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Absolut echt!

Die ersten musikalischen Klänge, an die ich mich erinnern kann, stammen von dem Lied „Schlafe, mein Prinzchen“, das ursprünglich Wolfgang Amadeus Mozart zugeschrieben, tatsächlich jedoch von Bernhard Flies komponiert wurde und aufgrund der schlüpfrigen Zeile „nur aus der Zofe Gemach hört man ein schmachtendes „Ach“. Was für ein „Ach“ mag das sein? Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein.“ nach heutigen Maßstäben schon das Potential birgt, das unschuldige Kind nachhaltig zu traumatisieren*.
Aus den Siebzigern sind mir dann Erinnerungsfetzen von ABBA und der Band Dawn mit „Tie A Yellow Ribbon ‚Round The Ole Oak Tree“ hängengeblieben, einer amerikanischen Gruppe, die außer mir vermutlich kein Schwein kennt. Mir ist heute noch rätselhaft, wie diese aus dem kapitalistischen Ausland stammende Musik in das DDR-Röhrenradio meiner Eltern gelangen konnte. Aber auch aus der ostdeutschen Musikszene ist gelegentlich was hängengeblieben, beispielsweise Mucks „Isabelle, komm setz Dich auf mein Bärenfell“, was mit der schmutzigen Phantasie eines verdorbenen Erwachsenen auch schon recht zweideutig ist.
Musikalisch so richtig aufgewacht bin ich dann aber erst in den Achzigern, wenngleich sich der erste Kontakt noch etwas schwierig gestaltete: Ein Mitschüler hatte über Beziehungen das in der DDR nur unter dem Ladentisch erhältliche AC/DC-Album „Highway To Hell“ ergattert und spielte mir die einzelnen Titel kurz an, bis ich „weiter“ sagte. Hinter den magischen vier Buchstaben mit dem Blitz dazwischen mußte sich doch irgendein faszinierendes Geheimnis verbergen, ansonsten hätte man sie damals nicht in jede Schulbank eingeritzt. Der letzte Titel „Night Prowler“ auf Seite Zwei erweckte dann immerhin genügend Interesse, um sich die Mühe zu machen, ihn mittels eines an den Lautsprecher gelehnten Mikrofons auf Kassette zu bannen. Aber die Initialzündung gab es erst später auf einer Klassenfahrt nach Brandenburg: Auf dem Zeltplatz trieben sich Jungs aus den benachbarten Dörfern herum, vermutlich um unsere coolen Stadtmädels kennenzulernen, was uns aber nicht weiter störte, denn einerseits interessierten wir uns damals noch nicht so sehr für Mädels und andererseits waren die Geräusche, die aus den mitgebrachten Kassettenrekordern der Dorfjugend an unsere Ohren drangen, tausendmal interessanter. Es handelte sich um die AC/DC-Alben aus den Siebzigern. Diese raue, kratzige, schmutzige Stimme, die sämtlichen Klischees über ästhetischen Gesang widersprach, gepaart mit einer erdigen, schleppenden, harten und verzerrten Musik hatte eine Wirkung, als würde einem direkt vor der Nase ein echt abgefahrenes UFO aus den Weiten des Weltraumes in einem spektakulären Ballett seine spinnedürren, rostigen Landebeine ausklappen. Die Stimme des Sängers Bon Scott klang wie ein rasselnder, klappernder Motor, so alt, kaputt und fremdartig und dennoch so überaus sexy. Ich interessierte mich später auch noch für andere Heavy-Metal-Bands, aber das hielt nicht lange, denn ich durchschaute schnell das affige Männlichkeitsgehabe mit all seiner theatralischen Symbolik wie Totenköpfen, Leder und Bergen von Nieten.
AC/DC hingegen waren anders. Auch wenn sie ihre Bühnenkarriere unter dem pfauenhaften Sänger Dave Evans zunächst mit albernen Kostümen begannen, fanden sie mit Bon Scott doch schnell zurück zum Kern der Sache – der Musik. So, wie sie auch auf die Straße gingen, in Jeans und Turnschuhen, so standen sie auch auf der Bühne. Sie waren … echt … und sind es bis heute geblieben.
Später tourte ich dann als Roady und Techniker mit einer rollenden Diskothek durch’s Land, was meinen Musikgeschmack erheblich erweiterte. Heute höre ich fast alles, von Rock und Pop bis hin zur Klassik. Manches ist vergangen und vieles geblieben. Aber mit AC/DC-Songs kann man mich noch immer hinter der computergesteuerten Gasetagenheizung hervorlocken.
Wer einen Wettstreit der besten deutschen AC/DC-Coverbands erleben und die guten alten Songs aus den Siebzigern noch mal hören möchte, hat am kommenden Samstag, dem 18. Februar dazu die Gelegenheit. Im Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei findet wieder das alljährliche „Tribute to AC/DC“ statt. Die letzten Jahre hat sich das immer gelohnt, auch wenn nicht jede Band an das Original heranreicht. Vor zwei Jahren kamen Back in Black (oder Back to Black?) aus Thüringen und borgten sich Achim, den ehemaligen Sänger der Berliner Band High Voltage aus. Die Band spielte millimetergenau die alten Stücke nach, und Achim hatte als einer der wenigen auftretenden Sänger die passende Stimme: wie ein rasselnder, klappernder Motor. Alt, kaputt, fremdartig und dennoch so überaus sexy.

* Wenn eine automatische Rechtschreibkorrektur aus „traumatisieren“ „traumatischeren“ macht, sollte sie vielleicht doch noch mal zur Schule gehen.

7 Kommentare

  1. Rosinenschnecke

    .. "High Vortage" ist ja auch ein etwas komischer Name für ne` AC/DC Coverband… ich dachte immer so dinglish redet nur Gayle Tufts..
    Ist das eigentlich Klavierlehrer-Achim, der von "Mission impossible 4"? 😎

  2. Sunlion

    Vortage? Noch so ein dämlicher Fauxpas der automatischen Rechtschreibkorrektur. Ich hielt es für eine gute Idee, ausnahmsweise mal in Textedit statt direkt im Browser zu schreiben. Dem war offenbar nicht so.
    Und meine Fähigkeiten als Lektor schlafen anscheinend auch immer mehr ein. Auf jeden Fall vielen Dank für den Hinweis.
    Und nein, Hochstrom-Achim ist nicht identisch mit Auftrag-unmöglich-Achim.
    Wie steht's mit Dir? Bist Du eventuell identisch mit glücklich-verheirateter-gemeinsamer-Bekannter-Freundin von 1988?

  3. Rosinenschnecke

    Aaahh.. Voltage, dat macht dann Sinn bei AC/DC.

    I only understand railway-station.. was will mir der Dichter mit dem letzten Satz sagen? Zu 1988 fällt mir nur noch ein das ich da eingeschult wurde, dann wird es auch schon dunkel im Hirn bei dieser Jahreszahl.. :-))

  4. Rosinenschnecke

    Mmmhh nöö, warum auch? Ist ja noch keine Staatsbürgerpflicht geworden, hier alles zu lesen, oder? Oder nicht? ;o))
    Und bei "Hasi" sind wir ja wohl schon mal gleich gar nicht. Diese Titulierung ist wahren Männern aus Fleisch und Blut, und keinen virtuellen Raubkätzchen, vorbehalten.

  5. Sunlion

    Stimmt, haste auch wieder recht, Hasi. Äh Verzeihung, ich meine natürlich Spatzi … äh Schatzi … nee, wie denn nun? Äffchen? Schäfchen? Nein, jetzt hab ich's wieder: Schneckchen!
    Schuldigung! =o)

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