{"id":3538,"date":"2025-11-10T10:49:44","date_gmt":"2025-11-10T10:49:44","guid":{"rendered":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/?p=3538"},"modified":"2025-11-10T10:49:44","modified_gmt":"2025-11-10T10:49:44","slug":"cohens-wiedereroberung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/2025\/11\/10\/cohens-wiedereroberung\/","title":{"rendered":"Cohens Wiedereroberung"},"content":{"rendered":"\n<p>Letzten Freitag j\u00e4hrte sich der Todestag von Leonard Cohen, einem Ausnahmek\u00fcnstler, der weit mehr war als nur S\u00e4nger und Songwriter. Poet, Ironiker, Melancholiker \u2013 einer, der die dunklen T\u00f6ne des Lebens mit Anmut und Humor zu mischen verstand. Acht Jahre ist es nun her, dass er gegangen ist. Ein guter Moment, um sich an eines seiner faszinierendsten Lieder zu erinnern: \u201eFirst We Take Manhattan\u201c.<br> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Seit dem Erscheinen 1988 wurde der Song auf unterschiedlichste Weise gelesen. Viele Kritiker nahmen Cohens eigenes Interview beim Wort, in dem er den Titel als \u201eSong \u00fcber terroristische Fantasien\u201c bezeichnete. Das klang provokant, politisch, mysteri\u00f6s \u2013 und passte perfekt zum Zeitgeist der sp\u00e4ten Achtziger. Nur: Wer Cohens Werk kennt, wei\u00df, dass er nie einer war, der Gewalt romantisierte oder politische Parolen sang. Seine Waffen waren Sprache, Ironie und Melancholie.<br> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vermutlich hatte Cohen damals schlicht gespielt \u2013 mit dem Interviewer, der \u00d6ffentlichkeit, dem Bed\u00fcrfnis nach Bedeutung. Vielleicht war er genervt, vielleicht ironisch, vielleicht beides. Wenn man \u201eFirst We Take Manhattan\u201c ohne journalistischen Ballast h\u00f6rt, \u00f6ffnet sich eine ganz andere, viel menschlichere Deutung.<br> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u201eFirst We Take Manhattan\u201c ist kein Manifest der Zerst\u00f6rung, sondern der k\u00fcnstlerischen Wiedergeburt. Cohen spricht hier als Musiker, der \u2013 nach Jahren der Selbstzweifel und leisen Alben \u2013 wieder bereit ist, hinauszugehen und die Welt zu erobern: \u201eThey sentenced me to twenty years of boredom \/ For trying to change the system from within.\u201c Und: \u201eI practiced every night, now I\u2019m ready.\u201c Das klingt weniger nach Terrorismus als nach dem z\u00e4hen Alltag eines K\u00fcnstlers, der sich durch Routinen, Ablehnung und Zweifel gearbeitet hat. Zwanzig Jahre Langeweile \u2013 das k\u00f6nnte auch hei\u00dfen: zwanzig Jahre Plattenfirmen, Studioarbeit, Kompromisse.<br>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Zu der Zeit steckte Cohen in einer k\u00fcnstlerischen Erneuerungsphase. Er war Mitte 50 und reflektierte stark \u00fcber das \u00c4lterwerden, den Ruhm, seine Rolle als K\u00fcnstler. Nach einigen weniger erfolgreichen Alben der 70er und fr\u00fchen 80er hatte er seinen Sound modernisiert: mehr Synthesizer, dunkler Humor, urbane Themen. \u201eI\u2019m Your Man\u201c war ein \u00fcberraschender Erfolg \u2013 k\u00fcnstlerisch wie kommerziell \u2013 und erreichte Cohens bis dahin beste Chartpositionen. Er war wieder bereit zu spielen, geh\u00f6rt zu werden.<br> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;First we take Manhattan, then we take Berlin. Daraus spricht kein politischer Feldzug, sondern eine Art musikalischer Reiseplan. Manhattan und Berlin \u2013 legend\u00e4r schwierige Pr\u00fcfsteine, von K\u00fcnstlern gef\u00fcrchtet: riesig, anspruchsvoll, \u00fcberf\u00fcllt mit Kultur. St\u00e4ndig passieren tausend Dinge gleichzeitig: Einzelne Attraktionen k\u00f6nnen da schnell mal im Rauschen der Masse untergehen. Wer dort ein Publikum findet, hat wirklich etwas erreicht. Manhattan steht f\u00fcr den amerikanischen Markt, f\u00fcr Glamour und Zynismus. Berlin \u2013 damals wie heute \u2013 f\u00fcr das europ\u00e4ische Gegenst\u00fcck: experimentell, k\u00fchl, intelligent.<br>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Cohen sagt also sinngem\u00e4\u00df: \u201eZuerst holen wir uns das New Yorker Publikum, dann das Berliner. Wenn wir dort bestehen, dann \u00fcberall.\u201c Es ist eine ironische Kampfansage, kein Kriegsruf. Ein Musiker, der sich noch einmal aufrappelt und mit einem L\u00e4cheln sagt: \u201eIch bin noch da.\u201c<br> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eine von Leonard Cohens St\u00e4rken war stets die Ironie. Selbst seine dunkelsten Zeilen sind nie ganz ernst, nie ohne Augenzwinkern. Ein alternder S\u00e4nger, der die Welt erobern will \u2013 aber wei\u00df, dass er es mit einem Mikrofon tut, nicht mit einer Waffe. So betrachtet, ist der Song kein Statement, sondern ein Spiegel: Er zeigt, wie leicht wir Machtfantasien in Kunst hineinlesen, und wie oft K\u00fcnstler mit diesen Erwartungen spielen. Cohen wusste genau, dass ein Satz wie \u201eterrorist song\u201c Schlagzeilen macht. Er wollte nichts niederrei\u00dfen. Er wollte, dass man ihm zuh\u00f6rt, wenn er wieder zu spielen beginnt. Und das hat er geschafft \u2013 zuerst in Manhattan, dann in Berlin.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Leonard Cohen - First We Take Manhattan (Official Video)\" width=\"843\" height=\"632\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/JTTC_fD598A?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzten Freitag j\u00e4hrte sich der Todestag von Leonard Cohen, einem Ausnahmek\u00fcnstler, der weit mehr war als nur S\u00e4nger und Songwriter. 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