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Schnelles Ausbrennen, langsames Verglimmen

Vermehrt wird in den Medien über die bedenkliche Zunahme von psychischen Erkrankungen berichtet, und darüber, daß immer mehr Menschen psychisch ausgebrannt in Frührente gehen müssen, weil sie den Arbeitsalltag nicht mehr ertragen. Vermutlich haben nur wenige soviel Glück, nach einer relativ kurzen Laufbahn als Kraftwerksingenieur bereits mit 40 Jahren und 1200 Euro pro Monat in Rente gehen zu können, wie ein Bekannter von mir. Das mag nicht viel erscheinen, aber wer in Berlin wohnt, benötigt nicht viel Geld, insbesondere, wenn man zusammen mit der Familie ein Haus gebaut und bereits abbezahlt hat. Für soviel Geld würde ich auch sofort zu Hause bleiben. Der Bekannte wurde auf Arbeit täglich gemobbt, beschimpft und beleidigt, nach ein paar Jahren war die Psyche am Ende, er war krank, depressiv, selbstmordgefährdet und desillusioniert. Nach jahrelanger psychiatrischer Behandlung kam das berufliche Aus – Frührentner. Ein Schicksal, daß ich gut nachvollziehen kann, da ich als im Marketing Beschäftigter immer direkten Kontakt zu Führungskräften habe und in den letzten Jahren so manchen Job hinschmiß, weil es sich meistens um Psychopathen und Neurotiker handelte. Mein derzeitiger Chef ist cholerisch und unberechenbar; ich bemerke zwar, daß er versucht, sich zu beherrschen, aber dennoch bleibt eine unablässige, unangenehme Spannung, die einem den Alltag gehörig vermiesen kann. Unangenehme Themen sachlich zu diskutieren ist schon schwierig, weil ihm sofort der Kragen platzt, wenn ihm etwas nicht paßt. Dazu noch einen Abteilungsleiter, der seine Mitarbeiter ständig beschimpft und beleidigt, schon hat man ein Betriebsklima, daß die Mitarbeiter panisch nach neuen Jobangeboten suchen läßt.
Derzeit fordert eine Gruppe von Forschern und Politikern die Einführung einer 30-Stunden-Woche, und zwar bei vollem Lohn, ein Vorschlag, dem sich entgegenzustellen mir aus unerfindlichen Gründen irgendwie schwer fällt. Anmerken möchte ich aber bei dieser Gelegenheit mal Folgendes: Welcher völlig verblödete, hirnamputierte Vollzombie ist eigentlich jemals auf die Idee gekommen, daß Großraumbüros eine Bereicherung des Arbeitslebens wären? Wenn man nämlich die Überlastung von Mitarbeitern reduzieren möchte, so gehört diese unsoziale Erfindung als erstes verboten. Wer an seinem Schreibtisch sitzt und versucht, einen Text zu schreiben, ein Telefonat zu führen oder einen Kunden zu beraten, während drumherum das Chaos tobt, und dafür reicht schon ein kleines Chaos, wie Gespräche, Telefonate oder Radiosender, bei dem läuft das Gehirn den ganzen Tag lang, ununterbrochen im Burstmodus, weil es gezwungen ist, die überflüssigen Ablenkungen von den wichtigen Aufgaben zu trennen und herauszufiltern. Versuchen Sie mal, einen Text zu schreiben, während Sie ein Radiosender von der Seite vollquatscht, dann wissen Sie, was ich meine. Ich jedenfalls fühle mich nach einem solchen Tag mental so geplättet, daß ich kaum noch Lust habe, nach der Arbeit irgendetwas zu unternehmen. Wie gut haben es da die Beamten in der Arbeitsamtszentrale in der Kochstraße. Wenn ich mittags in der Kantine essen gehe, laufe ich durch die Flure und beneide die Mitarbeiter wegen ihrer Ein-Mann-Büros.
Vor zwei oder drei Jahren übrigens hatte ich mal ein Vorstellungsgespräch bei einem Hersteller von medizinischen Geräten. Der Geschäftsführer führte mich mit stolzgeschwellter Brust durch sein Imperium und verwies auf das moderne Großraumbüro, in dem alle Mitarbeiter „als Team zusammengeschweißt“ arbeiten. Er ermahnte mich auch, nicht so laut zu reden, um die Mitarbeiter nicht zu stören, er selbst sitze übrigens dort hinten in der Ecke und zeigte auf einen durch Glas abgetrennten Bereich.
Schon am nächsten Tag kam die Absage. Vielleicht hätte ich ihn nicht auf diese Widersprüche hinweisen sollen.