Heute besuchte ich meine Mum, wir stiegen in den Keller und schauten mal in diese und jene Kiste. Und da traf ich sie wieder, meine vier ältesten Freunde. Ich habe sie seit über dreißig Jahren nicht mehr gesehen, sie waren zwar in einer Kiste verpackt, aber trotzdem hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen, so wie bei uns allen. Sie sind schmutzig, staubig und müffeln ein wenig. Nach Feuchtigkeit und Kohlenstaub, so wie halt alles riecht, wenn man es nach langer Zeit aus dem Keller holt.

Nun sitzen sie da vor mir, Brummel 1, Brummel 2, Mischka und Kokko – der Esel. Sitzen da, mit gesenkten Häuptern, nach dreißig Jahren in Dunkelhaft unbeachtet und wissen, daß es um ihre Existenz geht. Denn irgendwann ist das Band, das dich noch mit deiner Kindheit verbindet, verschwunden, zerrissen, vergessen. Ist doch nur ein Stück Stoff, ausgestopft mit Füllmasse, dachte ich bei mir und sah mich im Geiste die vier Exfreunde schon in der Mülltonne versenken.
Brummel 1 verlor mal bei einer Zugreise seine Nase, sie war anschließend unauffindbar und auch unwiederbringlich, denn der VEB Spielwaren Sonneberg konnte keinen Ersatz liefern. Eine notdürftig gebastelte Nase aus Knete gab ihm sein Gesicht zurück, wenn auch nur für kurze Zeit. Brummel 2 verlor gern mal seine Krone, Mischka konnte den Kopf um 360 Grad drehen, eine Eigenschaft, um die ich ihn noch immer beneide. Und Kokko … ich glaube, den hatte ich schon, als ich noch kleiner war, als er.
Kann man seinen ältesten Freunden so etwas antun? Sie einfach entsorgen, wie leere Joghurtbecher? Herzlos auf den Unrat der Geschichte verbannen? Was mache in nun mit Euch?
Am besten erst mal zurück in die Kiste und die Entscheidung vertagen. Vielleicht kommt ja irgendwann die Zeit, wo ich mich nicht mehr an sie erinnern kann und der Abschied nicht so schwer fällt. Wenn ich mich nicht mal mehr an mich selbst erinnern kann …
