Frau V. ist gestorben. Meine ehemalige Nachbarin aus dem ersten Stock – jetzt wohne ich im vierten – war schon um die Neunzig und etwas klapprig, und ließ sich daher immer von der Volkssolidarität das Mittagessen bringen. Nun stand es ungegessen vor ihrer Wohnungstür. Drinnen lief noch das Radio, wie immer ein französischsprachiger Sender.
Manchmal machte sie einfach die Tür nicht auf. Überhaupt war sie in vielen Dingen recht eigenwillig. Vor fünfzehn Jahren, als immer noch ein paar Vertreter glaubten, hier im Osten könne man prima Haustürgeschäfte machen, klingelten an ihrer Wohnungstür zwei Herren, Staubsaugervertreter, streng überwacht durch mich und meinen Türspion. Die zwei sahen … eher unsympathisch aus, Männer um die Dreißig und von der gehetzten Sorte, den Druck der Umsatzvorgaben im Nacken und mit ihrer Einwandbehandlungsliste rhetorisch bis an die Zähne bewaffnet. Aber sie hatten nicht mit Frau V. gerechnet: „Frau V., wir haben hier mal ein tolles Teppichreinigungsprodukt gratis für Sie …“, einer der Herren überreichte ihr eine Flasche. „Oh, vielen Dank, sehr nett von ihnen!“ sagte Frau V., nahm die Flasche und schloß die Tür. Der Vertreter klopfte an die Tür, zog die Stirn in Falten und hatte wieder seinen gehetzten Gesichtsausdruck aufgesetzt … „Frau V.? Hallo?“ Nein, diese Tür würde sich nie wieder für ihn öffnen. Er hatte versagt. Ich konnte mich nur schwer zusammenreißen, um hinter meiner schützenden Tür nicht laut loszuprusten, denn auch für mich kam das sehr überraschend, hatte ich doch eher erwartet, die alte Dame vor den windigen Gestalten und ihren zwielichtigen Staubsaugergeschäften beschützen zu müssen.
Frau V. war die perfekte Nachbarin: Immer freundlich und zurückhaltend, wenn man sich traf, tauschte man drei oder vier Sätze aus, dann ging jeder wieder seiner Wege. Sie mischte sich nicht in fremde Angelegenheiten, hörte nicht laut Musik, sie tratschte nicht herum, sie machte keine Probleme.
Doch nun stand ihr Essen ungegessen vor der Tür. Mein Klopfen verhallte ungehört in den Etagen des Hauses. Abends sah ich dann zwei Damen in Zivil ihre Wohnung untersuchen, an der Tür hinterließen sie einen Aufkleber vom Polizeipräsidenten.
Liebe Frau V., danke für Ihre angenehme Nachbarschaft! Ich werde sie gern in Erinnerung behalten.
Frau V.
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das stimmt… Birdi, we miss you!