{"id":3688,"date":"2026-05-10T09:16:55","date_gmt":"2026-05-10T09:16:55","guid":{"rendered":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/?p=3688"},"modified":"2026-05-10T09:22:27","modified_gmt":"2026-05-10T09:22:27","slug":"gegen-die-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/2026\/05\/10\/gegen-die-zeit\/","title":{"rendered":"Gegen die Zeit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anfang der Achtzigerjahre h\u00f6rte ich im Radio einen Song, der mich <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1Z1z7oipqPc\">augenblicklich in seinen Bann zog<\/a>. Wenn ein Musikst\u00fcck exakt den richtigen Nerv trifft, beginnt sich die Zeit f\u00fcr einen Moment zu dehnen, und man lauscht wie entr\u00fcckt einer bet\u00f6renden Melodie, die alles um einen herum verblassen l\u00e4sst. Die Stimme ber\u00fchrte etwas in mir, lie\u00df mich nicht mehr los und nach dem Verklingen der letzten Note beinahe ratlos zur\u00fcck, denn der Moderator verlor kein einziges Wort \u00fcber Titel oder Urheber dieser wundervollen Aufnahme.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Nur ein einziges Mal geh\u00f6rt \u2013 und dennoch nie wieder vergessen. Wenn ein Musikst\u00fcck das zu leisten vermag, geh\u00f6rt es zweifellos zu den gro\u00dfen Meisterwerken. Erst viele Jahre sp\u00e4ter kreuzten sich unsere Wege erneut, und \u00fcberrascht stellte ich fest, dass diese schwarze Soulstimme einem wei\u00dfen amerikanischen S\u00e4nger geh\u00f6rte. Michael McDonald war damals l\u00e4ngst eine feste Gr\u00f6\u00dfe der amerikanischen Westcoast- und Blue-Eyed-Soul-Szene.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Vor wenigen Wochen lief mir der Titel beim Sortieren meiner Musiksammlung erneut \u00fcber den Weg, und \u2013 seit geraumer Zeit meiner jahrzehntealten, tausendfach geh\u00f6rten Musik \u00fcberdr\u00fcssig und <a href=\"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/2026\/04\/04\/sound-ohne-band\/\">auf der Suche nach neuen Eindr\u00fccken<\/a> \u2013 fragte ich mich, was dieser Musiker heute eigentlich macht. Bei Youtube stie\u00df ich schlie\u00dflich auf sein bislang letztes Album: Wide Open aus dem Jahr 2017. Doch da die CD in Europa offenbar extrem selten ist und nur zu absurd hohen Gebrauchtpreisen angeboten wird, blieb mir am Ende nichts anderes \u00fcbrig, als sie zusammen mit drei weiteren CDs von Michael McDonald direkt aus den USA zu importieren \u2013 was erstaunlicherweise trotz Porto sogar g\u00fcnstiger war als der Kauf der einzelnen CD hierzulande.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Es hat sich gelohnt. Was der inzwischen \u00fcber siebzigj\u00e4hrige Michael McDonald hier vorgelegt hat, ist kein m\u00fcdes Alterswerk, kein routiniertes Herunterspielen alter Tugenden und schon gar keine nostalgische Wiederbelebung vergangener Erfolge. Wide Open klingt vielmehr wie das reife Werk eines Musikers, der nach Jahrzehnten noch einmal all seine Erfahrung, sein K\u00f6nnen und seine musikalische Vision b\u00fcndelt und daraus ein Album erschafft, das in seiner Konsequenz beinahe aus der Zeit gefallen wirkt.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Schon nach wenigen Takten wird klar, dass hier kein steriles, auf Streamingdienste zugeschnittenes Hintergrund\u00adgedudel produziert wurde. Vor allem aber sind es die monumentalen Bl\u00e4sers\u00e4tze, die den H\u00f6rer f\u00f6rmlich \u00fcberw\u00e4ltigen. Sie rollen nicht beil\u00e4ufig durch die Songs, sondern bauen sich wie massive Klangw\u00e4nde auf und treiben die Musik mit einer Wucht voran, wie man sie heute kaum noch h\u00f6rt.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Moderne Produktionen wirken oft seltsam ausgeh\u00f6hlt: laut, komprimiert und dennoch ohne jede physische Pr\u00e4senz. Wide Open hingegen besitzt genau jene Kraft, die gro\u00dfe Studioalben der sp\u00e4ten Siebziger- und fr\u00fchen Achtzigerjahre einst auszeichnete. Die schweren Bl\u00e4ser, die vollen Streicher und diese unverwechselbare, markante Stimme verschmelzen zu einem Klangk\u00f6rper von beinahe \u00fcberw\u00e4ltigender Dichte.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Dass dieses Album klanglich derart hervorragend wirkt, \u00fcberrascht kaum, wenn man einen Blick auf die beteiligten Namen wirft. Unter anderem war der legend\u00e4re Toningenieur <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Bob_Ludwig\">Bob Ludwig<\/a> beteiligt \u2013 jener Mann, der einst bei Masterdisk New York zahllose Alben von Weltrang gemastert hat, von AC\/DC bis ZZ Top. Und tats\u00e4chlich besitzt Wide Open genau jene Qualit\u00e4t, die man heute nur noch selten h\u00f6rt: kraftvoll, warm, bemerkenswert detailreich und unfassbar cool. Aufwendig arrangierte, handwerklich perfekte Studiomusik f\u00fcr Musikliebhaber, gespielt von Musikern, die ihre Instrumente nicht nur beherrschen, sondern f\u00fchlen.<br> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Da war es wieder: Dieses l\u00e4ngst vergessen geglaubte Gef\u00fchl, diese Faszination, die einen innerlich ber\u00fchrt, wenn Musik f\u00fcr einen Augenblick die Welt ausblendet und nur sie noch existiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Just Strong Enough\" width=\"843\" height=\"632\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Jr4CdKD4AUQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang der Achtzigerjahre h\u00f6rte ich im Radio einen Song, der mich augenblicklich in seinen Bann zog. 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