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Eisberg voraus!

Als im Januar 2025 frostige Temperaturen über das Land zogen, zum ersten Mal Warnungen wegen niedriger Gasbestände von unter 50 Prozent durch die Medien geisterten und die Politik – wie üblich – abwiegelte, dachte ich mir: Das ist aber leichtsinnig. Spätestens seit der Sprengung der Nord-Stream-Pipeline sollte eigentlich jedem klar sein, dass man stets mit extremen Ereignissen rechnen muss. Umso vernünftiger wäre es gewesen, die Speicher so schnell wie möglich wieder aufzufüllen. Zumal Gas bekanntlich nicht schlecht wird und auch im nächsten Winter noch brauchbar ist.
     Dann schrieb die Berliner Zeitung, die Gaslieferungen an das LNG-Terminal bei Rügen seien wegen Vereisung derzeit nicht möglich. Schon sah ich mich bestätigt. Jeder mittelmäßige Schachspieler hätte das kommen sehen. Doch im Energieministerium sah man weiterhin keinen Anlass zu handeln. Man werde einen Eisbrecher schicken, hieß es.
     Nach Katastrophen hört man später oft Sätze wie: schlimmer als befürchtet, gravierender als angenommen, verheerender als vorausgesagt. Und so kam es, wie es kommen musste: Der Eisbrecher konnte wegen einer Havarie nicht helfen. Die Gasbestände sanken weiter. Fachleute warnten: Je geringer die Reserven, desto niedriger der Druck – und desto schwieriger wird die Gasentnahme. Doch die zuständige Behörde wollte nicht hören.
     Dann kam der große Knall: Israel und die USA bombardierten – völkerrechtswidrig – den Iran. Dessen diktatorische Regierungsform darf man gern kritisieren, das ändert allerdings nichts an der völkerrechtlichen Lage. Der Iran reagierte erwartbar und sperrte die Straße von Hormus. Dabei handelt es sich nicht um irgendeine poplige Autobahn, sondern um einen der wichtigsten Handelswege der Welt: Rund ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels läuft durch diese Meerenge.
     Kürzlich erklärte Wladimir Putin, man könne sich auch umorientieren und Öl und Gas künftig nach Asien umlenken, statt nach Europa zu liefern. Am selben Tag machte ein Tanker auf dem Weg nach Frankreich plötzlich kehrt – und fuhr ebenfalls Richtung Asien.
     Währenddessen steigen an deutschen Tankstellen die Spritpreise in nie gekanntem Ausmaß. Für die ohnehin angeschlagene europäische Wirtschaft ist das eine ausgesprochen ungünstige Gemengelage. Energie ist kein Luxusgut, sondern der Treibstoff der Industrie. Wenn sie knapp oder teuer wird, stehen zuerst energieintensive Branchen unter Druck – Chemie, Stahl, Grundstoffindustrie. Unternehmen rechnen, vergleichen Standorte und treffen dann Entscheidungen, die selten zugunsten des teuersten Produktionsortes der Welt ausfallen. Die ersten Konsequenzen sind bereits sichtbar: Mercedes-Benz verlegt die Produktion der A-Klasse aus Rastatt nach Ungarn. Auch die Zulieferer, lange das Rückgrat des deutschen Mittelstands, geraten zunehmend in Schwierigkeiten. ZF Friedrichshafen plant den Abbau von bis zu 14.000 Stellen. Bosch streicht weltweit zehntausende Arbeitsplätze und verlagert Teile der Produktion in andere Regionen. Namen wie Continental, Michelin oder Schaeffler tauchen ebenfalls immer häufiger in Meldungen über Werksschließungen, Stellenabbau oder Produktionsverlagerungen auf. Der Grund ist meist derselbe: Energiepreise, Bürokratie und Kosten treiben den Standort Deutschland zunehmend ins Abseits. Selbst traditionsreiche Namen geraten ins Straucheln: Galeria Karstadt Kaufhof, Esprit oder Gerry Weber mussten Insolvenz anmelden, andere kämpfen sich durch Restrukturierungen. Auch in Industrie und Mittelstand häufen sich die Fälle.
     Die Vereinigten Staaten sehen sich diese Entwicklung vermutlich mit einer gewissen Gelassenheit an. Dort ist Energie deutlich billiger, Industriepolitik wieder in Mode, und Kapital wandert bekanntlich dorthin, wo die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn Europa seine Wettbewerbsfähigkeit selbst zerlegt, muss Washington dafür keinen Finger krumm machen.
     Am Ende ergibt sich daraus eine dieser merkwürdigen Situationen, in denen mehrere schlechte Entscheidungen, ein paar geopolitische Zufälle und eine gehörige Portion Realitätsverweigerung zusammenkommen – und später alle behaupten werden, man habe das unmöglich vorhersehen können.
     Oder wie Alice Weidel von den „Blue Devils“ treffend formulierte: Wir werden von Trotteln regiert.