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Das Ende der Welt, Teil 4

Ich verstehe überhaupt nicht, warum die EU-Befürworter etwas gegen geschlossene Grenzen haben, das Überschreiten von Grenzen macht doch Spaß! Aller guten Dinge sind drei, noch besser sind jedoch fünf, darum machen wir heute gleich mit dem Grenzübergang zwischen der Ukraine und den von den Separatisten, auch bekannt unter der Bezeichnung „Freiheitskämpfer“, separierten/befreiten Gebieten sowie den zwei folgenden Übergängen weiter:

„Guten Morgen, Papiere bitte!“ Werner reichte ihm die Dokumente. Der misstrauische Blick des Mannes irrte zwischen den unterschiedlichen Nationalitäten von Reisepass, Zulassung und Fahrzeug umher, dann fragte er der Einfachheit halber doch lieber den Fahrer: „Sie kommen aus Deutschland? Aha. Aber Sie sind dort geboren? Und jetzt wohnen Sie in Paris? Und wieso fahren Sie ein russisches Fabrikat? Ach so, na das leuchtet mir ein! Und nun noch mal langsam, was genau wollen Sie da drüben?“
     Werner erzählte kurz seine nächsten Ziele auf, ließ aber die Wette und die Gewinnsumme, um die es ging, lieber weg. „Und mit dem Flugzeug wär‘s nicht vielleicht etwas leichter gewesen? Ihre Sorgen möchte ich haben!“ Er gab die Papiere zurück. „Ich will Ihnen keine Vorschriften machen, aber ich würde dort nicht rüberfahren. Die sind alle verrückt, verdammte Verräter. Wollen unser Land spalten!“ Dann ließ er Werner passieren.
     Nach wenigen hundert Metern erreichte er die Straßensperre der Gegenseite. Angesichts des bunten Blumenstraußes an Welt­männischkeit, den Werner mit sich führte, entwickelte sich der Weg zur Erkenntnis, den der Posten durchlief, ähnlich wie bei seinem Kollegen zuvor. Der Versuch, auch das Wageninnere zu inspizieren, wurde plötzlich unterbrochen. Von Westen her wehte ein leiser, dumpfer Schlag herüber, der in einem schrillen Pfeifen mündete. Die Männer des Kontrollpostens fielen zu Boden, als hätte man ihnen das Skelett geraubt. Dann gab es einen heiseren Knall in knapp dreihundert Metern Entfernung.
     Die Granate versprühte Dreck, Erde und Metall in die Umgebung. Werner saß auf seinem Sitz wie versteinert, selbst als ein paar Klümpchen auf seine Dachplane prasselten. Die Männer sprangen auf, ein paar liefen zu dem hinter Sandsäcken verborgenen Granatwerfer, hantierten kurz an den Einstellungen und erwiderten den unerwarteten Gruß mit einem lauten Knall. Der Posten schrie Werner an: „Verschwinden Sie hier, los jetzt!“

     Ein Ortsschild, Shyrokyne. Kalter Rauch. Verkohlte Holz­balken, die sich aus Ruinen gen Himmel reckten. Der Brand­geruch wandelte sich zunächst in leicht süßliche, dann immer fauliger riechende Ausdünstungen, die Werner die Luft zum Atmen raubten. Er hielt sich die Nase zu und versuchte, durch den Mund zu atmen, doch die Vorstellung, dass die widerwärtigen Moleküle, die eben noch in dem gesteckt hatten, was diesen bestialischen Gestank erzeugte, nun in seinen Körper eindrangen, verursachte heftige Übelkeit. Tränen liefen über sein Gesicht, sein Magen rebellierte, er war kurz davor, sich zu übergeben oder zu ersticken. Er drückte das Gaspedal durch, schnell weg hier! Ein Gehöft zog vorbei, dahinter wurde die Luft schlagartig besser. Werner hielt am Straßenrand, riss die Türen auf und sprang aus dem Fahrzeug.
     Tief durchatmen! Langsam legte sich die Übelkeit. Er blickte zurück zu dem Gehöft und lief zögern ein paar Schritte darauf zu. Der Wind blies entgegen seiner Fahrtrichtung und wehte den Gestank jetzt von ihm weg. Er näherte sich vorsichtig, dann entdeckte er die Ursache: Aus einem bis auf die Grundmauern niedergebrannten Stall verbreitete das getötete Vieh einen bestialischen Verwesungsgeruch. Wahrscheinlich schlug eine einzelne Granate durch das Dach, denn an einer Stelle waren die Tiere zerfetzt und zerrissen, ein paar Meter weiter einfach nur umgefallen und angesengt. Werner hatte die Luft angehalten, doch nun rang er erneut nach Atem, die Übelkeit kehrte zurück. Er rannte zum Auto und machte, dass er wegkam.
     Die meisten Häuser waren mit Einschüssen übersät, Dächer und Fassaden durchlöchert. Das Dorf war menschenleer, nur auf den Trümmern einer ärmlichen, halb zerstörten Holz­hütte standen eine Handvoll alter Frauen und Männer, im Schutt nach Habseligkeiten suchend. Als sich das Fahrzeug ihnen näherte, schauten sie herüber. Im Vorbeirollen konnte Werner die leidgeprüften Züge ihrer Gesichter sehen. Jedes einzelne traurige Erlebnis ihres irdischen Daseins hatte seine Spuren hinterlassen, wahrscheinlich war das nicht der erste Krieg, den sie erlebten.
     Sie kommen auch ohne mich zurecht, beruhigte er sich. Dann stieg Scham in ihm auf, er sah sich in Paris auf der Récamière seiner Luxuswohnung liegen, die Sonnenstrahlen genießend. Ich kann doch nicht die ganze Welt retten! Er bereute den Gedanken sofort. Hatte er nicht Renata reichlich beschenkt? Immerhin besaß sie noch eine Wohnung! Diese Menschen hier hatten offensichtlich gar nichts mehr. Und wieso eigentlich gab er Renata soviel Geld? Zweitausend Euro, einfach so? Spiegelten sich darin nicht vielleicht doch irgendwelche insgeheim gehegten Wünsche und Hoffnungen ihr gegenüber? Hätten nicht 200 Euro auch gereicht?
     „Verdammt noch mal!“ Er hielt am Straßenrand an, zog seinen rechten Stiefel aus, suchte 2000 Euro unter der Sohle hervor, zog sich wieder an, legte den Rückwärtsgang ein und schoss die gut hundert Meter zurück. Das auffällige Fahrmanöver war nicht unbemerkt geblieben. Die Gruppe stand reglos da, in Erwartung des vermeintlichen Unheils, das nun wieder über sie hereinbrechen sollte. Der fremde Mann, der da aus dem Militärjeep ausstieg, auf sie zuging, der ältesten Frau viel Geld in die Hand drückte und wortlos wieder verschwand, entsprach jedoch so gar nicht ihren Befürchtungen, sodass sie sich zunächst keinen Reim auf das Geschehen machen konnten und es nur stumm und ratlos ertrugen.
     Kurz hinter dem Ort musste Werner auf einen leeren Acker ausweichen, da mehrere Granattrichter die Straße unpassierbar gemacht hatten. So sieht also ein Bürgerkrieg aus, wenn man ihn mit eigenen Augen entdeckt, statt nur in den Nachrichten! Dann bog er wieder auf die Straße und erreichte bald den Grenzübergang nach Kasachstan.
     Vor ihm standen mehrere Lkws mit Sattelauflieger an der Abfertigung. Sieh mal an, hier ist Krieg, aber die Geschäfte gehen trotzdem weiter. Hoch über dem Grenzposten wehte die Flagge Russlands, der östliche Fahnenmast war leer. Da haben die Separatisten ja nicht all zu viel Zeit verloren, mit der politischen Neuorientierung, urteilte Werner. Obwohl das ukrainische Kontrollhäuschen nicht besetzt war, dauerte es über drei Stunden, bis er endlich an die Reihe kam. Der Posten ließ sich die Papiere zeigen, stolperte bei deren Durchsicht aber über dieselben Ungereimtheiten wie schon seine Kollegen zuvor. Nur diesmal bereichert durch ein winziges, aber äußerst schwer­wiegendes Detail: „Und Ihr Visum?“

Fortsetzung folgt …

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