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Der Stein der Weisen

Mein Verhältnis zu Zahnärzten war schon immer etwas gespalten. Einerseits wollen sie Dir helfen, andererseits aber bedienen sie sich hierfür aus einem erschreckenden Arsenal von Folterwerkzeugen, die jeden Patienten vor Angst erzittern lassen. Dabei leben wir noch in einem verhältnismäßig humanen Zeitalter, dank moderner Betäubungs- und Narkosemittel. Im Mittelalter dürfte es noch viel grausamer zugegangen sein.
     Die Kinderzahnärztin, nennen wir sie Frau Dr. B., ein Name den man getrost wieder vergessen kann, von der meine Eltern viel hielten, ich jedoch mittlerweile nicht mehr, mahnte bei jedem Besuch: „Du musst Dir die Zähne besser putzen“. Eine völlig sinnlose Maßnahmen, denn ein kleines Kind versteht die Bedeutung dieser Worte nicht. Da kann man den Satz auch genauso gut auf Chinesisch aufsagen, das hätte in etwa die selbe Wirkung, nämlich gar keine. Die Ärztin hätte sich von mir zeigen lassen müssen, wie genau ich mir die Zähne putze, hätte korrigierend eingreifen und die Anordnungen immer mal wieder überprüfen und von meinen Eltern mehr Kontrolle einfordern müssen. Tat sie aber nicht. Und so kam es, wie es kommen musste, heute begleiten mich ein Inlay (unter dem zweiten tobte sich munter die Karies aus, was zum Verlust des Zahnes führte) und vier Kronen, bei denen ich nur noch beten kann, dass sie nicht irgendwann auch hochgehen. Zu blöd, dass Zähne nicht nachwachsen.
     Am meisten litt mein Verhältnis zu Zahnärzten jedoch nach der ersten Weisheitszahnoperation. Eine ganze Stunde war der Mann, nennen wir ihn Dr. F., ein Name, den ich gern vergessen würde, unter anderem, weil er mir mit seinen ständigen Professionelle-Zahnreinigung-Angeboten gehörig auf die Pulpa geht, mit dem garstigen Wurzelzwerg unten links beschäftigt, mehrere Spritzen waren nötig, und halfen doch nicht, um das allmähliche stückweise Entfernen der einzelnen Splitter aus dem Kieferknochen möglichst schmerzlos zu gestalten. Doch immer wenn man denkt, schlimmer kann es nicht kommen, dann kommt ein zweiter Weisheitszahn daher, unten rechts, der fast zwei Stunden die Zeit des Extraktors in Anspruch nahm. Wer das persönlich überlebt hat, hat anschließend nie wieder Angst vor dem Zahnarzt. Dachte ich damals zumindest.
     Irritierend fand ich jedoch, dass Zähne angeblich einfach so zersplittern, obwohl sie nicht im geringsten kariös waren. Das ließ in mir den schlimmen Verdacht keimen, der Zahnarzt hätte womöglich den Zahn absichtlich zersplittern lassen, weil er vielleicht mehr daran verdient, wenn er die Einzelteile aufwendig rauspopeln muss. Ist aber wirklich nur ein Verdacht, ich habe diesbezüglich nicht bei der Krankenkasse nachgefragt.
     Doch aller „guten Dinge“ sind drei. Auch ich habe dummerweise einen Oberkiefer, und Gott hatte in seiner unergründlichen Weisheit die Idee, mir doch wenigestens noch einen dritten Weisheitszahn zu bescheren. Der war nun leider kariös, schon seit Jahren jammerten verschiedene Ärzte herum, er müsse dringend raus. Nach den schlimmen Erfahrungen mit den zwei anderen hatte ich mich jedoch bisher erfolgreich davor gedrückt. Als er im letzten Frühjahr ein paar Probleme bereitete, machte ich einen Termin zum Entfernen, sagte diesen aber mit windigen Ausreden vorher ab, aus purer Angst vor einem erneuten Albtraum. Doch seit Weihnachten hörte er gar nicht mehr auf, zu schmerzen, deshalb musste es nun sein.
     Getrieben von wilder Lust am unkalkulierbaren Risiko ernannte ich heute eine mir völlig unbekannte Zahnchirurgin zur Ärztin meines Vertrauens, nennen wir sie Frau Dr. Wolff vom Dentalzentrum Pankow, ein Name, den man sich unbedingt merken sollte, wenn man mal einen Zahn in Rente schicken will. Nach monatelangem mentalen Aufbautraining und intensiver gedanklicher Vorbereitung auf das stundenlange Grauen, dass mich heute erwarten sollte, legte ich mich schicksalsergeben auf den Folterstuhl und ließ die zwei unvermeidlichen Spritzen über mich ergehen, wobei die innen gesetzte wirklich sehr, sehr schmerzhaft war. Dann wurde schon mal das grüne Leichentuch über mich gelegt (vermutlich wird das gemacht, damit der Bestatter es anschließend etwas leichter hat), und die Chirurgin setzte beherzt die Zange an.
     Schwubs! Knirsch! Zack! „Das war’s schon, alles komplett raus. Ich nähe die Wunde dann mal zu.“
     Wie bitte? Das war’s schon? Fünf Sekunden und alles ist vorbei? Kein Bohren? Kein Stechen und kein Hacken? Kein Hauen und kein Fräsen? Weder sägen noch sprengen? Unglaublich! Sollte Frau Dr. Wolff vielleicht doch irgendwo in einem Zahnarztschränkchen ganz hinten in der Ecke versteckt den Stein der Weisen gefunden haben? Einen streng geheimen Trick, mit dem sich Zähne komplett in einem Stück entfernen lassen?
     Wie auch immer – es gibt sie also doch noch – die guten Zahnärzte!