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Frauen, hä?

Auf dem gestrigen Weg ins Büro fiel mir eine Frau in der S-Bahn auf, Ende zwanzig, mit mutmaßlich arabischen Gesichtszügen, stark geschminkt und kleidungsmäßig extrem aufgebrezelt. Nicht dass das in Berlin was besonderes wäre. Besonders war nur die Form ihrer Lippen. Viele Schönheitschirurg-Opfer schleppen nach dem Massaker extrem auffällige Schlauchbootlippen mit sich herum, bei deren Anblick man unweigerlich in Deckung geht, aus Angst vor einer plötzlichen Explosion. Bei ihr hatte sich die Polsterfüllung aber anscheinend in eine unerwartete Richtung ausgebreitet, nämlich nach vorn. Sie sah von der Seite aus wie Daisy Duck. Die Lippen ragten unnatürlich weit, geschätzte drei Zentimeter, in den Waggon hinein.
     Wäre ich sie, ich hätte den Chirurgen verklagt. Am besten schriftlich, weil nicht sichergestellt ist, dass sie sich mit dieser Lippenruine noch einigermaßen verständlich artikulieren kann. Aber ich bin ja nicht sie, sondern ich, daher verzichte ich auf derartige Verstümmelungen und behalte lieber die liebreizend schmalen Lippen eines verbitterten alten Mannes.
     Auf der Rücktour nach der Arbeit dann wieder eine auffällige Erscheinung, diesmal in Form einer jungen Frau, lockige dunkle Haare, etwas zu viel Make-up, plüschige weiße Jacke, extrem kurzer, ausgefranzter Jeans-Rock und lange schwarze Strümpfe, die bis kurz über die Knie reichten und die nackten Oberschenkel über Gebühr betonten. Ein überaus verzückender Anblick, fast schon etwas anrüchig. Das Gesicht konnte ich zunächst nur kurz sehen, denn sie stand mit dem Rücken zu mir und flunkerte laut lachend mit ihrer asiatischstämmigen Freundin. Als sie sich umdrehte, wurde ich misstrauisch, denn hinter der Schminke schien mir das Gesicht doch recht kindhaft zu sein. Auch die Beine waren verdächtig dünn. Allmählich dämmerte mir, dass dieses herausgeputze, aufreizend zurechtgemachte Wesen kaum älter als zwölf, dreizehn Jahre gewesen sein kann. Und mit dieser Erkenntnis wandelte sich meine anfängliche Neugier in tiefe Sorge. Welcher Vater, welche Eltern lassen ihre halbwüchsige Tochter in einem derart aufreizenden Outfit allein durch eine immer gefährlicher werdende Stadt wie Berlin ziehen? Also ich hätte darauf bestanden, dass sie sich etwas weniger Auffälliges anzieht. Aber was wiegt schon das Wort eines besorgten Vaters, wenn die von der Tochter angebeteten Popstars in der Stadt sind? In der Uber-Arena spielte nämlich Act-Promise, eine K-Pop-Band. Zu der wollten die beiden wohl hin, denn am S-Bahnhof Warschauer Straße stiegen sie aus.