Meine Lieblingsfriseurin Antje hat mir gerade die Haare frisch orangiert und erzählt, daß in der Nähe ein neuer „Edelfriseur“ aufgemacht habe, mit Preisen ab 35 Euro für Löwen und 45 Euro für Löwinnen. Also konnte ich meine Neugier natürlich nicht bändigen und ging auf dem Rückweg mal dran vorbei.
Ein mittelgroßes Geschäft mit anständiger aber unspektakulärer Ausstattung. Am Empfangstresen stand eine dickliche, mit geblümter Kittelschürze bekleidete Frau mittleren Alters und stützte sich gelangweilt auf die Ellenbogen. Die zweite Mitarbeiterin, vermutlich die Mutter der anderen, saß direkt neben dem Schaufenster auf einem der Frisierstühle und tat so, als sei sie eine Kundin, um Geschäftigkeit vorzutäuschen. Beide hatten Frisuren aus den Siebzigern, aber nicht die coolen, hippen, sondern eher wie Tante Uschi von nebenan. Schlecht frisiert, schlecht gefärbt in dem Farbton „Bröckel-Ruinen-Rot“ und außerdem kein Licht eingeschaltet – der Laden machte einen ungemütlichen, abweisenden Eindruck. Und an der Fensterscheibe hing die Preisliste, ein edles, handgefertigtes Stück Typografiekunst höchsten Niveaus auf feinstem, büttengeschöpftem Papyruspergament, umrahmt von einem extraordinären Meisterstück des Bilderrahmenhandwerks in Ultra-Mahagoni. Quatsch, da hing einfach nur ein Zettel, lieblos erstellt mit Word und ausgedruckt mit dem Tintenstrahldrucker, befestigt mit Klebeband.
Also ehrlich – von einem Edelfriseur würde ich wohl eher etwas Anderes erwarten. Zum Beispiel fesche Trendsetter, coole Szenetypen und Hair-Art-Explorer (den Begriff habe ich gerade erfunden). Aber mit den beiden wird das wohl nichts, da die ganze Gegend mittlerweile verseucht ist von guten Friseuren, die alle viel günstiger sind.
Vielleicht liegt auf dem Geschäft ja einfach nur ein böses Omen: Vorher beherbergten die vier Wände einen Kunstgewerbeladen. Auch sowas, was keiner braucht …

