Ich hab was für Euch: Statt neuer Bücher eine kleine Kurzgeschichte. Viel Spaß beim Lesen!
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Quer auf der alten schwarzen Ledercouch lag er da, hinten in der Künstlergarderobe, im Backstage-Bereich des Kreiskulturhauses „Franz-Joseph Grummelmann“ von Schlimmersdorf: Johnny, der gealterte Rockstar. Einst spielte er auf großen Bühnen, damals in den Siebzigern, zur Hochzeit des Glam Rocks, als die Kostüme noch bunt, die Scheinwerfer hell und die Groupies willig waren.

„Willst Du poppen?“ rief er Gabriele zu, seiner Assistentin, die ihn von Anfang an begleitet hatte, damals als glühender Fan und hingebungsvolle Verehrerin, von ihm jedoch unbeachtet, denn er stand mehr auf die sexy Girls mit den langen blonden Haaren, langen Beinen, schlanken Hüften, den hohen Wangenknochen, blaugrünen Katzenaugen, und dem perfekten Lächeln, bestehend aus grob geschätzt achtzig makellos weißen Zähnen. Gabriele sah eher anders aus.
Erst Mitte der Neunziger, nach dem großen Umbruch, als Kommerzpop und seelenloser Techno nahezu alle anderen Musikstile ausgerottet hatten und die geschmeidigen Katzenmädchen DJs an Plattenspielern anbeteten, die Konzerte immer leerer und die Gagen immer niedriger wurden, da begann sich Johnny mangels attraktiverer Alternativen endlich für Gabriele zu interessieren. Doch der erste Schnellkopulationsversuch auf der Bühne, während des sechs Minuten langen Instrumentalteils des in den Billboardcharts von 1979 auf Platz 42 rangierenden Hits „Put your legs under your arms and run!“, versteckt hinter der zwölfteiligen Marshall-Wand, zwischen abgeranzten leeren Gitarrenkoffern und schwarzen Endstufen-Kisten, endete aufgrund von Koordinationsproblemen, verursacht durch depressionsinduzierten Alkohol- und Drogenmissbrauch, mit einem Desaster: Die Marshall-Wand stürzte ein, zwölf wertvolle, originale Sechzigerjahre-Lautsprecher und Röhrenverstärker gingen zu Bruch, und Johnny fand sich mit heruntergelassener Hose im Blitzlichtgewitter des einzig anwesenden Reporters des lokalen Nachrichtenblattes „Ranzlingen-News“ wieder. Nur dank Johnnys aggressiv einschreitenden Bandmanagers konnte die Veröffentlichung der peinlichen Fotos verhindert werden. Eine Woche später bereute Johnny diese Entscheidung, hätten die Bilder in der Öffentlichkeit doch mehr Aufmerksamkeit erzeugt, als jede Pressemeldung es je vermocht hätte, daher feuerte er den Manager wegen Sabotage.
Doch Johnny bereute den Vorfall noch aus einem anderen Grund, denn nach dem Fiasko wollte Gabriele nichts mehr von ihm wissen. Ihr war schlagartig klar geworden, dass sie mehr vom Leben erwartete, als unromantisch-schmuddeliges Körperflüssigkeits-Sharing im abgedunkelten Teil einer Festivalbühne. Sie wollte Liebe und Zärtlichkeit, Begehren und Verehrung, Achtung und Vertrauen, Aussicht auf eine gemeinsame Zukunft … und all den anderen Quatsch, auf den Frauen normalerweise so stehen. Außer sie sind katzenäugige Groupies, dann weiß man nie so genau, was sie eigentlich wollen, sie selbst vermutlich auch nicht.
Und noch etwas bereute Johnny sehr: Die Exzesse der vergangenen Jahrzehnte, all das Experimentieren mit chemisch-biologischen Substanzen aus dem zwielichtigen pharmazeutischen Bereich von Mutter Natur, sowie all die C2H6O-getränkten Nächte, das ungesunde Essen preisgünstigster Catering-Dienstleister, hastig heruntergeschlungen zwischen letztem Erbrechen nach durchzechter Backstage-Partynacht und nächstem Auftritt. Die auf Tourneen obligatorisch mangelhafte Körperhygiene gab dem ausgezehrten Kadaver den Rest. Welcher Rockstar putzt sich nach dem Konzert schon die Zähne, duscht ausgiebig oder benutzt Feuchtigkeitscreme?
Die Hautlappen der ausgeleierten Wangen hingen Johnny inzwischen wie die Lefzen eines Mastino Napoletano bis zu den Schultern. Es kostete vor jedem Konzert mindestens zwei Stunden Vorbereitung, sie kunstgerecht um den Hinterkopf zu wickeln und mit der schwarzen Langhaarperücke sowie einem coolen Hut festzuklemmen. Der Lichttechniker bekam stets eine schriftliche, von ihm zu unterzeichnende Anweisung, die Scheinwerfer nicht direkt auf das Gesicht zu richten, damit die kosmetischen Maßnahmen dem Publikum nicht zu sehr auffielen, was im Grunde fast schon übertrieben war, denn die wenigen Konzertbesucher, die noch den Weg in die Konzertsäle fanden, waren inzwischen ebenso alt wie Johnny und konnten ohne Brille kaum noch was erkennen.
Johnny bereute auch das Gesichtslifting, ausgeführt 1991 von Dr. Schenkman in Malibu, welches das Problem nur noch verschärft hatte, weil die Haut dabei drastisch überdehnt wurde und jegliche Elastizität verlor. Schenkman galt als Schönheitschirurg der Stars, viele ließen sich dort das Gesicht ab- oder das Gesäß aufpumpen, mit wachsendem Erfolg, doch auch ein Chirurg fängt mal klein an, und unglücklicherweise traf Johnny den Chirurgen, als der frisch von der Uni kam und noch keinen richtigen Schimmer von modernen, raffinierten Techniken der Gesichtsverschönerung hatte. Er zog die Lappen an Johnnys Gesicht einfach nach hinten und vernähte sie dort mit einem Kreuzstich. Durch die seitenverkehrte Betrachtung seines liegenden Patienten während der Operation fiel ihm zu spät auf, dass die Ohren zwar an der richtigen Stelle saßen, aber leider auf der falschen Seite. Ein Fehler, der vielen Chirurgen am Anfang ihrer Karriere unterläuft.
Als Johnny aus der Narkose und in seinem ganz persönlichen Alptraum erwachte, bemerkte auch Schenkman endlich den Fehler. Sie einigten sich auf einen angemessenen Rabatt sowie eine Nachoperation, bei der die Ohren einfach wieder ausgetauscht wurden. Die Kreuzstichnaht fiel erst Jahre später negativ auf, als Johnny den größten Teil seiner Haare verloren hatte und die hässlichen Narben mit dem unlösbar eingewachsenen schwarzen Garn am Hinterkopf sichtbar wurden, das Schenkman nur benutzt hatte, weil nichts anderes greifbar war und es ohnehin durch die damals noch fülligen schwarzen Haare verdeckt wurde. Doch da war es bereits zu spät zum Reklamieren. Schenkman hatte inzwischen so viel Geld verdient, dass er sich Security-Mitarbeiter leisten konnte, die unliebsame Personen am Betreten seiner Klinik hinderten, insbesondere wenn sie Beschwerden vorbringen wollten.
So blieb Johnny nur die Perücke und ein cooler Hut, was sich nun, über dreißig Jahre später, beim Verstecken der ausgeleierten Gesichtszüge auszahlte, denn die treuen Fans waren den Anblick bereits gewohnt und schöpften keinen Verdacht.
„Also was ist jetzt? Willst Du poppen oder nicht?“, rief er erneut hinüber.
„Fick Dich selbst!“, rief Gabriele zurück. Normalerweise ignorierte sie seine anzüglichen Bemerkungen, aber heute hatte er bereits zweimal gefragt, und das ging ihr gewaltig auf die Nerven. Ohnehin ging ihr dieses andauernde Vagabundenleben auf die Nerven. Ständig unterwegs, auch an den Wochenenden, von Stadt zu Stadt, schon seit Jahrzehnten. Ihre eigenen Bedürfnisse hatte sie zurückgestellt, keine Kinder, kein Familienleben, kein kleines Haus mit Garten, und das alles nur für ihn – Johnny, den sie einst so inbrünstig geliebt hatte, und der sich doch nur mit katzenäugigen Grazien vergnügen wollte. Gern hätte sie gekündigt und etwas Neues angefangen. Einen Job im Büro, mit Arbeitszeiten von neun bis fünf. Doch was hatte sie als Referenz schon vorzuweisen? Ein Leben auf Tour? Ohne Ausbildung oder Studium? Wer würde sie einstellen? Es blieb nur das hier. Das Herumziehen von Zelt zu Zelt, von Kneipe zu Kneipe, von Festwiese zu Festwiese, von privater Geburtstagsfeier zu Jugendweihe, bis zum bitteren Ende, denn auch eine Rente würde es nicht geben, da sie nie auch nur einen Cent in die Kasse eingezahlt hatte.
Wir haben schon alles gemacht, außer Beerdigungen, stellte Gabriele mal bei einem Mittagessen fest. Es gab Döner und eine Büchse Cola, und das war nun auch schon wieder über fünfzehn Jahre her.
So blieb ihr nichts weiter übrig, als die Band weiter zu unterstützen, sich nützlich zu machen, die verschwitzten, stinkenden Klamotten im nächsten Motel zu waschen, Bierkästen herbeizuschaffen und während der Konzerte die leeren Flaschen auf der Bühne gegen volle auszutauschen, stets gekleidet in unauffälliges Schwarz, so wie es weltweit bei allen Roadies, allen Tontechnikern, ja allen sonstigen Bediensteten üblich ist, die sich klammheimlich, scheu wie Panther, um die Scheinwerferkegel herumdrücken, damit die Aufmerksamkeit der Fans nicht von den Stars abgelenkt wird. Unsichtbare, unterbezahlte Heinzelmännchen, die stets ihre schwarze Uniform tragen, damit sie nicht grell aufleuchten wie eine Phosphorbombe, wenn das Scheinwerferlicht sie doch einmal versehentlich streift, die sogar schwarze Unterwäsche anziehen, falls beim Schleppen der schweren Technikkisten, der großen Lautsprecher oder beim Herumklettern auf den Aluminiumtraversen unerwartet die Hosennaht aufreißt.
Johnny knurrte verärgert, aber auch erleichtert, denn mit seinen fünfundsiebzig war er schließlich keine zwanzig mehr. Ab dem vierzigsten Lebensjahr sank bei Männern der Testosteronspiegel allmählich immer weiter ab, und Johnny war da schon ein ganzen Stück drüber, was bedeutete, er hatten einen Testosteronspiegel auf dem Niveau einer Nachttischlampe. Nein, bitte genau lesen: Nachttisch-Lampe, nicht Nachtisch-Schlampe!
Johnny verspürte kaum noch Lust auf sexuelle Aktivitäten, er war froh, wenn er sich nicht so viel bewegen musste und fragte nur, um sein Image als reaktionäre, maskulinistische Rampensau aufrechtzuerhalten, was bei Gabriele aber überflüssig war, da sie ihn besser kannte, als er sich selbst.
„Sind die anderen schon da?“, fragte Johnny.
„Keine Ahnung“, antwortete Gabriele und strich die ergrauten Haare zurück.
Die Musiker hassten einander und gingen sich möglichst aus dem Weg. Sie verschanzten sich in verschiedenen Garderoben und trafen erst auf der Bühne zusammen, wo sie kühl und abweisend aneinander vorbeischauten. Einen gemeinsamen Proberaum gab es nicht, brauchte es auch nicht, denn wer seit fünfzig Jahren zusammen Musik macht, kennt jede Harmonie, jeden Takt, ja selbst jede wie zufällig aufgeführte Improvisation der anderen Musiker auswendig. Sie harmonierten als Band perfekt und könnten noch immer große Konzerthallen füllen, wenn ihnen nicht dieser verdammte Techno dazwischengekommen wäre.
Ächzend kämpfte Johnny sein knochiges Skelett von der versifften, müffelnden Garderobencouch hoch, auf der in den hundertzehn Jahren seit dem Entstehen des Kreiskulturhauses „Franz-Joseph Grummelmann“ bei etwa drei Veranstaltungen pro Woche, in 5720 Wochen insgesamt, grob geschätzt 34320 Personen bei sexuellen Aktivitäten ihre Gene in flüssiger Form hinterlassen hatten. Bei mehr als zwei Teilnehmern pro Akt könnte diese Schätzung durchaus noch zu konservativ ausfallen. Somit handelt es sich um den einzigen bekannten Fall der Menschheitsgeschichte, bei welcher sich der Kampf gegen eine vorzeitige Obsoleszenz durch Nutzung extrem haltbarer Materialien bei der Produktion dieser Couch ausnahmsweise mal als unvorteilhaft herausgestellt hatte. Die gepolsterte Keimschleuder hätte einen Spezialisten für Geschlechtskrankheiten in helle Aufregung versetzt und als hochproblematischer biologischer Sondermüll längst fachgerecht entsorgt werden müssen.
Johnny bemerkte nichts von all dem. Sein Geruchssinn war nach jahrzehntelangem Genuss der russischen Zigarettenmarke „Machorka“ elendig verreckt, und nur der Umstand, dass die EU diese Sorte als verbotenes chemisches Kampfmittel auf den Index gesetzt hatte, verhinderte, dass Johnny ebenfalls vorschnell das Zeitliche segnete. Doch genau wie all die anderen, nicht zu den unmittelbar überlebenswichtigen Lebensmitteln zählenden Substanzen hinterließen auch die Zigaretten ihre Spuren in Johnnys Gesicht, welches nun, um den Hinterkopf gewickelt, wie ein zerknittertes Geschichtsbuch von all den vergangenen Exzessen kündete.
„Andy kommt nachher mal rüber. Den hatte sich doch die Metalband ,Accessor‘ für ihre Chinatour ausgeliehen“, informierte Gabriele. „Er meinte, er habe Dir irgendwas mitgebracht.“
Johnny grummelte, während er im Sitzen unbeabsichtigt die in seiner seit zwei Wochen nicht gewechselten Unterhose befindlichen Keime zu den bereits in der Couch hinterlassenen all der anderen Menschen hinzuschmierte. Diese Keime hatten, getreu ihres evolutionären Auftrags, niedere Zivilisationen gebildet und wie bei jedem anderen endemischen Biosystem nach langjährigen erbitterten Kämpfen zu einem vergleichsweise friedlichen Gleichgewicht gefunden, das nun durch Johnnys Hinterlassenschaften erneut ins Kippen geriet und heftige kriegerische Auseinandersetzungen befürchten ließ.
„Andy? Was kann das wohl sein? Eine Blechbüchse mit chinesischem Tee vielleicht? Die produzieren dort so was mit echt aufwendigem Design und viel Liebe zum Detail. Nicht nur als Pappschachtel mit Beuteln wie bei uns.“
„Nee, er erzählte was von Medizin. Oder Kosmetik. Oder eine Mischung aus beidem. Eine medizinische Hautcreme, glaube ich“, grübelte Gabriele.
„Hautcreme? Was soll ich jetzt noch mit einer Hautcreme?“, fragte Johnny verärgert und wies beidhändig auf sein Gesicht.
„Ja, da haste nicht ganz unrecht, damit hätteste viel früher anfangen müssen.“ Sie grinste hämisch.
Der Verfall war Johnny schon früh anzusehen. Seine Zähne waren zwar komplett, exakt 32 Stück, wie vom Schöpfer vorgesehen, und sie waren makellos weiß. Aber sie waren eben nur aus Keramik und steckten auf 32 Metallstiften, tief versenkt im Kieferknochen, und zu viel für jeden Metalldetektor an Flughäfen, die beim Durchschreiten jedes Mal Großalarm auslösten und Sicherheitsbeamte hysterisch zu ihren Waffen greifen ließen, was irgendwann zu einer Strategieänderung führte, und zwar in Form von schriftlichen Vorankündigungen seines Eintreffens am Flughafen, um nicht irgendwann versehentlich erschossen zu werden. Auch durfte Johnny ausnahmsweise seinen metallgespickten Kopf, behutsam vom Rumpf getrennt, zusammen mit dem Handgepäck auf das Fließband des kleineren Röntgengerätes legen, wo er von Sicherheitsbeamten durchleuchtet und am Bildschirm meist als harmlos beurteilt wurde. Das hierfür notwendige Schraubgewinde zwischen Kopf und Hals hatte er Dr. Schenkman nach zähen Verhandlungen noch als Schadensersatz-Ersatz aus den Rippen leiern können.
Seine echten Zähne hatten den Kampf gegen die Invasion von Streptococcus mutans und Aggregatibacter actinomycetemcomitans schon vor langer Zeit aufgegeben.
Auch von der Unterkante des Kopfes abwärts hatte Johnny bereits erheblich gelitten. Künstler seines Ranges werden während der etwa zweistündigen Konzerte durch all den Zuspruch tausender Fans von Glückshormonen regelrecht geflutet, was ein extrem suchterzeugendes Potential in sich birgt. Ist das Konzert zu Ende, fallen sie in ein tiefes Loch, auf dessen Boden oft niemand auf sie wartet, um sie aufzufangen, außer vielleicht Jim, Jack, Sweet Mary Jane und eine fette Pizza. So nahm Johnnys Körperumfang irgendwann drastische Ausmaße an, bis zum unvermeidlichen Herzinfarkt, der seinen Leibarzt zu erbarmungslos strengen Maßnahmen veranlasste, indem er Johnny auf Entzug und Diät setzte.
Von 236 runter auf 86 Kilo, innerhalb von sechs Monaten, war ein beachtliches Tempo, bei dem Johnnys Außenhülle leider nicht mithalten konnte. Daher mussten die bis zum Boden herabhängenden Hautlappen seines Rumpfes, ähnlich denen vom Gesicht, um den Körper herumgewickelt und dort befestigt werden, damit Johnny nicht versehentlich darüber stolperte.
„Das müsste schon eine Menge Hautcreme sein, sonst kann ich damit gar nichts anfangen“, murmelte er gedankenverloren vor sich hin.

Von draußen drangen harte Sounds herüber. Die Roadies hatten den Aufbau abgeschlossen und verwirklichten sich nun an den Instrumenten. Im Grunde sind Roadies nicht anderes als verhinderte Rockstars, arme Seelen, die kein Instrument gut genug beherrschen, um sich damit auf die Bühne wagen zu können, oder die nicht genug Ausstrahlung haben, um Millionen Fans zu begeistern, die aber trotzdem das schöne Leben eines berühmten Musikers führen wollen und darum bereit sind, für wenig Kohle all die schwere, schmutzige Arbeit zu erledigen, die notwendig ist, um ein Konzert einigermaßen vernünftig über die Bühne zu bringen, und die so den Mittelweg gefunden haben, zwischen einem traurigen Stehplatz inmitten tausender, grölender, bierumherspritzender Fans, und als Star im Lichte eines sonnigen Scheinwerferkegels auf der Bühne. Die Trophäen jedes Roadies hingen in Form von Backstage-Pässen zu Hause an der Wand und erweichten so manches Groupieherz, das den Weg bis dorthin gefunden hatte und noch letzten Feinschliff benötigte, um den Restwiderstand aufzugeben und die Hüllen fallen zu lassen.
Tony, der für die Saiteninstrumente und deren Peripherie zuständige Roadie, spielte die ersten Moll-Akkorde der schnulzigen Rockballade „When you left me“: A, D, E und zurück zu A. In der Rock-Balladen-Branche fast schon ein zuverlässiger Garant für einen zumindest nationalen Top-50-Hit. Bereits beim ersten Ton zuckte Johnny zusammen, denn Tony hatte in seinen syphilitischen Fingern zu wenig Kraft, sodass der Zeigefinger die H-Seite nicht ausreichend fest gegen den ersten Bund pressen konnte. Sie klirrte und resonierte unkontrolliert umher, was sich über die PA in schmerzhaft-verzerrten Geräuschen bemerkbar machte.

„Haaach … Tony, Du Idiot!“, brüllte Johnny durch die Garderobentür. Musiker hassen es, wenn man ihre Instrumente berührt. Doch der Ruf versank unter einem dröhnenden Teppich, hastig gehäkelt mit der doppelten Bassdrum, einer Snare und mehreren Becken, verprügelt von Horst, dem kahlköpfigen Schlagzeug-Roadie, dessen frühere Alkohol-Eskapaden eine Demenz von bedenklichen Ausmaßen hinterlassen hatten, sodass er das vielteilige Schlagzeug inzwischen nur noch unter Zuhilfenahme eines alten Fotos korrekt aufbauen konnte.
Mühsam schleppte sich Johnny zur Tür und wollte sie zuschlagen. Fast hätte er sie Andy in die Fresse gehauen, der soeben um Ecke bog. „Sag mal, haste sie noch alle?“, rief dieser empört.
„Sorry, war keine Absicht“, entschuldigte sich Johnny. „Nur wegen der zwei Idioten da vorn. Wir sollten die endlich rausschmeißen.“
„Lass die mal ruhig machen“, widersprach Andy, „wir können froh sein, das wir sie noch haben. Die letzten von ehemals fünfzehn Roadies. Alle anderen haben längst das Handtuch geworfen oder ins Gras gebissen. Die beiden arbeiten für Essen und ein paar Bier, denn bezahlen können wir sie schon lange nicht mehr.“
Im Grunde war das eine Verharmlosung der Situation, denn genau wie Gabriele hatten Tony und Horst ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht, die Schule geschmissen, keinen Beruf erlernt und würden woanders garantiert keinen Job mehr finden.
Andy schloss die Tür. Der Krach drang nun etwas gedämpfter in die Garderobe durch, war aber immer noch störend.
„Hör mal, Johnny“, begann er, „ich hab da vielleicht was für Dich. In China hab ich einen Parteifunktionär kennengelernt, der arbeitet in einem petrolchemischen Kombinat, das Pharmazeutika für die ganze Welt produziert. Und die entwickeln auch neueste Gentherapien, die Kosmetika der Zukunft. Das ist alles noch streng geheim, davon können wir hier nur träumen. Der Typ hat mir geheimnistuerisch einen kleinen Keramiktiegel zugesteckt. ,Für Ihre Frau‘, hat er gesagt. Ich war ja erst skeptisch, Du weißt ja selbst, wie das mit chinesischen Produkten so ist. Aber Linda wollte es auspro…“
„Linda?“, fragte Johnny dazwischen.
„Meine Freundin“, erklärte Andy.
„Hieß die nicht Gabi?“
„Was?“, fragte Andy irritiert. „Mit der bin ich seit acht Jahren nicht mehr zusammen!“
„Junge, Junge, da haben wir aber lange nicht mehr miteinander geredet“, staunte Johnny. „Aber okay, und was wollte Gabi nun ausprobieren?“
„Linda!“
„Gabi wollte Linda ausprobieren?“
„Nein, verdammt, hörst Du denn nicht zu? Das Genpräparat!“
„Was ist damit?“
„Sie wollte es ausprobieren.“
„Wer?“
„Linda!“
„Wer ist Linda?“
Andy schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte. Auch bei Johnny hatte der Alkohol offenbar nicht nur äußerlich gravierende Spuren hinterlassen. Dann setzte er geduldig erneut an: „Meine Freundin Linda wollte das Genpräparat ausprobieren, das ich aus China mitgebracht hatte.“
Johnny staunte: „Du warst in China?“
Angesichts Andys entgleisender Gesichtszüge kniff er schnell die Augen zusammen und versuchte, sich zu konzentrieren: „Äh … ja, sorry, meinte ich ja … China … Genpräparat. Alles klar!“
„Es handelt sich dabei um eine Antifaltencreme“, fuhr Andy fort, „aber viel moderner, als das, was wir sonst so kennen. Linda hat sie sich abends ins Gesicht geschmiert, ganz dünn. Naja, Du weißt ja, wie sie aussieht. Ist mit ihren 59 halt auch kein erfreulicher Anblick mehr. Aber am nächsten Morgen … also das wirst Du nicht glauben …“
Johnny musterte Andy mit finsterem Blick. „Ja, was war da?“
„Ich wachte auf und sah neben mir im Bett eine fremde junge Frau liegen. Hab sie nicht gleich erkannt, aber es war Linda. Sie hatte das Gesicht einer Zwanzigjährigen. Nur die grauen Haare haben sie verraten. Ich dachte, ich spinne, aber sie war’s wirklich! Und das beste – es ist so geblieben! Sie sieht seit einer Woche immer noch so aus, ohne dass sie nochmal nachcremen musste. Unglaublich!“
„Ja, in der Tat. Unglaublich. Und darum glaube ich es auch nicht“, antwortete Johnny skeptisch. Innerlich keimte unerwartet Hoffnung. Eine Antifaltencreme, die das Gesicht drastisch verjüngt und nur eine Anwendung erfordert? Vielleicht könnte ihm das ja helfen.
„Und Du hast mir was mitgebracht?“, fragte er mit erwartungsvollem Dackelblick.
„Linda hat den Inhalt des kleinen Tiegels vollständig aufgebraucht. Es war nur eine winzige Menge.“ Mit verschwörerischem Lächeln beugte Andy sich vor. „Aber die Sicherheitsstandards der Labore dort sind ein Witz, die Türen oft nicht mal richtig abgeschlossen. Da der Funktionär mir seine Karte gegeben hatte, kannte ich die Adresse, bin nachts eingestiegen und konnte eine größere Büchse von dem Zeug mitgehen lassen.“ Er griff in den mitgebrachten Rucksack und hob einen mattweißen Keramikzylinder heraus, verschlossen mit einem fast nahtlos abschließenden Deckel.
„Meine Güte, alle Achtung! Sehr verwegen“, staunte Johnny. „Und die haben Dich nicht erwischt?“
„Doch, haben sie. Aber den Dollar mögen sie nun mal lieber als die Partei. Daher ließen sie mich laufen, für zwanzig Mäuse pro Person. Nicht mal meine Sachen haben sie durchsucht, wie Du siehst.“ Er grinste.
Ehrfürchtig übernahm Johnny das Gefäß. Es fühlte sich recht schwer an, der Inhalt mochte etwa einen Liter betragen, aber die Keramik an sich wog bestimmt auch schon eine Menge. „Darf ich es aufschrauben?“ Andy nickte: „Na klar!“

Der Deckel drehte sich leicht schabend vom Zylinder, so als würde man eine Kaffeetasse auf der Untertasse drehen, und gab den Blick ins Innere frei. Die Wände waren erstaunlich dick, fast zwei Zentimeter, was die mögliche Menge des Inhalts drastisch einschränkte. Ein halber Liter vielleicht könnte das sein, schätzte Johnny beim Anblick der geruchlosen, halbtransparenten, weiß-rosafarbenen Paste.
„Hast Du’s selber mal ausprobiert?“ Andy winkte ab: „Nee, lass mal. Kein Bedarf. Glatte Haut würde mein Gesicht auch nicht nennenswert verschönern. Ich war schon als junger Mann nicht besonders attraktiv.“
Eine erstaunlich uneitle Selbsteinschätzung, bemerkte Johnny respektvoll. Tatsächlich hatte Andys Gesicht etwas rattenhaftes. Eine spitze, sich dem Betrachter entgegenreckende Nase, darunter tendentiell nach vorn gerichtete, freiliegende Zähne, weil sein Mund meistens offenstand, was ihm einen ausgesprochen dümmlichen Gesichtsausdruck bescherte. Verschärft wurde dieser Eindruck durch ein fliehendes Kinn und eine ebenso nach hinten geneigte Stirn. Die Tatsache, dass Andy sexuell überhaupt zum Zug kam, verdankte er nur seinem virtuosen Gitarrenspiel, dem schnellen, harten Klicken des Plektrums auf den Saiten, deren Töne im Verstärker verzerrt und von den Lautsprecher in die Menschenmassen geschleudert wurden, was besonders bei Weibchen irgendeine unerklärlich anregende Wirkung auf den Fortpflanzungstrieb auslöste. Ein Straßenbahnfahrer, Bauarbeiter, Schuhverkäufer oder Unterstufenlehrer hätte mit einem derart nagetierähnlichen Antlitz wohl kaum ein so ausgeprägtes Kopulationsbegehren bewirken können.

Vorn auf der Bühne brach der Krach unvermittelt ab. Chris, der Bassist, war eingetroffen und beschimpfte die beiden Roadies hemmungslos. Dann folgte ein Moment der Ruhe, gefolgt von tieffrequentem Dröhnen, das hier hinten, im Backstagebereich, die Bierflaschen in den Kisten scheppern ließ. Chris stimmte sein Instrument und justierte die Regler des Verstärkers: Brumm. Brummbrumm. Klirr. Brumm. Brummbrumm. Klirr …
Andy wurde fahl im Gesicht. „Ich muss hier weg!“, flüsterte er und verließ fluchtartig den Raum. Dann steckte er den Kopf noch mal zur Tür herein: „Probier das Zeug ruhig aus. Aber nimm nicht zu viel auf einmal! Nur ganz dünn auftragen! Mit Gummihandschuhen, zur Sicherheit! Das ist wichtig! Hat jedenfalls der …“
Brummbrummbrummbrummbrumm … hämmerte Chris in sein Instrument. Andy wurde übel, er würgte. „…hat der Chinese gesagt.“ Schnell schloss er die Tür und rannte zum Notausgang.
Das Kreiskulturhauses „Franz-Joseph Grummelmann“ investierte kürzlich erst in eine neue PA, ein modernes Public-Address- … oder auf Deutsch – Lautsprechersystem mit zusätzlichen Subwoofern. Der Technikverantwortliche hatte den Konzertsaal präzise vermessen und die Betreiber fachlich korrekt beraten, aber wie das so ist – manche Menschen wollen einfach nicht auf Fachleute hören, also bestellten die Geschäftsführer drei, statt nur einen der empfohlenen Subwoofer, weil „viel Bass nun mal richtig reinfetzt“. Genau dieser Bass war nun drastisch überdimensioniert und schlug den Gästen die tiefen Impulse wie mit einer schweren Hartgummifaust in die Magengrube, was insbesondere bei den stärker alkoholisierten Besuchern unerwünschte körperliche Reaktionen auslöste, welche wiederum den Bodenbelag des Konzertsaals in eine gefährlich glitschig-rutschige Fläche verwandelten.
Johnny kümmerte das nicht. Wer in seinem Leben schon so viel Nahrung über die entgegengesetzt liegende Körperöffnung entsorgt hat, als über jene, die von Natur aus eigentlich dafür vorgesehen ist, den können auch derartige Bassexzesse nicht beeindrucken. Interessiert betrachtete er noch immer diese fremdartige chinesische Paste. Neugierig strich er mit dem Zeigefinger darüber, sodass ein glänzender Film an der Spitze zurückblieb. Sofort begann es zu kribbeln und die Haut sich zu spannen, Es fühlte sich an, als würde jemand ein Pflaster abziehen. Gleichzeitig zog die Substanz in die Haut ein und hinterließ ein trockenes Gefühl. Sehr merkwürdig.
Johnny setzte sich auf den einzigen Schminkplatz im Raum und betrachtete sich im Spiegel, der von vierzehn altmodischen Glühlampen umrahmt wurde. Die Kulturhausbetreiber lehnten den Austausch gegen modernere LED-Lampen ab, mit der Begründung, diese hätten nur ein eingeschränktes Farbspektrum, was Hauttöne irgendwie grünstichig und damit kränklicher aussehen lassen würde. Künstler sind halt eitle Wesen und wollen so attraktiv wie möglich sein, selbst wenn sie nur mit Schminken beschäftigt sind.

Er setzte den Hut ab und zog die Perücke vom Kopf. Sofort rutschten die Hauslappen über den Hinterkopf herab und pendelten sich an den Kopfseiten ein. Ein wahrhaft schauderlicher Anblick. Dann griff er sich eines der Schminkpads, die, vom Haus gratis zur Verfügung gestellt, schachtelweise in jeder Garderobe herumstanden, benetzte es mit der unbekannten Emulsion und verteilte sie zunächst auf der linken Gesichtshälfte, mit der freien Hand den Hautlappen umherjonglierend. Wieder begann es zu kribbeln, aber nicht so schlimm, dass es nicht auszuhalten gewesen wäre, doch stark genug, um eine Wirkung zu bemerken. Und dann … geschah ein Wunder! Die Haut zog sich langsam zusammen, der Lappen wurde kürzer, wurde von dieser Macht aus moderner Genetik und kreativem menschlichen Schöpfergeist emporgehoben, um sich schließlich gestrafft an die Konturen des Schädels anzuschmiegen.
Johnny war verblüfft. Das gibt’s doch nicht! Wie kann das sein? Sofort behandelte er auch die rechte Gesichtshälfte, und der magische Moment wiederholte sich. Die Haut schrumpfte zusammen, zog sich in die Höhe, glättete sich von selbst. Sprachlos betrachtete Johnny das Ergebnis im Spiegel und sah einen höchstens dreißigjährigen Rock-’n‘-Roll-Star zurückblicken. Nur die fehlenden Haare sowie die hässliche Naht am Hinterkopf verrieten, dass es noch immer dieselbe Person war, die da saß.
Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Er stand auf, streifte das schwarze T-Shirt ab, schüttelte die kurzen, schwarzen Lederstiefel mit den Nietenbändern von den Füßen und zog die Hose aus. Nach dem Lösen des Korsetts fielen die Hautlappen seines diätgeschröpften Bauches, der Schwerkraft folgend, zu Boden. Fast wäre er draufgetreten. Ächzend hob Johnny die schwere Haut empor, legte sie auf dem Schminktisch ab, ließ erneut das benetzte Schminkpad kreisen. Es prickelte und kribbelte, schlimmer diesmal, wegen der sensiblen Haut an Bauch und Hüften, so als würde ihn jemand kitzeln. Sich windend vor Lachen führte er ein lustiges Tänzchen auf, als just Gabriele die Garderobe betrat. Mit offenem Mund verharrte sie einen Moment, den offenbar verrückt gewordenen Eindringling in Feinripp-Unterhose anstarrend, dessen umherschlabbernde Haut am Bauch sich auf wundervolle Weise immer weiter verkürzte bis sie eng anlag. Gabriele wusste nichts von der chinesischen Zaubersalbe und wähnte sich in einem gruseligen Horrorfilm, bis sie sich endlich aus der Schockstarre lösen und den Sicherheitsmitarbeiter rufen konnte.
Heiko, ein glatzköpfiger, unförmiger Fleischklops, irgendwo auf halbem Wege zwischen Sechzig und Siebzig, mit ähnlicher Biographie wie all die anderen hinter und auf der Bühne tätigen Gestalten, war sofort zur Stelle. Das Zittern seiner Hände war inzwischen nicht mehr allein durch das Alter und die schwere goldene Rolex-Imitation am Handgelenk zu erklären, sondern überwiegend durch all die … sagen wir mal – „Nahrungsergänzungsmittel“ der unorthodoxeren Art, die auch sein ohnehin schon unterdimensioniertes Gehirn in ein Schlachtfeld verwandelt hatten.

„Was hast Du hier zu suchen, Penner?“, schnauzte er Johnny an und griff nach dem vermeintlichen Eindringling. „Hey, ich bin’s doch, Johnny! Schau mal genau hin, Blödmann!“ Gerade wollte Heiko zum Schlag ausholen, für die Beleidigung, aber im letzten Moment entdeckte er dieses magische Funkeln in den Augen seines Gegenübers, das ihn von Anfang an faszinierte, als die Band vor über fünfzig Jahren das erste mal hier gespielt hatte, und ihm, dem jungen, berüchtigten Dorfschläger, der sich für den Türsteherjob als besonders qualifiziert hervortat, die Ehre zuteil wurde, den Backstagebereich bewachen zu dürfen. Das Funkeln in den Augen dieses Stars, Johnny, der ihn damals in die Garderobe gelassen sowie cool und unerschrocken ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte, mit ihm – dem Nichtsnutz, was sonst niemand freiwillig tat, denn alle hatten Angst vor ihm. Nachdem Heiko verstand, dass ein Veranstalter nur dann ein Geschäft macht, wenn man nicht einen Gast einlässt und zwei wieder rauswirft, lief es all die Jahre auch ganz zufriedenstellend.
„Oh, Mann, tut mir echt leid, Johnny, ich hab Dich gar nicht erkannt. Bist Du das wirklich? Wow, Du siehst ja umwerfend aus. Hast Du Dich schon wieder liften lassen?“ Auch Gabriele erkannte erst jetzt den Mann, der da vor ihr stand, in dieser merkwürdigen Mischung aus alten Armen und Beinen, gestrafftem Körper und jugendlichem Gesicht sowie der altersfleckigen Glatze. Einen Moment lang begann es bei ihr zu kribbeln, im Unterleib, so wie damals, als sie Johnny gerade erst kennenlernt hatte und seiner Faszination, dem Funkeln seiner Augen erlegen war. Der Körper will, was er will und er zeigt es auch hemmungslos an. Aber der Moment verschwand, die schlechten Erinnerungen gewannen wieder die Oberhand, und so wandte sie sich mit dem Ausruf „ähhrg!“ angewidert ab.
„Nein, ich hab mich nicht liften lassen, das ist die Wirkung von irgend so einem … Gen-Verjüngerungs-Creme-Zeugs.“ Er zeigte den Keramiktopf, der noch etwa die Hälfte des ursprünglichen Inhalts enthielt. Hätte Gabriele nicht bereits den Raum verlassen gehabt, würde sie nun wohl um eine Gratisprobe gebettelt haben.
Chris war inzwischen fertig mit dem Justieren seines Equipments, das tieffrequente Gerumpel verstummte. Stattdessen quäkte nun wieder seine Stimme durch den Saal, während er den Tontechniker anblaffte, nachdem er sich aufgrund des übermäßigen Bassdrucks in das Kunstblumen-Ensemble hatte übergeben müssen, welches mit seinen rechteckigen, braunen Plastikkübeln mehr oder weniger hübsch die Bühne dekorierte. Der Techniker startete daraufhin eine CD mit den besten Klassik-Rock-Hit der 70er, 80er und 90er, um den Tieftonbereich der Anlage fachgerecht zu justieren. Tatsächlich schepperte es anschließend deutlich weniger, auch hier, hinter der Bühne. Zumindest reflektierte der Spiegel das nun verjüngte Antlitz von Johnny nicht mehr ganz so stark vibrierend.
Der unförmige Fleischklops schaute Johnny noch immer bedröppelt an. Fast hätte er seinen Helden vermöbelt. „Schon gut, Heiko“, winkte Johnny ab, „geh mal lieber wieder nach vorn und lass die Gäste ein, die scharren bestimmt schon ungeduldig mit den Hufen.“ Heiko nickte erleichtert, sein Held hatte ihm verziehen. Gut sah er aus, fast so wie früher.

,Arme Sau‘, dachte Johnny, dem Türsteher hinterherschauend. Wie mag das sein, von allen gefürchtet und gehasst zu werden? Wie kann man damit leben, über Jahrzehnte hinweg unzähligen Leuten die Schnauze ein- und hunderte Zähne ausgeschlagen zu haben? Selbst viele Male verprügelt, zusammengetreten und abgestochen worden zu sein? Gewöhnt man sich irgendwann daran? Oder türmen sich die Traumata und Angstpsychosen mit der Zeit immer höher auf?
Johnny ahnte nicht, wie wenig der Türsteher sich mit so was beschäftigte. Die meisten Vorfälle hatte er schon nach wenigen Tagen vollkommen vergessen. Im Wesentlichen drehten sich die alltäglichen Gedanken um jene Fragen, die auch alle anderen Menschen bewegten: Wieso, verdammt noch mal, wird alles immer teurer? Woher kriege ich genügend Geld für die nächste Miete? Spinnen die denn da oben? Und wo finde ich heute Abend was Anständiges zum Ficken?
Johnny kratzte sich am Kinn. Zeit, sich anzuziehen. Er griff nach dem abgewetzten Hartschalenkoffer mit den vielen bunten Aufklebern, dessen Rollen bereits die Gummibereifung verloren hatten und der deshalb lautstark auf den harten Plastikkernen umherklapperte, entnahm ihm die gute alte Lederhose, vor über dreißig Jahren handgefertigt aus derbem Rindsleder, vernäht mit robuster Angelsehne, unkaputtbar, aber leider auch unwaschbar, weshalb sie einen unerträglich stechenden Gestank verbreitete. Nur Johnnys längst verblichener Geruchssinn verhinderte einen sofortigen Kreislaufstillstand. Früher hatte er sich über den plötzlichen Stimmungsumschwung mancher Groupies gewundert, die sich ihm nach dem Konzert erst in unzweideutiger Absicht genähert, aber nach dem Öffnen des Reißverschlusses plötzlich mit blassen Gesichtern das Weite gesucht hatten. Manche Männer verhüten, ohne es zu wollen.
Das Kribbeln am Kinn wollte nicht verschwinden. Johnny begann heftig zu kratzen. Woher nur kam dieses plötzliche Kribbeln? Ein tiefer Schluck aus der Whiskey-Pulle sollte das Problem schnell beseitigen. Die scharfe Flüssigkeit ran die Kehle hinab und tötete dabei mitleidlos ganze Horden von randalierenden Erkältungs- und Grippeviren. Nach wenigen Augenblicken strahlte das Licht der vierzehn Glühlampen am Spiegel heller und weicher als zuvor. Ein guter Start für einen angenehmen Abend.
Johnny stellte die Pulle ab und stieg in die lederne Hose, zog ein halb zerfetztes T-Shirt an, darüber die Kutte, eine Jeansjacke ohne Ärmel, heiliges Statussymbol jedes real existierenden Rockers, benäht mit allgemein anerkannten Symbolen der Rockmusikszene. Der Kontakt der Kleidung auf der Haut verstärkte das Kribbeln und verteilte es vom Kinn aus überall auf den ganzen Körper. „Verdammt noch mal, wie auf ’nem Ameisenhaufen“, fluchte Johnny und begann zu kratzen. Die Haut fühlte sich an wie der rissige, ausgedörrte Grund eines komplett verdunsteten Sees.
„Noch fünf Minuten!“ rief der Bandmanager durch die geschlossene Tür, verbunden mit heftigen Klopfen.
„Scheiße, verdammt“, fluchte Johnny, „wie soll ich denn so auf die Bühne gehen?“ Er riss sich die Kleider vom Leib, versuchte den Juckreiz zu stillen, erst durch Kratzen, dann mit Alkohol, zuerst auf der Haut verteilt, was eine ausgesprochen bescheuerte Idee war, denn nun brannte es zusätzlich zu dem furchtbaren Jucken, dann durch orale Aufnahme, was zwar das Licht noch weicher scheinen ließ, die Hautirritationen aber nicht zu lindern vermochte.
Wieder das Pochen an der Tür. „Noch drei Minuten! Johnny, was ist, bist Du fertig?“
„Ja, doch, gleich, gib mir noch ’nen Moment!“, rief Johnny verzweifelt durch die Tür. Er lief in den abgeteilten Feuchtbereich der Umkleidekabine und öffnete den Wasserhahn über dem Becken. Ein paar Spritzer kühlendes Wasser sollten helfen.
Doch sie halfen nicht, stattdessen juckte es immer stärker. Was nun? Der nächste Arzt war bestimmt einige Kilometer weit entfernt. Ein Rettungswagen ebenso. Keine lindernde Creme in Reichweite, keine Apotheke, die Hilfe versprach.
Keine Zeit mehr. Johnny richtete sich auf. Nicht die erste verkackte Mugge. Das wird schon. Du kriegst das hin. Er entnahm seiner Kosmetiktasche, die alles enthielt, außer Kosmetik, eine von den bewährten weißstaubigen Pillen gegen all die Schmerzen, die einen Vagabunden auf Tour unerwartet überfallen können. Dann noch eine von den gelben, mit dem Herz drauf, auf das die Lichter heller brennen mögen. Und noch eine blaue, oder grüne, er konnte die Farbe schon nicht mehr erkennen, aber sie passte zu den anderen, ein hübsches buntes Ensemble, sehr gefällig. Zum Runterspülen noch ein Schluck aus der Flasche.
Sein trübe werdender Blick fiel auf einen weißen Keramikbecher, mit einem ebenso weißen Deckel, der beim Abdrehen ein leicht schabendes Geräusch verursachte, so als würde man eine Kaffeetasse auf der Untertasse drehen. Na bitte! Da ist doch die lindernde Creme! Mit entrücktem Lächeln schmierte sich Johnny den letzten Rest der geheimen Paste aus dem fernen China ins Gesicht, auf die Arme, den Rumpf und alle restlichen juckenden Stellen. Und siehe da – das Jucken ließ nach.
Poch-poch-poch! „Noch eine Minute! Los jetzt, Johnny, raus mir Dir!“
Poch-poch-poch! In den Schläfen hämmerte der Puls Johnny den Takt. Irgendetwas spannte seinen Körper ein, der Kopf fühlte sich an, wie in einem Schraubstock steckend. Auch das nicht zum ersten Mal. Wie viele Gigs hatte er schon in desaströsem Zustand runtergerissen? War nie gestolpert, nie gestürzt, hatte sich nie verspielt? Nicht ein einziges Mal war eine Saite gerissen, auch dank Tonys gewissenhafter Vorbereitung, denn als Gitarrenroadie nahm er seine Aufgabe sehr ernst.
Johnny wankte zu Tür und verließ die Garderobe, in Richtung Bühne. Das entgeisterte Gesicht seines Bandmanagers nahm er nicht mehr wahr.
Dort, den Gang entlang, dieser Druck überall, nach links, die Stufen der Stahltreppe hinauf, was schnürt mich denn so ein?, dem Scheinwerferlicht, den Rufen aus tausend Kehlen entgegen. Die Bühne, ich hab es geschafft, nun kann nichts mehr schiefgehen.
Tausend Augenpaare sind auf ihn gerichtet. Auf ihn, den Frontmann, das Alphatier, ehemals brodelndes Testosteron, pures Charisma, seit Anbeginn. Sie sehen, wie er lässig im Vorbeigehen die Gitarre greift, seine geliebte rote Gibson SG und den Riemen um die Schulter legt. Er wankt dem vorderen Bühnenrand entgegen, dorthin, wo in der Mitte platziert der Mikrofonständer bereitsteht. Für ihn.
Nur noch wenige Meter, das Atmen fällt ihm schwerer, die sich spannende Haut schnürt die Luft ab, presst das vernarbte Herz zusammen, das hektisch versucht, sich den Weg freizuschlagen, so wie er auch, vorbei an schwarzen Kisten mit Rollen darunter, gefüllt mit grauen Schaumstoffkissen, in denen sonst die wertvolle Technik sorgsam gebettet dem nächsten Konzert entgegenrollt, von Ort zu Ort, jetzt jedoch den hinteren Rand und die Seiten der Bühne ziert, aufgewärmt, wartend, bereit für den ersten Ton, den es zu verzerren gilt, oder verstärkt weiterzureichen, über Kabel, so bunt wie die Kostüme des Glam Rocks, damals in den Siebzigern, weiterzugeben an die PA des Kreiskulturhauses „Franz-Joseph Grummelmann“, die nun, fachmännisch eingemessen, das Klanggeschehen der ehemals glorreichen und nun so grauenhaft abgehalfterten Band mit nahezu perfektem Klang an den Raum übergibt, gefüllt mit Luftmolekülen, welche kunstvoll komprimiert und expandiert in die Ohren des erwartungsvoll fiebernden Publikums dringen mögen.
Der Druck in Johnnys Kopf ist mörderisch, ein schwarzes Flackern nimmt ihm zunehmend die Sicht, ein letztes Mal rauscht die eiserne Regel durch den Kopf – Show must go on!, egal was passiert, ob Saalschlägerei oder Schlaganfall, die Musik spielt weiter, die Musiker improvisieren, der Takt wird notfalls mit dem Fuß gestampft, die Rhythmusgitarre mitgesungen, es gibt kein Stoppen, kein Nothalt, genau wie damals auf der Titanic, als die Band auch weiterspielte, nicht aufhörte, nur wegen so ’nem bisschen Feuchtigkeit auf dem Boden.
Johnny schwankte, aber er stand, mit freundlicher Unterstützung der modernen Pharmaindustrie. Das Publikum schrie und jubelte. Verzückte Schreie, geifernde Hysterie, die ihm entgegenschwappte, ihn umtoste, bedingungslose Liebe, pure Zuneigung. Das war der Grund, warum er sich das immer noch antat. Sich wieder und wieder auf die Bühne quälte, gefeiert von seinen Fans, respektiert von seinen Feinden, bewundert von seinen Musikern, die in diesem einen Moment ihre Feindseligkeiten vergessen konnten, für ihn, Johnny, den Bandleader, den Einen, den Auserwählten.
Sein Puls raste, die Rippen knackten bedenklich, im Schädel knirschte es, die Geräusche schienen vertauscht zu sein, links und rechts, wie merkwürdig, und tatsächlich hatten die Ohren wieder den Platz getauscht, die Ohrmuscheln zeigten nach vorn. Es klang, als kämen alle Geräusche von hinten. Und das schwarze Flackern vor Augen war gar kein Flackern, sondern blinkende Scheinwerfer, die durch die verrutschte Gesichtshaut zu den Augen durchdrangen, aber es war egal, er musste nichts mehr sehen, das Repertoire konnte er auswendig spielen, mit verbundenen Augen. Nur mit dem Singen könnte es schwierig werden, denn auch der Mund war verrutscht und befand sich nun unterhalb des Kinns.
In diesem Moment wurde Johnny klar, dass es zu Ende war. Er war verloren, erwürgt von seiner eigenen Haut, vergiftet von der geheimen chinesischen Paste. Er hätte sie doch nur sehr dünn auftragen sollen, wie Andy ihm dringend geraten hatte.
Scheiß drauf, Show must go on! Nur dieses eine Mal noch, bettelte er in Gedanken. Noch ein letztes Konzert. Mit schwindender Kraft zog er die Gitarre vom Rücken nach vorn, ertastete blind den Ais-Powercord, hob den Arm, presste das Plektrum fest zwischen Daumen und Zeigefinger und …

Nur wenige Stunden später berichteten die internationalen Nachrichten von einem Zwischenfall in dem kleinen Ort Schlimmersdorf, wo ein Musiker mit dem ersten Ton eines Rockkonzertes zerplatzt sein soll. Wackelige Handyaufnahmen zeigten einen Mann mit gruseliger Halloweenmaske, der auf seine Gitarre eindrosch und sich mit dumpfem Knall in einer fleischroten Wolke auflöste, weshalb das Publikum an einen Bombenanschlag glaubte und panisch kreischend aus dem Saal rannte.
Der für die amtlich vorgeschriebene Obduktion verantwortliche Pathologe Dr. Schneider beschrieb in seinem Bericht eine Mischung aus Explosion und Implosion, angeregt durch ein nicht mehr auffindbares, viel zu enges Korsett in Verbindung mit einer, durch einen kraftvollen Gitarrensound angeregten Frequenz, die zufällig der Eigenresonanzfrequenz des Körpers des Musikers entsprach.
Der Vorfall machte Johnny unsterblich. Wenige Wochen später eroberte er das Guinness-Buch der Rekorde in der Rubrik „Spektakulärstes Ableben während einer Bühnenshow“. Auch später gelang es keinem anderen Künstler, ihm diese Ehre wieder zu nehmen, auch wenn viele es verzweifelt versuchten.

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