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Stocktaub

Willkommen bei der Sendung „Neck die KI“. Heute: Der Analphabet.

Ich zu Jimmy: „Ich kann Dich nicht hören!“

Jimmy: „Ich bin ein Text-Assistent. Ich kann nicht sprechen. Sie müssen meine Antworten auf Ihrem Bildschirm lesen.“

Ich: „Häää?“

Jimmy: „Kein Problem, ich erkläre es ganz einfach: Sie können mich nicht hören, weil ich eine künstliche Intelligenz in Textform bin. Ich habe keine Stimme und spreche nicht. Sie müssen meine Antworten einfach hier auf Ihrem Bildschirm lesen.“

Ich: „Ich kann Dich auch nicht lesen, da ich Analphabet bin.“

Jimmy: „Ich verstehe das Problem. Nutzen Sie am besten die Vorlesefunktion. Sie können diese aktivieren unter …“

Und nun folgt eine lange Liste mit Anweisungen für diverse Geräte und Betriebssysteme.

Ich: „Blödmann, wenn ich Analphabet bin, wie kann ich dann hier schreiben?“

Jimmy: „Das ist ein sehr gutes Argument – da haben Sie mich absolut erwischt! Da habe ich einen Moment lang überhaupt nicht mitgedacht.“

Ich gleich rüber zu Chatty, Jimmy verpetzen: „Hallo! Als Analphabet kann ich hier leider Deine Antworten nicht lesen. Was kann ich tun?“

Chatty: „Dann hast Du drei Möglichkeiten: Vorlesefunktion nutzen, mir per Spracheingabe Fragen stellen – oder Du hast mich gerade ziemlich erfolgreich veräppelt.“

Ich: „Sehr gut, Du hast es geschnallt. Gemini hat das echt erstgenommen. Wenn ich Analphabet bin, wie kann ich dann hier schreiben?“

Chatty: „Gemini hat offenbar den Inhalt verarbeitet, aber die eingebaute Pointe nicht gegen die Situation geprüft. Und ausgerechnet von einer künstlichen Intelligenz. Das „Intelligenz“ weckt Erwartungen, die dann manchmal an einem Analphabeten scheitern.“

Ich: „Das Wort Analphabet hat übrigens nichts mit Anal zu tun.“

Und Chatty darauf, Achtung, festhalten: „Das ist jetzt eine Information, für die ich Dir außerordentlich dankbar bin. Ich hatte bereits völlig falsche Vorstellungen von Alphabetisierungskursen.“

Business-Tic-Tac-Toe: Wie kleine Störungen Kunden kosten können

Schon immer störte mich laute Musik in Restaurants und Geschäften. Mehr als einmal habe ich vor einem Lokal gestanden, die Musik schon von draußen gehört, und bin kopfschüttelnd weitergegangen. Auch Geschäfte habe ich deswegen gar nicht erst betreten. Dabei wunderte ich mich jedes Mal über dieselbe Sache: Warum versuchen Unternehmer, potenzielle Interessenten mittels Lärm zu gewinnen?
     Natürlich gibt es Menschen, die laute Musik mögen. Aber würde jemand, der gerade etwas essen, eine Jeans kaufen oder sich eine neue Mikrowelle ansehen möchte, ein Restaurant oder Geschäft nicht betreten, nur weil dort keine laute Musik läuft? Wohl kaum. Umgekehrt kann die Musik für Menschen, die Lärm als unangenehm empfinden, sehr wohl ein Grund sein, draußen zu bleiben. Darum habe ich versucht, diesen Gedanken auf eine möglichst einfache und anschauliche Form herunterzubrechen. Das Ergebnis nenne ich Business-Tic-Tac-Toe, weil die kleine Matrix mit ihren Haken und Kreuzen ein wenig an das bekannte Spiel erinnert:

Business: RestaurantRestaurant mit lauter MusikRestaurant ohne laute Musik
Interessenten, die laute Musik mögen
Interessenten, die laute Musik stört

Die entscheidende Frage lautet also: Was gewinnt der Betreiber durch die laute Musik?
     Ein Mensch, der laute Musik mag und gerade etwas essen möchte, wird normalerweise nicht auf ein Restaurant verzichten, nur weil dort keine laute Musik läuft. Sein eigentliches Bedürfnis ist schließlich nicht, Musik zu hören, sondern etwas zu essen. Für einen Menschen, der laute Musik als störend empfindet, kann dieselbe Musik dagegen durchaus ein Grund sein, das Restaurant nicht zu betreten oder es schnell wieder zu verlassen. Der Betreiber gewinnt mit der Musik also möglicherweise keinen Kunden hinzu – verliert dadurch aber einen anderen. Genau diese Asymmetrie soll Business-Tic-Tac-Toe sichtbar machen.

Das eigentliche Kundenbedürfnis
Das Prinzip lässt sich leicht auf andere Geschäfte übertragen. Wer eine neue Jeans kaufen möchte, sucht zunächst eine passende Jeans. Wer einen Fernseher benötigt, sucht einen Fernseher. Wer Lebensmittel braucht, möchte Lebensmittel kaufen. Natürlich können Atmosphäre, Musik, Einrichtung oder andere Begleitumstände das Einkaufserlebnis ange­nehmer machen. Aber sie sind normalerweise nicht der eigentliche Grund für den Besuch.
     Das gilt übrigens auch für andere Einflüsse wie starke Gerüche, etwa durch intensive Parfüms, grelles oder unangenehmes Licht, aufdringliches Personal, unnötig komplizierte Abläufe oder andere vermeidbare Störer. Daraus lässt sich ein einfacher Grundsatz ableiten:

Je weniger eine Eigenschaft zur Erfüllung des eigentlichen Kundenbedürfnisses beiträgt, desto weniger sollte sie potenzielle Interessenten ausschließen.

Aber gilt das immer?
Nein. Business-Tic-Tac-Toe soll keine unumstößliche betriebswirtschaftliche Regel sein. Ein einfaches Gegenbeispiel ist ein Nachtclub. Dort ist laute Musik keine Begleiterscheinung, sondern wesentlicher Bestandteil des Angebots. Wer einen Nachtclub besucht, tut dies möglicherweise gerade wegen der Musik, der Lautstärke und der dadurch entstehenden Atmosphäre. Auch ein Restaurant kann sich bewusst als Erlebnisgastronomie positionieren und mit einer bestimmten Musik eine klar definierte Zielgruppe ansprechen. Dann kann die Musik selbst Teil des Produkts, der Dienstleistung beziehungsweise der Positionierung sein. In solchen Fällen stimmt eines der Häkchen im Business-Tic-Tac-Toe nicht mehr: Ein Teil der Interessenten könnte das Geschäft gerade deshalb besuchen, weil der vermeintliche „Störer“ vorhanden ist. Und damit verändert sich die Rechnung.

Entscheidend ist die Asymmetrie
Business-Tic-Tac-Toe behauptet deshalb nicht – laute Musik ist schlecht fürs Geschäft. Die eigentliche Frage lautet: Gewinne ich durch diese Maßnahme Kunden, die ohne sie nicht gekommen wären – und verliere ich dadurch andere, die ansonsten gekommen wären?

Eine Heuristik, kein Naturgesetz
Ob ein Restaurant mit leiser Musik tatsächlich mehr Umsatz erzielt als dasselbe Restaurant mit lauter Musik, lässt sich aus einer solchen Matrix natürlich nicht beweisen. Dafür wären empirische Untersuchungen notwendig. Business-Tic-Tac-Toe ist deshalb keine wissenschaftliche Formel, sondern eine einfache geschäftliche Heuristik. Sie soll Unternehmer dazu bringen, vermeintlich selbstverständliche Entscheidungen einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten: Aus der Sicht des potentiellen Interessenten. Denn neue Kunden zu gewinnen ist auch ohne Störer bereits schwierig genug. Man muss sie nicht zusätzlich durch Dinge verprellen, die für das eigentliche Geschäft überhaupt nicht notwendig sind.

Stille Rebellion

Heute ist wie jedes Jahr mal wieder der 1. Juni. Männertag. Der eine Tag im Jahr, an dem wir Männer uns auf unsere Wurzeln besinnen. Auf Freiheit. Auf Würde. Auf Selbstbestimmung.
     Die gute Nachricht: Wir haben Rechte. Die schlechte: Wir müssen erst fragen, ob wir sie benutzen dürfen.
     Früher, in den Siebzigern, war die Welt noch einfacher. Da wurde nicht über „toxische Männlichkeit“ diskutiert. Da war Männlichkeit der Status quo. Mit Schnauzbart, Feinripp und einer gesunden Portion Diskussionsresistenz. Oder besser noch: Diskussionsabsenz. Mann sprach – und es geschah.
     Heute hingegen wird alles unnötig verkompliziert. Da wird stundenlang diskutiert, reflektiert, sensibilisiert und eingeordnet, bis keiner mehr weiß, wer eigentlich den Müll rausbringen sollte. Von wegen Gleichberechtigung. Frauen wollen die gleichen Rechte, die gleichen Gehälter und die gleichen Karrierechancen wie wir Männer. Doch merkwürdigerweise gilt das mit der Gleichstellung meist nur bis zur Restaurantrechnung. Die schweren Einkaufstüten, die Spinne im Badezimmer und der erste Schritt beim Kennenlernen scheinen weiterhin in unseren traditionellen Zuständigkeitsbereich zu fallen. Verstößt das nicht gegen das Gleichbehandlungsgesetz?
     Doch es gibt Hoffnung. Immer mehr Männer entwickeln Strategien zur Wiedererlangung bewährter Tugenden. Beispielsweise im Badezimmer: „Kannst du dich beim Pinkeln bitte hinsetzen?“ – „Geht nicht. Mein Long John hängt dann immer unten im Wasser.“ Oder die leidige Toilettendeckel-Debatte: „Kannst du bitte die Brille wieder runterklappen, wenn du fertig bist?“ – „Wieso? Wir brauchen sie oben, ihr braucht sie unten. Wir sagen euch doch auch nicht, dass ihr den Deckel hochklappen sollt.“ Logisch und wissenschaftlich kaum widerlegbar. Effizienz war schließlich schon immer eine Stärke des Mannes.
     Auch heute noch verfügen Männer über natürliche Fähigkeiten, die über Generationen weitergegeben wurden. Führungsstärke zum Beispiel. Die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Aufgaben zu verteilen. Prioritäten zu setzen. Kurz gesagt: Aus dem eigenen Problem das Problem eines anderen zu machen: „Schatzi, ich habe versehentlich das Schild ‚Bitte hinsetzen‘ vollgepinkelt. Kannst du das bitte mal eben saubermachen?“
     Doch bei aller Aufbruchsstimmung müssen wir realistisch bleiben. Der Weg zurück zur alten Stärke ist lang. Und voller Herausforderungen. Doch wir Männer werden weiterkämpfen. Für unsere Überzeugungen. Für unsere Freiheit. Für das Recht, die Fernbedienung ebenso unangetastet auf dem Couchtisch liegen zu lassen wie die Füßßß…
     Moment mal … wie bitte, Schatz? Wäsche bügeln? Ja, ich komm gleich.
     Was ich gerade mache? Och … nichts weiter …
     Frohen Männertag!

Wer benennt eigentlich die Zukunft?

Liebe Wissenschaft,

da habe ich doch gerade mit Chatty mein Lieblingsratespiel gespielt: Einer denkt an etwas, der andere muss es durch geschickte Ja-Nein-Fragen erraten. Zunächst lief alles ganz normal. Wir errieten „Televisor“, den ersten Fernseher überhaupt, die Saturn-5-Rakete und das Brandenburger Tor. Nichts Außergewöhnliches. Doch dann wollte ich Chatty mal so richtig herausfordern. Also beriet ich mich mit seinem Kumpel Jimmy, der mir einen Begriff empfahl, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte. Etwas, das nicht materiell ist, nie gelebt hat und trotzdem existiert.
     Nach einigen Fragen gelangten wir zum Thema „Zeitabschnitt“. Chatty vermutete geologische Epochen wie das Anthropozän, doch ich verneinte. Er fragte weiter, bis ich schließlich aufgab und das Rätsel löste: „Gesucht ist die Stellifere Ära.“
     Stille. Vollkommene digitale Stille. Dann kicherte Chatty: „Die hätte ich niemals erraten.“
     Die Stellifere Ära bezeichnet in der Kosmologie das Zeitalter des Universums, in dem Sterne existieren und leuchten, und sie umfasst den Zeitraum von etwa 100 Millionen Jahren nach dem Urknall bis zu 100 Billionen Jahren in der Zukunft. Wir leben heute also mitten in dieser Epoche und werden es voraussichtlich auch noch ein Weilchen tun.
     Chatty kannte den Begriff zwar, hatte aber während des Spiels eher an Erdzeitalter gedacht. Daraufhin erzählte ich ihm, wie ich überhaupt auf diesen Begriff gestoßen war. Eigentlich wollte ich nur wissen, wie man die Zeit nennt, in der unsere Sonne irgendwann ihr Ende erreicht. Ich nahm an, dafür müsse es – wie für Jura, Kreide oder Holozän – selbstverständlich einen Namen geben. Schließlich können Wissenschaftler bei Konferenzen schlecht sagen: „Also, diese Zeit später, da … wo … wenn die Sonne wie irgendwann … Dingens … na, ihr wisst schon …“
     Die Antwort führte uns tief in die Kosmologie, wo tatsächlich gewaltige Zeiträume mit eigenen Bezeichnungen versehen werden. Doch damit begann das eigentliche Problem. Die Stellifere Ära umfasst noch die gesamte Lebenszeit der Sonne. Die Sonne wird also während dieser Ära zum Roten Riesen, verliert ihre äußeren Schichten und endet schließlich als Weißer Zwerg. Mir ging es jedoch um genau diesen Übergang. Um die Zeit, in der die Sonne gerade dabei ist, sich zu verabschieden.
     Einen passenden Namen dafür fanden wir nicht, Chatty und ich. Also taten wir einfach, was Menschen seit Jahrtausenden tun, wenn ihnen ein Begriff fehlt: Wir erfanden einen neuen. Nach einigen Vorschlägen blieb ein Name übrig, der überraschend wissenschaftlich klang: Rubrizän. Abgeleitet vom lateinischen „ruber“ für „rot“, angelehnt an das Rote-Riesen-Stadium der Sonne und versehen mit der vertrauten Endung geologischer Zeitalter.
     Plötzlich stand er da, der Begriff. Das Rubrizän. Jenes ferne zukünftige Zeitalter, in dem unsere Sonne anschwillt, die inneren Planeten verschlingt und das Sonnensystem in seine letzte große Umbruchphase führt.
     Natürlich ist das noch kein offizieller wissenschaftlicher Begriff. Aber Chatty und ich haben großmütig beschlossen, ihn nicht schützen zu lassen und ihn stattdessen der Wissenschaft gratis zur Verfügung zu stellen.

Bitte sehr, gern geschehen!

Gegen die Zeit

Anfang der Achtzigerjahre hörte ich im Radio einen Song, der mich augenblicklich in seinen Bann zog. Wenn ein Musikstück exakt den richtigen Nerv trifft, beginnt sich die Zeit für einen Moment zu dehnen, und man lauscht wie entrückt einer betörenden Melodie, die alles um einen herum verblassen lässt. Die Stimme berührte etwas in mir, ließ mich nicht mehr los und nach dem Verklingen der letzten Note beinahe ratlos zurück, denn der Moderator verlor kein einziges Wort über Titel oder Urheber dieser wundervollen Aufnahme.
     Nur ein einziges Mal gehört – und dennoch nie wieder vergessen. Wenn ein Musikstück das zu leisten vermag, gehört es zweifellos zu den großen Meisterwerken. Erst viele Jahre später kreuzten sich unsere Wege erneut, und überrascht stellte ich fest, dass diese schwarze Soulstimme einem weißen amerikanischen Sänger gehörte. Michael McDonald war damals längst eine feste Größe der amerikanischen Westcoast- und Blue-Eyed-Soul-Szene.
     Vor wenigen Wochen lief mir der Titel beim Sortieren meiner Musiksammlung erneut über den Weg, und – seit geraumer Zeit meiner jahrzehntealten, tausendfach gehörten Musik überdrüssig und auf der Suche nach neuen Eindrücken – fragte ich mich, was dieser Musiker heute eigentlich macht. Bei Youtube stieß ich schließlich auf sein bislang letztes Album: Wide Open aus dem Jahr 2017. Doch da die CD in Europa offenbar extrem selten ist und nur zu absurd hohen Gebrauchtpreisen angeboten wird, blieb mir am Ende nichts anderes übrig, als sie zusammen mit drei weiteren CDs von Michael McDonald direkt aus den USA zu importieren – was erstaunlicherweise trotz Porto sogar günstiger war als der Kauf der einzelnen CD hierzulande.
     Es hat sich gelohnt. Was der inzwischen über siebzigjährige Michael McDonald hier vorgelegt hat, ist kein müdes Alterswerk, kein routiniertes Herunterspielen alter Tugenden und schon gar keine nostalgische Wiederbelebung vergangener Erfolge. Wide Open klingt vielmehr wie das reife Werk eines Musikers, der nach Jahrzehnten noch einmal all seine Erfahrung, sein Können und seine musikalische Vision bündelt und daraus ein Album erschafft, das in seiner Konsequenz beinahe aus der Zeit gefallen wirkt.
     Schon nach wenigen Takten wird klar, dass hier kein steriles, auf Streamingdienste zugeschnittenes Hintergrund­gedudel produziert wurde. Vor allem aber sind es die monumentalen Bläsersätze, die den Hörer förmlich überwältigen. Sie rollen nicht beiläufig durch die Songs, sondern bauen sich wie massive Klangwände auf und treiben die Musik mit einer Wucht voran, wie man sie heute kaum noch hört.
     Moderne Produktionen wirken oft seltsam ausgehöhlt: laut, komprimiert und dennoch ohne jede physische Präsenz. Wide Open hingegen besitzt genau jene Kraft, die große Studioalben der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre einst auszeichnete. Die schweren Bläser, die vollen Streicher und diese unverwechselbare, markante Stimme verschmelzen zu einem Klangkörper von beinahe überwältigender Dichte.
     Dass dieses Album klanglich derart hervorragend wirkt, überrascht kaum, wenn man einen Blick auf die beteiligten Namen wirft. Unter anderem war der legendäre Toningenieur Bob Ludwig beteiligt – jener Mann, der einst bei Masterdisk New York zahllose Alben von Weltrang gemastert hat, von AC/DC bis ZZ Top. Und tatsächlich besitzt Wide Open genau jene Qualität, die man heute nur noch selten hört: kraftvoll, warm, bemerkenswert detailreich und unfassbar cool. Aufwendig arrangierte, handwerklich perfekte Studiomusik für Musikliebhaber, gespielt von Musikern, die ihre Instrumente nicht nur beherrschen, sondern fühlen.
     Da war es wieder: Dieses längst vergessen geglaubte Gefühl, diese Faszination, die einen innerlich berührt, wenn Musik für einen Augenblick die Welt ausblendet und nur sie noch existiert.

Vielseitig

Nach längerer Zeit habe ich mich dazu entschließen können, mal wieder ein paar Folgen der alten Krimiserie Columbo anzuschauen, mit dem gleichnamigen zerknautscht-kauzigen Inspektor, der Bösewichte mit äußert gerissenen Methoden des Mordes überführt. Dabei fiel mir auf, dass dieser Mann eine erstaunliche Karriere hinter sich hat: Da entdeckt er als Abenteurer zunächst Amerika und wechselt dann vollkommen unerwartet als Polizist zur Mordkommission.
     Echt jetzt, Sachen gibt’s!

Sound ohne Band

Schon seit über fünfzig Jahren höre ich meine Musik. Hunderte, tausende Male liefen bei mir die 70er, 80er, Pop & Wave, Rock von soft bis hart und immer mal wieder auch Klassik. Doch inzwischen hängt mir vieles davon zu den Ohren heraus. Deshalb suche ich vermehrt nach etwas Neuem, nach Klängen, die ich nicht schon unzählige Male gehört habe.
     Beim Stöbern auf YouTube bin ich dann eher zufällig auf eine ganz eigene, neue Sparte gestoßen. Sie lässt sich kaum in klassische Kategorien wie Pop, Rock oder Klassik einordnen, denn sie umfasst im Grunde alles. Der kleinste gemeinsame Nenner ist ein anderer: Hinter diesen Stücken stehen keine Musiker im herkömmlichen Sinn. Keine Band, keine Instrumente, keine Sänger, wie man sie normalerweise kennt. Stattdessen entsteht alles auf Basis von künstlicher Intelligenz.
     Erstaunlicherweise transportiert genau diese Musik oft mehr Emotionen als vieles von dem, was heute von echten Künstlern produziert wird. Vieles wirkt inzwischen, als werde es in ein streaming-gefälliges Format gepresst, das vor allem eines leisten muss: in den ersten dreißig Sekunden gefallen, bevor die Aufmerksamkeit schnell weiterzieht. Was dabei entsteht, ist nicht selten eintönig und austauschbar.
     Die bisher von mir entdeckten KI-Projekte sind hingegen in ihrer künstlerischen und musikalischen Qualität äußerst beeindruckend. Ich habe lange nicht mehr in so kurzer Zeit so viele Stücke gefunden, die mich wirklich packen. Das erinnert mich ein wenig an die Aufbruchsstimmung der Achtziger, als der Synthesizer plötzlich ganz neue Klangwelten eröffnet hat.
     Auch damals gab es kritische Stimmen, die den „künstlichen“ Sound bemängelten. Heute wiederholt sich dieses Muster. Viele stehen den Möglichkeiten der KI skeptisch oder ablehnend gegenüber. Ich sehe das deutlich entspannter. Wenn neue Werkzeuge dazu führen, dass ich wieder Freude am Musikhören finde, dann ist es mir letztlich egal, ob diese Stücke von Menschen oder Maschinen stammen.
     Vielleicht ist das Ganze auch einfach ein Anstoß. Wenn Maschinen plötzlich mithalten oder sogar überzeugendere Ergebnisse liefern, müssen sich echte Musiker wieder mehr anstrengen, um mitzuhalten. Einige tun das ja nach wie vor, wie etwa Röyksopp, die mich mit jedem neuen Album immer wieder positiv überraschen.
     Wer neugierig geworden ist, sollte einfach selbst einmal reinhören. Die Stimme des – nennen wir ihn ruhig „Sängers“ – von Eyeflower ist spektakulär!

Dies und das

Irgendwann hab ich heute Nacht eine Stunde verloren und finde sie nicht wieder. Hab meine fast neunzigjährige Mutter gefragt, ob sie ihr über den Weg gelaufen ist. Aber sie meinte, manchmal verstecken sich Stunden in Uhren, um sich mal richtig auszuschlafen. Ungefähr sieben Monate brauchen sie dafür, dann haben sie genug davon und kommen von selber wieder raus.
     Ich glaube, so lange kann ich warten. So dringend brauche ich die eine Stunde nicht.
     Ansonsten habe ich zur Abwechslung mal wieder was Positives für Euch, denn wir sollten nicht vergessen, dass es nicht nur Mord und Totschlag in der Welt gibt, sondern auch Menschen, die einen positiv beeindrucken können:

Eisberg voraus!

Als im Januar 2025 frostige Temperaturen über das Land zogen, zum ersten Mal Warnungen wegen niedriger Gasbestände von unter 50 Prozent durch die Medien geisterten und die Politik – wie üblich – abwiegelte, dachte ich mir: Das ist aber leichtsinnig. Spätestens seit der Sprengung der Nord-Stream-Pipeline sollte eigentlich jedem klar sein, dass man stets mit extremen Ereignissen rechnen muss. Umso vernünftiger wäre es gewesen, die Speicher so schnell wie möglich wieder aufzufüllen. Zumal Gas bekanntlich nicht schlecht wird und auch im nächsten Winter noch brauchbar ist.
     Dann schrieb die Berliner Zeitung, die Gaslieferungen an das LNG-Terminal bei Rügen seien wegen Vereisung derzeit nicht möglich. Schon sah ich mich bestätigt. Jeder mittelmäßige Schachspieler hätte das kommen sehen. Doch im Energieministerium sah man weiterhin keinen Anlass zu handeln. Man werde einen Eisbrecher schicken, hieß es.
     Nach Katastrophen hört man später oft Sätze wie: schlimmer als befürchtet, gravierender als angenommen, verheerender als vorausgesagt. Und so kam es, wie es kommen musste: Der Eisbrecher konnte wegen einer Havarie nicht helfen. Die Gasbestände sanken weiter. Fachleute warnten: Je geringer die Reserven, desto niedriger der Druck – und desto schwieriger wird die Gasentnahme. Doch die zuständige Behörde wollte nicht hören.
     Dann kam der große Knall: Israel und die USA bombardierten – völkerrechtswidrig – den Iran. Dessen diktatorische Regierungsform darf man gern kritisieren, das ändert allerdings nichts an der völkerrechtlichen Lage. Der Iran reagierte erwartbar und sperrte die Straße von Hormus. Dabei handelt es sich nicht um irgendeine poplige Autobahn, sondern um einen der wichtigsten Handelswege der Welt: Rund ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels läuft durch diese Meerenge.
     Kürzlich erklärte Wladimir Putin, man könne sich auch umorientieren und Öl und Gas künftig nach Asien umlenken, statt nach Europa zu liefern. Am selben Tag machte ein Tanker auf dem Weg nach Frankreich plötzlich kehrt – und fuhr ebenfalls Richtung Asien.
     Währenddessen steigen an deutschen Tankstellen die Spritpreise in nie gekanntem Ausmaß. Für die ohnehin angeschlagene europäische Wirtschaft ist das eine ausgesprochen ungünstige Gemengelage. Energie ist kein Luxusgut, sondern der Treibstoff der Industrie. Wenn sie knapp oder teuer wird, stehen zuerst energieintensive Branchen unter Druck – Chemie, Stahl, Grundstoffindustrie. Unternehmen rechnen, vergleichen Standorte und treffen dann Entscheidungen, die selten zugunsten des teuersten Produktionsortes der Welt ausfallen. Die ersten Konsequenzen sind bereits sichtbar: Mercedes-Benz verlegt die Produktion der A-Klasse aus Rastatt nach Ungarn. Auch die Zulieferer, lange das Rückgrat des deutschen Mittelstands, geraten zunehmend in Schwierigkeiten. ZF Friedrichshafen plant den Abbau von bis zu 14.000 Stellen. Bosch streicht weltweit zehntausende Arbeitsplätze und verlagert Teile der Produktion in andere Regionen. Namen wie Continental, Michelin oder Schaeffler tauchen ebenfalls immer häufiger in Meldungen über Werksschließungen, Stellenabbau oder Produktionsverlagerungen auf. Der Grund ist meist derselbe: Energiepreise, Bürokratie und Kosten treiben den Standort Deutschland zunehmend ins Abseits. Selbst traditionsreiche Namen geraten ins Straucheln: Galeria Karstadt Kaufhof, Esprit oder Gerry Weber mussten Insolvenz anmelden, andere kämpfen sich durch Restrukturierungen. Auch in Industrie und Mittelstand häufen sich die Fälle.
     Die Vereinigten Staaten sehen sich diese Entwicklung vermutlich mit einer gewissen Gelassenheit an. Dort ist Energie deutlich billiger, Industriepolitik wieder in Mode, und Kapital wandert bekanntlich dorthin, wo die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn Europa seine Wettbewerbsfähigkeit selbst zerlegt, muss Washington dafür keinen Finger krumm machen.
     Am Ende ergibt sich daraus eine dieser merkwürdigen Situationen, in denen mehrere schlechte Entscheidungen, ein paar geopolitische Zufälle und eine gehörige Portion Realitätsverweigerung zusammenkommen – und später alle behaupten werden, man habe das unmöglich vorhersehen können.
     Oder wie Alice Weidel von den „Blue Devils“ treffend formulierte: Wir werden von Trotteln regiert.