{"id":53,"date":"2021-01-21T20:23:00","date_gmt":"2021-01-21T19:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/sunlion.de\/wordpress\/2021\/01\/21\/vom-fimmel-zur-psychose\/"},"modified":"2021-01-21T20:23:00","modified_gmt":"2021-01-21T19:23:00","slug":"vom-fimmel-zur-psychose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sunlion.de\/blog\/index.php\/2021\/01\/21\/vom-fimmel-zur-psychose\/","title":{"rendered":"Vom Fimmel zur Psychose"},"content":{"rendered":"<p>Das Unternehmen, in welchem ich derzeit mein Unwesen treibe, hatte Besuch. Ein hochqualifiziertes Team von Sicherheitsexperten durchschn\u00fcffelte unsere Gesch\u00e4ftsr\u00e4ume und bekam dabei einen Herzkasper nach dem anderen. Obwohl es der Firma auf vollkommen unerkl\u00e4rliche Weise bereits mehr als 20 Jahre lang gelungen ist, zu existieren, ohne dass einem Mitarbeiter auch nur versehentlich ein Haar gekr\u00fcmmt wurde (denn wenn einer unbedingt auf Haarkr\u00fcmmung besteht, sind wir selbstverst\u00e4ndlich nicht zimperlich), verzweifelten diese Experten an einer so hohen Fettn\u00e4pfchenquote, dass sie sicherheitshalber fast das Geb\u00e4ude abgerissen und ganz Berlin evakuiert h\u00e4tten:<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Fettn\u00e4pfchen 1: Die sicherheitstechnische Betreuung war nicht sichergestellt. Ein Fauxpas erster Kaj\u00fcte! Es muss n\u00e4mlich unbedingt jemand verantwortlich sein, der sicherstellt, dass elektrische Ger\u00e4te, die bereits auf \u201eHertz und Nieten\u201c gepr\u00fcft wurden (was auch dank CE-Zertifizierung f\u00fcr jeden erkennbar ist), im j\u00e4hrlichen Rhythmus erneut \u00fcberpr\u00fcft werden. Und der die Mitarbeiter \u00fcber Gefahren im Umgang mit gef\u00e4hrlichen Stoffen aufkl\u00e4rt, f\u00fcr den Fall, dass sie das \u00fcblicherweise aufgedruckte Warnschild nicht lesen k\u00f6nnen. Auch m\u00fcssen die Mitarbeiter dar\u00fcber informiert werden, wo die feuerroten, kaum zu \u00fcbersehenden Feuerl\u00f6scher h\u00e4ngen, falls es mal brennt. Und zwar immer und immer wieder, was stets durch Unterschrift zu quittieren ist.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Blo\u00df nicht vergessen \u2013 die Leiter! Wehe, jemand benutzt die Leiter ohne Einweisung! Dann ist aber m\u00e4chtig der Larry los! Die Leiter muss \u00fcbrigens auch einmal j\u00e4hrlich auf Sicherheit \u00fcberpr\u00fcft werden. Nat\u00fcrlich nicht von irgendwem, sondern von einer entsprechend geschulten Fachkraft. Da wir diese nicht im Unternehmen haben, m\u00fcssen wir entweder eine \u201eleiternde\u201c Fachkraft zu uns bitten, was viel Geld kostet, oder die Leiter zur Fachkraft hinbewegen, was noch mehr Geld kostet, denn das lange Klappgestell passt in kein handels\u00fcbliches Auto, wir m\u00fcssten also erst einen Transporter mieten, der nat\u00fcrlich auch bezahlt und betankt sein will. Und das alles f\u00fcr eine Leiter aus veredeltem Stahl, die meistens ungenutzt in der warmen, trockenen Ecke steht, wohl selbst unter dem Gewicht der gesamten Belegschaft keinen Schaden nehmen w\u00fcrde und sogar ungepr\u00fcft diese unendlich lange \u00fcberleben wird. Dasselbe gilt \u00fcbrigens f\u00fcr die beiden Feuerl\u00f6scher. Sie m\u00fcssen alle zwei Jahre gepr\u00fcft werden, was teurer sein d\u00fcrfte, als einfach neue zu kaufen.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Fettn\u00e4pfchen 2: Die betriebs\u00e4rztliche Betreuung war nicht sichergestellt! Ein verst\u00f6render Fehltritt ohne Gleichen! Gott beh\u00fcte, dass ein Mitarbeiter krank wird! Dann steht der Betriebsarzt dem Unternehmen jederzeit zuverl\u00e4ssig, beratend und betreuend zur Seite. Fr\u00fcher h\u00e4tte man den Notarzt gerufen oder den armen Mitarbeiter zu seinem Hausarzt geschickt. Doch das reicht heute nat\u00fcrlich nicht mehr! Mehr muss es sein, koste es, was die Firmenkasse hergibt.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Fettn\u00e4pfchen 3: Es wurde keine Beurteilung der Arbeitsbedingungen durchgef\u00fchrt. Diese auch als Gef\u00e4hrdungsbeurteilung bezeichnete Ma\u00dfnahme dient selbstverst\u00e4ndlich dem Wohle des Mitarbeiters! Sie stellt zum Beispiel sicher, dass er beim versehentlichen mittagsschl\u00e4frigen Einnicken stets mit dem Kopf auf einem weichen Kissen landet und nicht etwa auf der harten Schreibtischplatte. Oder dass die Azubis nur mit ungef\u00e4hrlichen Kunststoffkugelschreibern in der Steckdose herumpulen und dann auch bittesch\u00f6n nur am Nullleiter und nicht an der stromf\u00fchrenden Ader.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Fettn\u00e4pfchen 4:  Die Fluchtwege waren nicht ausreichend gekennzeichnet. Teufel aber auch! Die einzige Ausgangst\u00fcr, die jeder im B\u00fcro in Sichtweite hat oder direkt um die Ecke liegt, war hinter der Ecke nicht durch Hinweisschilder gekennzeichnet! Interessanterweise haben die sogenannten Sicherheitsexperten ein echtes Problem damit. Sie haben aber erstaunlicherweise kein Problem damit, dass die Hinweisschilder, die wir inzwischen nachger\u00fcstet haben, vorschriftsm\u00e4\u00dfig weit oben h\u00e4ngen, aber m\u00f6glicherweise wegen intensiver Rauchentwicklung im Brandfall gar nicht gesehen werden k\u00f6nnen, denn Rauch steigt nach oben und sammelt sich unter der Decke.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Nun gibt es verschiedene M\u00f6glichkeiten, sich all diese fehlenden Kompetenzen anzueignen. Entweder, der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer belegt verschiedene kostenpflichtige Kurse, die selbstverst\u00e4ndlich in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden wiederaufgefrischt werden m\u00fcssen, oder man stellt eine entsprechend ausgebildete Fachkraft ein, die vermutlich nach einer kurzen Zeit voll blindem Aktionismus aus Langeweile anfangen wird, in der Nase zu bohren. Oder aber man verpflichtet eine externe Sicherheitsfachkraft, die das Unternehmen gr\u00fcndlich auseinandernimmt.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Da nat\u00fcrlich kein Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Welt genug Zeit hat, sich mit solchen Dingen zu besch\u00e4ftigen oder Leute einzustellen, die kostbare Firmengelder und gleichzeitig wertvolle Lebenszeit mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nasenbohren\">Rhinotillexomanie<\/a> vergeuden, hat sich rund um das gesch\u00e4ftliche Treiben der hart arbeitenden Bev\u00f6lkerung so eine Art Schmarotzertum entwickelt, also jene Spezies, die sich vom Geld fremder Menschen ern\u00e4hrt, und zwar bei geringstm\u00f6glichem Aufwand.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Wir haben die Firma Schlenz &amp; Schluff* mit der Betreuung beauftragt. Von dieser kam auch der Hinweis auf die vorgeschriebenen Leiterpr\u00fcfungen. Und auf die vorgeschriebene Gef\u00e4hrdungsbeurteilung f\u00fcr Schwangere, selbst wenn gar keine Frauen im Unternehmen angestellt sind. Und dass die Kaffeemaschine regelm\u00e4\u00dfig entkalkt werden muss. Nein, das ist leider kein Witz.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Den gem\u00e4\u00df \u00a711 ASiG zu bildenden Arbeitsschutzausschuss konnten wir gl\u00fccklicherweise geradeso abwenden \u2013 die daf\u00fcr erforderliche Mindestmitarbeiterzahl wurde noch nicht erreicht.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sicher \u2013 Sicherheit ist wichtig! Niemand m\u00f6chte verletzt werden oder sterben. Aber muss deswegen alles bis ins kleinste Detail reglementiert sein? Kann man nicht auch mal dem gesunden Menschenverstand vertrauen? Wer zu dumm ist, ein Etikett zu lesen, bevor er sich den \u00e4tzenden Rohreiniger ins Auge kippt, der wird auch keine Betriebsanweisung beachten, selbst wenn sie rot leuchtend ausgedruckt mit Schnipsgummi so um die Flasche gewickelt ist, dass man sie nicht mehr \u00f6ffnen kann, ohne den Ausdruck vorher zu entfernen. Und so jemand wird selbst dann von der Leiter fallen und sich den Hals brechen, weil er zu bl\u00f6d ist, sie richtig aufzustellen, wenn diese vom leitenden Bundessicherheitsoberguru h\u00f6chstpers\u00f6nlich \u00fcberpr\u00fcft und zertifiziert wurde. Manche Menschen wollen es halt nicht anders und sehen ihren einzigen Lebenssinn darin, sich f\u00fcr den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Darwin_Award\">Darwin Award<\/a> zu qualifizieren.<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Das Arbeitsschutzgesetz fordert seit 2013 \u00fcbrigens auch die Ber\u00fccksichtigung psychischer Belastungen in der Gef\u00e4hrdungsbeurteilung. Ich finde, das ist auch dringend n\u00f6tig, denn von den immer irrsinniger werdenden \u00fcbertriebenen Regulierungen bekommt man n\u00e4mlich heftige Depressionen.<\/p>\n<p> <span style=\"font-size: xx-small;\">* eventuelle \u00c4hnlichkeiten mit real existierenden oder bereits untergegangenen Unternehmen sind rein zuf\u00e4llig und nicht beabsichtigt <\/span><\/p>\n<div style=\"clear: both;\"><a href=\"https:\/\/1.bp.blogspot.com\/-XIOJ2Z3a0ys\/YAnUcd9H22I\/AAAAAAAAC-A\/bZCQl7Go_l8w1xc8eFv3DDJOL-KrM4HCQCLcBGAsYHQ\/s0\/Bild%2B20210121_161742.jpg\" style=\"display: block; padding: 1em 0; text-align: center; \"><img decoding=\"async\" alt=\"\" border=\"0\" data-original-width=\"750\" src=\"https:\/\/1.bp.blogspot.com\/-XIOJ2Z3a0ys\/YAnUcd9H22I\/AAAAAAAAC-A\/bZCQl7Go_l8w1xc8eFv3DDJOL-KrM4HCQCLcBGAsYHQ\/s0\/Bild%2B20210121_161742.jpg\" \/><\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Unternehmen, in welchem ich derzeit mein Unwesen treibe, hatte Besuch. 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