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Lesung: Kuschel und die Sommerferien, Teil 2

Kuschel unternimmt mit ihren Großeltern einen Tagesausflug auf eine Insel und streunert dort ein wenig durch die Gegend, bis sie am Strand plötzlich einen echt ulkigen Typen entdeckt:

In der Tat wirkte der seltsame Mann wie ein bizarres Wesen aus einer anderen Welt. Er sah weniger aus wie ein Mensch, sondern eher wie eine Mischung aus Affe und Bär, kräftig gebaut und dem Anschein nach über zwei Meter groß. Und er hatte sehr helle, fast weiße Haut. Als er bemerkte, dass er beobachtet wurde, machte er ein grimmiges Gesicht und versuchte, sich unter einer viel zu kleinen, baby­blauen Decke zu verstecken, weshalb die Beine am unteren Ende herausschauten. Allein die Füße waren riesig! Es konnte unmöglich in einem handelsüblichen Schuh­geschäft passende Schuhe für ihn geben. Kuschel fand dieses Versteckspiel merkwürdig und schickte sich an, der Sache auf den Grund zu gehen.
     Nach ein paar Minuten fand der Mann, es sei an der Zeit, die Decke zu lüften, um nachzusehen, ob die Luft rein ist und zog sie langsam von seinem Gesicht. Offenbar erschreckte ihn die Tatsache, das neugierige Mädchen mit dem Teddy nun direkt vor sich zu erblicken, denn ein kurzes Zucken ging durch seinen massigen Körper. Geblendet von der Sonne blinzelte er sie verstört an und zischelte barsch: „Was ist denn?“

     Kuschel kniff nachdenklich die Augen zusammen: „Sie sehen total ulkig aus.“ Der Mann reagierte verunsichert: „Ja … und?“ – „Ich glaube, ich habe Sie schon mal irgendwo gesehen.“ Bestürzt musterte er die Umgebung, und als er sicher war, von niemandem belauscht zu werden, flüsterte er nachdrücklich: „Pssst! Nicht so laut! Du lenkst sonst noch die Aufmerksamkeit der anderen auf uns!“
     Jetzt schaute sich auch Kuschel nach allen Seiten um. „Und was bitte wäre daran so schlimm?“ – „Es soll niemand wissen, dass ich hier bin. Sonst kommen wieder alle angelaufen und wollen Fotos machen, Autogramme haben und so.“ Kuschel legte nachdenklich den Finger auf die Nase. „Also kenne ich Sie doch von irgendwoher.“ Der Mann versuchte, sie mit heftigem Herumfuchteln seiner Hände zu verscheuchen: „Nein, tust du nicht, und jetzt hau ab!“ fluchte er unterdrückt. Beleidigt von so viel Zurückweisung wollte Kuschel fast schon nachgeben, aber Teddy hatte den entscheidenden Tipp: „Ich weiß es“, flüsterte er, „stell ihn dir mal mit dickem, weißem Fell vor.“
     Kuschel analysierte den Mann mit bohrendem Blick aufmerksam von oben bis unten, während der einen zunehmend besorgteren Eindruck machte. Plötzlich überkam sie die Erkenntnis wie ein Frosch, der einem unerwartet in den Nacken springt: „Jetzt weiß ich! Sie sind ein Yeti! Ein echter Schneemensch!“ Sie fing an, ausgelassen um den Strandkorb des ulkigen Wesens herumzuhopsen: „Ein Yeti, ein Yeti …“
     „Sssccchhht! Hör auf damit, bevor uns jemand bemerkt!“ mahnte der Yeti eindringlich. Erneut sah er sich vorsichtig um, doch niemand nahm Notiz von ihnen. Alle waren mit sich selbst beschäftigt oder mit ihren Handys, lagen apathisch in der Sonne oder planschten im Wasser.
     Kuschel beendete die Hopserei und fragte neugierig: „Wo ist denn Ihr Fell? Auf Bildern haben Yetis doch immer ein weißes Fell? Oder haben Sie sich nur rasiert?“ – „Es gibt keine Bilder von Yetis, das sind alles nur Fälschungen!“ herrschte der Yeti sie an. „Und nein, wir haben kein Fell, wir tragen weiße Pelz­mäntel! In den Bergen des Himalaya, wo wir herkommen, ist es das ganze Jahr über kalt.“ – „Sie haben kein Fell?“ wunderte sich Kuschel. „Nein, wir sind Nacktaffen. Oder besser – Nackt­affenbären. Wir leben hoch oben im schneebedeckten Teil der Berge, wo sonst kein anderes Lebewesen hinkommt. Dort fangen wir Schneeflocken ein und stricken uns Pelz­mäntel daraus.“
     Kuschel nickte anerkennend. „Cool! Pelzmäntel aus Schnee. Darf ich Ihren mal sehen?“ – „Natürlich nicht, er schmilzt in warmen Regionen. Hier ist es momentan ziemlich warm. Er kann sich nur in kalten Gegenden erhalten.“ – „Und warum sind Sie hier?“ Der Yeti schaute nun sehr vorwurfsvoll: „Na, warum wohl? Aus demselben Grund, aus dem du hier bist – um Urlaub zu machen. Du willst ja auch nicht gern das ganze Jahr in frostiger Kälte verbringen, oder? Weißt du eigentlich, wie kalt es da oben in den Bergen ist?“ Bei dem Gedanken an Kälte lief Kuschel sofort ein Schauer über den Rücken. „Kann ich mir vorstellen, ich mag auch keinen Winter. Wenn Sie einen Mantel aus Schneeflocken tragen, frieren Sie da nicht noch mehr?“ – „Überhaupt nicht! Mikrowelleninduzierte hyper­aktive Ionen­neutronen­kernspin­umkehr­solar-Technologie. Kompliziertes Thema! Verstehst du sowieso nicht!“ ranzte der Yeti das Mädchen an. Kuschel nickte betrübt. „Na, siehst du! Und jetzt hau ab, ich möchte ungestört sein.“ Er setzte sich eine verspiegelte Sonnenbrille auf die Nase und schaffte so Distanz zu all den schrecklichen Menschen um sich herum. Besonders aber zu dem frechen, aufdringlichen Mädchen mit dem Teddy.
     „Okee.“ Geknickt watschelte Kuschel davon. Sie hätte gern weiter mit dem Yeti geplaudert, aber wenn er sich nicht unter­halten wollte – Pech gehabt! Und überhaupt: Er hatte doch Pech gehabt! Da kletterte er einmal im Leben von seinem verschneiten Berg herunter, traf auf den Kuschel seines Lebens und vergrämte ihn dann so mir nichts, dir nichts. Püh! Als wenn sie es nötig hätte, sich mit einem Nacktaffenbären zu unterhalten. Der dazu noch völlig unbekleidet war! Ich meine, wo sind wir denn hier?
     „Wo sind wir denn hier?“ Kuschel war grübelnd den Strand entlanggelaufen und hatte irgendwie die Orientierung verloren.

Fortsetzung folgt …

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