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Lolita

Wie sehr die Welt sich doch verändert, sobald man nur mal anderthalb Stunden später zur Arbeit fährt als üblich!
      Da saß mir heute in der Straßenbahn eine junge Frau gegenüber, Anfang 20, klein, zierlich, mit einem ausgesprochen hübschen Blümchenkleid, lässigen Korkschlappen und einer stylischen Sonnenbrille auf der Stupsnase. Zusammen mit ihrem Schmollmund und der klassischen Hochsteckfrisur erinnerte sie mich an Jane March, die im Spielfilm „Der Liebhaber“ dem Kinopublikum den Kopf verdrehte.
     So saß sie also da, lauschte ihrer Musik und schaute, die Beine übereinandergeschlagen, unbekümmert mit dem Fuß wippend, dem vorüberziehenden Treiben auf der Straße zu.
     Mit dieser vollkommenen, natürlichen Schönheit erzeugte sie eine Ausstrahlung, die um so vieles größer war, als ihre zierliche Erscheinung, denn noch über Kilometer und Stunden hinweg begleitete sie mich in meinen Gedanken durch den Tag.
     Ich hoffe, sie ist sich dieser unnachahmlichen Kostbarkeit bewusst, vor allem aber der Notwendigkeit, sie zu bewahren, denn ihr Esprit leuchtete unendlich mal heller, als die Drögheit der inzwischen leider alltäglichen Kreaturen, die mit ihren Totenkopftätowierungen und Nasenringen einem Hornochsen näherstehen, als einem Menschen.