen oder in vergilbten Romanen findet. Dort st\u00f6\u00dft man auf Begriffe, die heute fast wie <strong>Firlefanz<\/strong> wirken \u2013 und doch mehr Seele haben als so mancher moderne Modeausdruck.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Nehmen wir zum Beispiel <strong>\u201e<a href=\"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/2023\/09\/14\/ooch-dit-is-baerlin\/\">bl\u00fcmerant<\/a>\u201c<\/strong>. Schon der Klang ist ein kleines Kunstwerk \u2013 angesiedelt irgendwo zwischen Blumenvase und Bumerang. Gemeint ist allerdings Schwindel oder \u00dcbelkeit. Wie viel charmanter klingt es doch, wenn jemand seufzt: \u201eMir wird ganz bl\u00fcmerant\u201c, statt das n\u00fcchterne \u201eI glaab, i mua\u00df g\u2019spei\u2019n.\u201c herauszupressen. Und mal ehrlich: Selbst der strengste <strong><a href=\"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/2025\/03\/28\/frauen-hae\/\">Griesgram<\/a><\/strong> muss bei diesem Wort unwillk\u00fcrlich l\u00e4cheln.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Ein weiteres Schmuckst\u00fcck: <strong>\u201elarmoyant\u201c<\/strong>. Es klingt schon, als w\u00fcrde es selbst dringend ein Taschentuch ben\u00f6tigen. Gemeint ist eine \u00fcbertrieben wehleidige Person. Wer jemals mit einem Kollegen am Tisch sa\u00df, der aus jeder Kleinigkeit eine Trag\u00f6die spinnt, kennt diese Sorte Mensch. Fr\u00fcher h\u00e4tte man ihn vielleicht einen <strong>Jammerlappen<\/strong> genannt. Heute bleibt es meist beim Augenrollen.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<strong>\u201eFrivol\u201c<\/strong> hingegen schwebt federleicht zwischen Eleganz und Skandal. Einst bedeutete es leichtfertig, ausgelassen, ein wenig anst\u00f6\u00dfig. Heute sagt kaum jemand mehr \u201eDas ist aber frivol!\u201c, wenn die Bademode an Stoff spart. Stattdessen begn\u00fcgen wir uns mit \u201esexy\u201c \u2013 was irgendwie plumper klingt. Dabei steckt in \u201efrivol\u201c fast schon der Hauch einer Operette, am liebsten in geradezu <strong>opulenter<\/strong> Ausstattung.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Und dann die Jugendw\u00f6rter vergangener Jahrzehnte: <strong>\u201edufte\u201c, \u201eknorke\u201c<\/strong> und <strong>\u201euast schau\u201c<\/strong>. Wer das heute sagt, riskiert h\u00f6chstens irritierte Blicke. Dabei sind alle drei Begriffe herrlich unbeschwert. Sie haben etwas Unschuldiges, das man sich bei \u201emega nice\u201c oder \u201elit\u201c nur w\u00fcnschen kann. Vielleicht sollten wir sie wiederbeleben \u2013 als Gegenmittel zum Sprachalltag voller Anglizismen, in dem st\u00e4ndig mit neuen seelenlosen Floskeln <strong>Schindluder<\/strong> getrieben wird.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Zu den gem\u00fctlicheren Kandidaten z\u00e4hlt <strong>\u201ekommod\u201c<\/strong>. Es klingt, als k\u00f6nne man es zusammen mit braunkarrierten Hausschuhen tragen. \u201eMach\u2019s dir kommod\u201c \u2013 schon ist der Abend gerettet. Irgendwie traut man diesem Wort sogar mehr als dem n\u00fcchternen \u201ebequem\u201c. <br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Noch charmanter wird es, wenn man andere piesackt. Genau: <strong>\u201epiesacken\u201c<\/strong>. Dieses sch\u00f6ne Verb klingt schon nach dem, was es ist \u2013 necken, \u00e4rgern, sticheln. Es ist der kleine Bruder vom <strong>Schabernack<\/strong>, ein weiterer Veteran, der viel zu selten zum Einsatz kommt. Wobei es durchaus eine Grenze gibt: Wird das Piesacken zu bissig, k\u00f6nnte man es beinahe schon als <strong>garstig<\/strong> bezeichnen.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Und wenn man \u00fcber all diese Sprachjuwelen spricht, landet man fr\u00fcher oder sp\u00e4ter bei den <strong>\u201ePetitessen\u201c<\/strong> \u2013 Nichtigkeiten, die man elegant zur Seite wischen kann. Wer beim n\u00e4chsten Streit seufzt: \u201eAch, das sind doch nur Petitessen\u201c, verleiht selbst dem gr\u00f6\u00dften Drama ein wenig aristokratische Gelassenheit. Fast schon ein Hauch von <strong>Mond\u00e4nit\u00e4t<\/strong> weht dann durch die Szene \u2013 auch wenn der Anlass vielleicht nur eine kleine <strong>T\u00e4ndelei<\/strong> oder ein vertrockneter Blumenstrau\u00df auf dem K\u00fcchentisch war.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Vielleicht liegt genau darin der Reiz aussterbender W\u00f6rter: Sie erz\u00e4hlen Geschichten, malen Bilder und zaubern Emotionen, bevor man \u00fcberhaupt verstanden hat, was sie bedeuten. Manche sind verspielt, andere sind streng wie ein Tintenfisch im Sonntagsanzug \u2013 und wieder andere sind einfach nur knorke.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"717\" src=\"https:\/\/sunlion.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Dachboden-1200-\u00d7-840-1024x717.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3445\" srcset=\"https:\/\/sunlion.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Dachboden-1200-\u00d7-840-1024x717.jpg 1024w, https:\/\/sunlion.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Dachboden-1200-\u00d7-840-300x210.jpg 300w, https:\/\/sunlion.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Dachboden-1200-\u00d7-840-768x538.jpg 768w, https:\/\/sunlion.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Dachboden-1200-\u00d7-840.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Sprache ist wie ein alter Dachboden: Zwischen verstaubten Truhen, vergessenen M\u00f6beln und geheimnisvollen Briefen liegen auch W\u00f6rter, die im Alltag l\u00e4ngst niemand mehr benutzt.&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3443","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3443","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3443"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3443\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3447,"href":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3443\/revisions\/3447"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3443"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3443"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3443"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}