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Lesung: Kuschel und die Sommerferien, Teil 1

Wie bereits angekündigt, werfen wir heute mal einen Blick in mein neues Buch „Kuschel und die Sommerferien“. Kuschel, ein etwa neun- … oder zehn- … oder vielleicht auch zwölfjähriges Mädchen, so genau weiß das niemand, besucht seine Großeltern an der Ostsee, verbringt dort eine ganze Ferienwoche und erlebt jeden Tag ein neues Abenteuer. Gegen Mittag liefern ihre Eltern sie bei Oma und Opa ab, die sie als erstes mit Mittagessen versorgen. Bis dahin läuft der Tag noch in seinen gewohnten Bahnen. Doch kurz darauf beginnt Kuschels Umgebung, sich irgendwie zu verändern, sie wird lebendig. Alles beginnt mit Blech:

Sie erhoben sich, Oma räumte das benutzte Geschirr zusammen und trug es hinüber zur Spüle. Dabei kippelte die Coladose, fiel vom Tablett, kullerte auf dem gemusterten Küchenboden herum und kam schließlich direkt vor Kuschels Füßen zum Stillstand. Das Mädchen kicherte übermütig, holte aus und schoss die Dose mit einem kräftigen Fußtritt durch die offen­stehende Tür. Opa ermahnte sie gutmütig: „Nicht doch, Kleines, so darf man nicht mit Dingen umgehen.“ Kuschel war verunsichert: „Aber … das ist doch nur ‘ne Dose!“ – „Nicht nur Lebe­wesen wollen gut behandelt werden, Schatz, auch Dinge haben eine Seele. Alles, was dich umgibt, steckt voller Leben. Wenn du dir ein wenig Mühe gibst und sensibel genug bist, wirst du das schnell entdecken. Jetzt geh, du Schlingel, hol die Dose zurück!“ Kuschel grummelte mürrisch: „Naaa guuut!“ und lief barfuß hinaus. Sie rannte über den Rasen, durchsuchte die Büsche, flitzte um die Obstbäume herum, konnte die Dose aber nirgends entdecken. Also schlüpfte sie durch das Gartentor und krabbelte auf der anderen Seite zwischen dichtem Gestrüpp umher, leider wieder ohne Erfolg. Nanu? Wo konnte sie nur sein? „Ach, was soll‘s!“ Kuschel ließ die Sucherei bleiben und stand auf, mit den Händen den Staub von den Hosen­beinen abklopfend. „Ich will jetzt den Strand sehen!“
     Sie folgte dem sandigen Weg. Er führte sie erst ein Stück geradeaus bis zu den Hühnerställen, verlief dann leicht abschüssig und knickte schließlich nach rechts ab. Die Zäune neben den Ställen waren schmutzig, es klebten eine Menge weiße Federn und Unrat daran. Der unangenehme Geruch raubte Kuschel den Atem. „Igitt, hier stinkt es ja gewaltig!“ Um diesen unangenehmen Ort schneller hinter sich zu lassen, zog sie das Tempo etwas an. Erst unten, beim Schilf, wurde es besser. Dort sorgte die Brise für einen frischen Duft nach Sonne, Sand, Seetang und Meer.
     Kuschel suchte nach dem geheimen Pfad im Schilf, der nur Einheimischen bekannt war. Sie fand ihn, lief zwischen den Halmen entlang und versuchte, durch hektisches Herum­wedeln mit den Armen, sich nicht von den vielen, gierigen Mücken stechen zu lassen, die zwischen den Blättern versteckt auf leckere Opfer warteten.
     Endlich, der sumpfige Morast wurde trockener und mündete in einem weißen Sandstrand. Über ihm der riesige, blaue Himmel und vereinzelt ein paar Möwen. Das Mädchen schaute ihnen gut gelaunt hinterher, als es plötzlich einen schmerz­haften Biss im linken Fuß verspürte.
     „Autsch! Aua, aua, aua …“ Kuschel sprang mit wehleidigem Gesicht auf einem Bein im Kreis und hielt sich den schmerzenden Fuß. Sie war in eine leere Blechdose getreten, und die hatte sich halb um den Fuß herumgefaltet. „Verdammt!“ Mit den Händen bog sie die Dose auseinander, bis sie sich entfernen ließ und warf sie wütend weit von sich. Grimmig dreinblickend humpelte Kuschel in Richtung Wasser. Schon nach wenigen Metern vernahm sie eine vorwurfsvolle Stimme: „Warum bist du so gemein zu mir?“
     Erschrocken hielt sie inne und flüsterte zaghaft: „Wer spricht denn da?“ – „Na, wer wohl. Ich natürlich … die Dose!“ Kuschel fragte staunend: „Die Dose kann sprechen?“ – „Jaaajaaa … die Dose kann sprechen!“ äffte die Dose im selben Tonfall nach. „Ja … aber … wieso?“ – „Wieso nicht?“ fragte die Dose zurück. „Aber du bist doch nur ‘ne Dose!“ – „Och … na schönen Dank auch!“ schimpfte die Dose. „Danke, dass du mir gezeigt hast, wo mein Platz in der Welt ist! Es ist doch immer schön zu wissen, wo man hingehört! Nur ‘ne Dose!“ meckerte die Dose mit rostiger Stimme.
     Das Mädchen stand noch immer da wie versteinert und starrte das zerknitterte Stück Blech an. Die Dose starrte verärgert zurück und blaffte: „Was guckst du denn so? Als wenn es nicht schon schlimm genug wäre, dass du mich misshandelt hast, stehst du jetzt auch noch gaffend herum und ergötzt dich an meinem traurigen Anblick. Sieh nur, was du angerichtet hast!“ Betrübt schaute sie an sich herunter, bemühte sich verzweifelt, die vielen Falten in ihrem Blechkleid zu glätten, was ihr aber nicht besonders gut gelang. „Ich war mal knitterfrei und glänzend, mit einem bunten Kleid, voller Hoffnung und Cola … bis ich dir vor die Füße geriet. Von da an ging es bergab.“
     Allmählich aus ihrer Erstarrung gelöst, fragte Kuschel: „Ja eben, wie bist du überhaupt bis hierher gekommen? Ich hatte dich doch nur durch die Tür geschossen!“ – „Oh ja, und das war nicht gerade sehr freundlich! Mir tut jetzt noch mein blecherner Hintern weh! Aber dass du auch noch mal nachtrittst, hier am Strand, das hätte ich nicht erwartet. Erst flog ich einem großen Hund vor die Pfoten, der schnappte sofort mit seinen spitzen Zähnen nach mir, sabberte mich dabei von oben bis unten voll und verschleppte mich hierher.“ Kuschel versuchte, die Dose aufzuheitern: „Das war doch sehr nett von dem Hund, hier am Strand ist es sehr schön!“ – „Ja, für dich vielleicht! Auf mich wartet hier nur ein langsames Ende. Eigentlich bin ich dazu bestimmt, nach der Benutzung wiederverwendet zu werden. Wenn mein Leben endet, werde ich mit meiner Familie, also den vielen anderen Dosen, wieder zusammengeführt. In großen Fabriken werden neue Dosen aus uns gemacht, oder Gartenstühle, oder Autos. Doch hier am Strand werde ich langsam verrotten. Der Regen, das salzige Meerwasser und die feuchte Luft werden mein glänzendes Kleid allmählich rosten lassen, ich werde mit der Zeit immer löchriger und unansehnlicher werden, irgendwann werde ich zu Staub zerfallen sein. Es wird viele Jahrzehnte dauern, vielleicht auch Jahrhunderte. Es wird langweilig werden und deprimierend.“
     Nun machte auch Kuschel ein betrübtes Gesicht. „Tut mir sehr leid, das wusste ich nicht. Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen?“ – „Ja, kannst du. Bring mich bitte in einen Abfall­behälter. Dann kümmert sich die Müllabfuhr um mich und führt mich wieder mit meiner Familie zusammen­.“ – „Okee!“ Kuschel hob die Dose auf und trug sie behutsam zu einem orangefarbenen Behälter, auf dem mit großen Buchstaben geschrieben stand: Recycling. Kaum hatte sie die Dose durch den Schlitz geworfen, erhob sich im Inneren des Behälters kumpelhaftes Gegröle: „Hey, schaut mal Jungs, wer da ist! Das ist ja Cola! Hey, Cola, alter Blecheimer, wie geht‘s dir denn so, erzähl mal! Hast du was Spannendes erlebt?“ – „Hi, Zitrus, du alte Brausetablette, lange nichts von dir gehört!“ Kuschel lauschte neugierig dem heiteren Wiedersehen. Unglaublich, da hat die Dose gleich ein paar alte Freunde wiedergetroffen. Was für ein toller Tag!

Fortsetzung folgt …

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