Guten Morgen, liebe Leser! Heute geht es gleich nahtlos weiter – Werner hat versucht, ohne Visum die Grenze nach Kasachstan zu überqueren, was ihm eine Festnahme bescherte. Beim Verhör erlebt er deshalb so einige Überraschungen:
Der Verhörraum war klein, weiß und fensterlos. Über der holzimitierenden Kunststofftischplatte mit daruntergeschraubten, gummiüberzogenen Stahlbeinen summte leise eine Leuchtstoffröhre. Nach nur wenigen Minuten betrat ein Mann in Uniform den Raum und setzte sich zu Werner an den Tisch. „Guten Tag. Major Wolkow von den russischen Grenztruppen.“ Er las sich das Kurzprotokoll des kontrollierenden Grenzbeamten durch, schaute sich Werners Papiere an, dann fragte er: „Sie sind Deutscher? Woher stammen Sie? Aber Sie leben in Frankreich? Und was ist der Grund Ihres Aufenthalts?“
Der Offizier sprach wie viele Militärs knapp und präzise. Werner hatte dennoch Mühe, den Fragen zu folgen, denn er rätselte noch immer an einem einzelnen Detail der Begrüßung des Mannes herum. Russische Grenztruppen? Und als er schließlich darauf einging, klang seine Frage unhöflicher, als er eigentlich beabsichtigt hatte: „Und was bitte ist der Grund Ihres Aufenthalts?“
Major Wolkow war ein seriöser Mann und seit über dreißig Jahren als Grenzbeamter tätig. Die lange Erfahrung im Umgang mit schwierigen „Patienten“, wie er problematische Fälle gern bezeichnete, stellte sicher, dass ihn so schnell nichts aus der Ruhe brachte: „Sie haben einen Grenzübertritt ohne Einreisevisum versucht, und mich interessiert nun, warum. Also?“ – „Ich habe in den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes nachgesehen, dort steht, man benötigt innerhalb der ersten fünfzehn Tage kein Visum für Kasachstan.“ Der Offizier musterte Werner einen Augenblick lang, dann klopfte es an der Tür. Ein Mitarbeiter brachte Werners Sachen, flüsterte dem Major etwas zu, was dessen Augenbrauen vor Erstaunen zu Höhenflügen veranlasste und verließ gemächlich den Raum.
„Sie können sich wieder anziehen!“ Der Mann reichte Werner seine Kleidung und blätterte derweil im beschlagnahmten Reiseatlas. Er schlug eine Seite auf, drehte sie zu Werner hin und deutete mit dem Finger auf eine Stelle. „Hier ist Mariupol. Von dort sind Sie gekommen. Und nun folgen Sie mal der Strecke.“ Sein Finger glitt an der Route entlang. „Hier ist der Grenzübergang. Und welches Land folgt anschließend?“ Werner schaute ungläubig auf die von oben nach unten verlaufenden Buchstaben und wurde blass. Russland! Er hatte übersehen, dass die Russische Föderation bei Wolgograd noch einen gehörigen Schlenker runter bis nach Georgien machte. Die dünnen Linien der Grenzverläufe waren ihm auf dem kleinen Display seines Handys gar nicht aufgefallen. „Und nun noch einmal – was ist der Grund Ihres Aufenthalts?“
Als Werners Geschichte endete, trug der Major einen äußerst argwöhnischen Gesichtsausdruck zur Schau. Werners Unschuldsmiene erstarb, als der Major ein Bündel mit Geldscheinen auf den Tisch warf. „Das haben meine Mitarbeiter unter Ihren Einlegesohlen gefunden.“ Er holte tief Luft, erhob sich, legte die Arme auf den Rücken und begann, im Raum umherzulaufen. „Und unser Drogenspürhund hat im Inneren Ihres Fahrzeugs angeschlagen. Es wurde zwar nichts gefunden, aber es bedeutet trotzdem, dass sich in dem Auto mal Drogen befunden haben müssen. Vielleicht stammt das viele Geld ja daher? Wissen Sie, wir sind momentan sehr skeptisch gegenüber Besuchern aus dem Westen. Sie haben einen deutschen Pass, fahren ein nicht auf Sie zugelassenes russisches Fahrzeug mit französischen Nummernschildern. Haben mehrere tausend Euro in den Stiefeln versteckt. Drogenspuren im Fahrzeug. Und Sie haben versucht, ohne Visum die Grenze zu übertreten. Wie bitte soll ich das alles nun interpretieren? Handeln Sie mit Drogen? Sind Sie vielleicht ein Agent? Verstehen Sie was ich meine? Unterstützen Sie regierungsfeindliche Organisationen?“
Das brachte Werner gefährlich in Wallung. „Sie meinen oppositionelle Bewegungen?“ fragte er höhnisch zurück. „Und wenn es so wäre? Sie schicken doch auch Ihre Panzer in die Ukraine, als Unterstützung für die Separatisten!“ Er erschrak über sich selbst. War das nicht etwas leichtsinnig? Sei lieber auf der Hut, das kann für dich gefährlich werden!
Der Major nahm wieder Platz. Die Tür öffnete sich und ein Mann in Zivil betrat den Raum, einen Stuhl in der Hand. Er setzte sich wortlos, seitlich von Werner, mit an den Tisch, stützte die Ellenbogen auf und legte sein Kinn auf die Fäuste. Dabei schaute er zwischen den beiden Kontrahenten hindurch an die gegenüberliegende Wand.
Der Major lehnte sich völlig unbefangen zurück und fragte: „Woher haben Sie diese Information?“ – „Na, das steht doch überall in den Zeitungen. Im Fernsehen kommt es auch.“ –„Haben Sie‘s überprüft? Woher wissen Sie, dass es die Panzer tatsächlich gibt?“ Werner war verwirrt. Warum sollte er Nachrichten überprüfen? Wie soll das gehen?
Als ob der Major es aus Werners Gesicht herauslesen konnte, lieferte er gleich nach, und sein zackig-militärischer Sprachstil wandelte sich in die Worte eines Menschen, dessen Gedanken angesichts der bedrohlichen Zukunft von tiefer Sorge erfüllt sind: „Sicher, persönlich hier vorbeizuschauen, ist eine Möglichkeit. Etwas einfacher aber wäre es, auch die Meldungen der Gegenseite zu lesen. Oder im Internet nach weiteren Alternativen zu suchen, die sich auf Nachrichten spezialisiert haben. Wenn je eine Zeit existierte, in der es Informationen im Überfluss gab, dann ist das heute. So können Sie eine Situation von verschiedenen Seiten betrachten, um sie abschließend zu bewerten. Ich selbst lese jeden Tag mehr als dreißig Onlinezeitungen, linke und rechte, russische und amerikanische. Auch ukrainische natürlich. Wussten Sie, dass in der Ukraine in den letzten Jahren nur Großunternehmer an der Macht waren? Die Politik wurde durch mafiöse Clans, korrupte Akteure aus dem Energie- und dem Bankensektor gestaltet, zu deren Gunsten natürlich. Sie kontrollieren die Massenmedien und herrschen über gigantische Wirtschaftsimperien. Darüber haben Sie in Ihren Zeitungen vermutlich nichts gelesen, oder?“
Werner fühlte sich wie ein kleiner Junge, der vom Schuldirektor eine Standpauke erhält. Wie hatte die Zürcher Kellnerin gesagt? Forschen Sie mal im Internet nach, für wen die Konstrukteure dieses privaten Rentensystems früher gearbeitet haben.
Der Major ergriff wieder das Wort: „Haben Sie gewusst, dass die USA fünf Milliarden Dollar für einen politischen Wechsel in der Ukraine investiert haben?“ – „Wer behauptet das?“ fragte Werner trotzig. „Nun, die zuständige Mitarbeiterin des US-Außenministeriums.“ – „Das haben die selbst gesagt?“ – „Das überrascht Sie? Stand wohl auch nicht in Ihren Zeitungen?“ Der sich ansonsten korrekt und nüchtern verhaltende Offizier konnte sich nun einen Anflug von Häme nicht verkneifen. „Und der amerikanische Präsident selbst hat in einem Fernsehinterview bestätigt, dass die USA aktiv am Putsch in der Ukraine beteiligt waren. Können Sie sich erinnern, so etwas jemals über Russland gehört zu haben?“
Werner konterte sofort: „Die ukrainische Regierung meldete kürzlich, dass bei Kampfhandlungen russische Soldaten festgenommen wurden, die auf Seiten der Separatisten gekämpft haben!“ Der Major parierte kühl: „Und wenn es so wäre? In der Nähe von Logwinowo kämpften polnische, französische, britische und amerikanische Söldner auf der Seite der ukrainischen Truppen. Sie wurden übrigens von den Volksmilizen eingekesselt. Also wo ist da der Unterschied? So ist das nun mal, Krieg ist ein schmutziges Geschäft, leider, möchte ich hinzufügen!“
„Und was ist mit der Krim? Die hat sich Russland ja wohl eindeutig unter den Nagel gerissen, oder anders formuliert – annektiert.“ Der Major seufzte: „Tja, die Krim. Ob man das nun als Annexion oder freie Entscheidung der überwiegend russischstämmigen Einwohner betrachten sollte, darüber mag man sich streiten. Doch ich bin sicher, es wäre allen Beteiligten lieber, wenn das nicht nötig gewesen wäre. Spielen Sie Schach?“
Werner versuchte krampfhaft herauszufinden, worauf die Frage wohl hinauslief. Der Major redete bereits weiter: „Die Politik des Westen hat die Situation hier gefährlich verschärft. Unser Verhältnis zur Ukraine war nie besonders gut, doch der von euch unterstützte Putsch hatte die Lage hier erst wirklich explosiv gemacht.“
Werner fasste sich wieder und fragte: „Wer ist euch? Ich habe damit nichts zu tun. Ich interessiere mich auch nicht sonderlich für Politik.“ Die offenherzige Kellnerin aus Zürich kam ihm erneut in den Sinn – Parteien, die den ganzen Mist eingebrockt haben, werden trotzdem immer wieder gewählt.
„Vielleicht wäre es aber besser, wenn Sie sich mal für Politik interessieren“, unterbrach der Major Werners Erinnerungen. „Also, was ist nun, spielen Sie Schach?“ – „Ich weiß, wie die Figuren bewegt werden, aber Strategie ist nicht so meine Stärke.“ Der Major schüttelte verständnislos den Kopf: „Am besten wäre es, keine der Seiten berührt die Figuren. Dann kann zwar keiner gewinnen, aber auch keiner verlieren. Doch wenn eine Seite einen Zug macht, muss die andere reagieren. Sie können offensiv oder defensiv spielen. Aber am Ende müssen Sie ziehen, die Figuren des Gegners schlagen, sonst verlieren Sie das Spiel. In den letzten fünfundzwanzig Jahren, nach dem Ende des kalten Krieges, hat sich die NATO entgegen den Vereinbarungen vom Frühjahr 1990 immer weiter nach Osten ausgedehnt. Heute wird darüber nachgedacht, die Ukraine mit aufzunehmen, in unseren Nachbarländern finden NATO-Manöver bedrohlich dicht an der Grenze zu Russland statt. Das ist für uns ein höchst beunruhigender Zustand! Und in Polen sollen Abwehrraketen stationiert werden.“ – „Die sind doch nicht gegen Russland, sondern gegen den Iran gerichtet“, warf Werner ein. „Haben Sie‘s überprüft?“ fragte der Major zurück. Er blätterte erneut im Reiseatlas, drehte ihn zu Werner hin und tippte auf eine Übersichtskarte. „Hier ist der Iran. Wenn dessen Raketen angeblich Europa bedrohen“, dabei grenzte er mit beiden Händen den Kontinent von Lissabon bis Moskau ein, „was meinen Sie wäre dann wohl der günstigste Ort, um Abwehrraketen aufzustellen, die ganz Europa schützen könnten?“ Werner betrachtete die Lage interessiert, dann gab er kleinlaut zu: „Tatsächlich, Sie haben recht! Die Türkei wäre ein viel besserer Standort, wenn man die Raketen möglichst frühzeitig abfangen möchte. Und Polen wäre“, er schaute die umliegenden Länder und die weite Entfernung zum Iran an, „nun ja … eher gar nicht geeignet.“ – „Richtig! Und zudem ist auch die Türkei NATO-Mitglied, es sollte eigentlich keine Schwierigkeiten geben. Was haben Sie daraus nun gelernt?“ Der Major lieferte die Antwort gleich nach: „Überprüfen Sie‘s! Hinterfragen Sie alles! Glauben Sie nicht mir, glauben Sie auch nicht den Medien, weder Ihren noch unseren. Machen Sie sich immer Ihr eigenes Bild!
Und nun noch mal zur Krim. Sie ist strategisch sehr wichtig für uns. Eine vorgelagerte Halbinsel, die von außen schwer anzugreifen, dafür aber gut zu verteidigen ist. Und ein praktisch unsinkbarer Flugzeugträger. Dort liegt unsere Schwarzmeerflotte, sie garantiert uns einen schnellen Zugang zum Mittelmeer über Istanbul. Wir könnten sie auch nach Noworossijsk verlegen, aber das liegt bereits 500 Kilometer weiter östlich. Zur Abwehr eines NATO-Angriffes auf Russland ist die Lage der Krim geeigneter. Unsere Truppen könnten von dort aus feindliche Armeen besser von mehreren Seiten in die Zange nehmen. Ihr Deutschen habt doch selbst den Kessel von Stalingrad erlebt. Für so etwas ist eine Halbinsel wie die Krim ideal.“ Dabei tippte er auf die Karte und klappte dann den Atlas wieder zu.
„Wir hätten am vorherrschenden Status Quo niemals gerüttelt, aber die westliche Intervention in der Ukraine hat uns leider keine Wahl gelassen. Das meinte ich mit dem Schachspiel. Der Westen hat einen Zug gemacht, den wir nicht unbeantwortet lassen konnten, sonst hätte uns das in eine noch schwierigere Lage gebracht. Jetzt ist der Westen nicht zufrieden mit dem Ergebnis und jammert herum, wie ein Schulhofschläger, der überraschenderweise selbst eins auf die Mütze gekriegt hat und nun damit nicht fertig wird. Ihr mit euren ganzen Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen! Mischt euch in die Geschicke anderer Staaten ein wie Amateure, die Monopoly spielen! Dabei gäbe es in euren eigenen Ländern genug zu tun! Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Gewalt. 35 Millionen Amerikaner sind vom Hunger bedroht und würden ohne Suppenküchen nicht überleben! Haben Sie das gewusst? Das ist doch totaler Irrsinn! Die amerikanische Regierung bringt nicht nur Menschen in anderen Ländern um sondern auch ihre eigenen.“ In seiner Stimme lag jetzt schneidende Verachtung und maßlose Enttäuschung.
„Und jetzt stellen Sie sich das Ganze zum besseren Verständnis mal umgekehrt vor: Der Sozialismus hätte vor fünfundzwanzig Jahren gesiegt und die Staaten des Warschauer Vertrags hätten sich nach Westen bis Mittelamerika ausgedehnt, Kuba und Mexiko integriert. Hätten in Kanada einen Putsch unterstützt und würden nun an der kanadisch-amerikanischen Grenze Abwehrraketen gegen iranische Angriffe installieren.“ Bei dem Gedanken musste nun auch Werner verlegen lächeln. Der Major vervollständigte das verstörende Szenario mit der Frage: „Was glauben Sie, wie würden die USA wohl reagieren?“
Doch in Werner erwachte schon wieder der Rebell. Ihm brannte noch eine Frage auf der Zunge, er rang mit sich, ob er es riskieren sollte, sie zu stellen. Der Major schien ihm das anzusehen und fragte: „Was wollen Sie?“ Werner nahm seinen Mut zusammen, ein letzter Aufstand: „Und was war mit Tschetschenien?“
Der Offizier zuckte nur kühl mit den Schultern: „Da haben Sie so ein teures, hochmodernes Mobiltelefon mit superschneller Internetanbindung an das gesamte Wissen der Menschheit in der Jackentasche und trotzdem fragen Sie mich? Warum soll ich Ihnen jetzt die Welt erklären? Finden Sie‘s gefälligst selbst raus!“
Der Offizier sprach wie viele Militärs knapp und präzise. Werner hatte dennoch Mühe, den Fragen zu folgen, denn er rätselte noch immer an einem einzelnen Detail der Begrüßung des Mannes herum. Russische Grenztruppen? Und als er schließlich darauf einging, klang seine Frage unhöflicher, als er eigentlich beabsichtigt hatte: „Und was bitte ist der Grund Ihres Aufenthalts?“
Major Wolkow war ein seriöser Mann und seit über dreißig Jahren als Grenzbeamter tätig. Die lange Erfahrung im Umgang mit schwierigen „Patienten“, wie er problematische Fälle gern bezeichnete, stellte sicher, dass ihn so schnell nichts aus der Ruhe brachte: „Sie haben einen Grenzübertritt ohne Einreisevisum versucht, und mich interessiert nun, warum. Also?“ – „Ich habe in den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes nachgesehen, dort steht, man benötigt innerhalb der ersten fünfzehn Tage kein Visum für Kasachstan.“ Der Offizier musterte Werner einen Augenblick lang, dann klopfte es an der Tür. Ein Mitarbeiter brachte Werners Sachen, flüsterte dem Major etwas zu, was dessen Augenbrauen vor Erstaunen zu Höhenflügen veranlasste und verließ gemächlich den Raum.
„Sie können sich wieder anziehen!“ Der Mann reichte Werner seine Kleidung und blätterte derweil im beschlagnahmten Reiseatlas. Er schlug eine Seite auf, drehte sie zu Werner hin und deutete mit dem Finger auf eine Stelle. „Hier ist Mariupol. Von dort sind Sie gekommen. Und nun folgen Sie mal der Strecke.“ Sein Finger glitt an der Route entlang. „Hier ist der Grenzübergang. Und welches Land folgt anschließend?“ Werner schaute ungläubig auf die von oben nach unten verlaufenden Buchstaben und wurde blass. Russland! Er hatte übersehen, dass die Russische Föderation bei Wolgograd noch einen gehörigen Schlenker runter bis nach Georgien machte. Die dünnen Linien der Grenzverläufe waren ihm auf dem kleinen Display seines Handys gar nicht aufgefallen. „Und nun noch einmal – was ist der Grund Ihres Aufenthalts?“
Als Werners Geschichte endete, trug der Major einen äußerst argwöhnischen Gesichtsausdruck zur Schau. Werners Unschuldsmiene erstarb, als der Major ein Bündel mit Geldscheinen auf den Tisch warf. „Das haben meine Mitarbeiter unter Ihren Einlegesohlen gefunden.“ Er holte tief Luft, erhob sich, legte die Arme auf den Rücken und begann, im Raum umherzulaufen. „Und unser Drogenspürhund hat im Inneren Ihres Fahrzeugs angeschlagen. Es wurde zwar nichts gefunden, aber es bedeutet trotzdem, dass sich in dem Auto mal Drogen befunden haben müssen. Vielleicht stammt das viele Geld ja daher? Wissen Sie, wir sind momentan sehr skeptisch gegenüber Besuchern aus dem Westen. Sie haben einen deutschen Pass, fahren ein nicht auf Sie zugelassenes russisches Fahrzeug mit französischen Nummernschildern. Haben mehrere tausend Euro in den Stiefeln versteckt. Drogenspuren im Fahrzeug. Und Sie haben versucht, ohne Visum die Grenze zu übertreten. Wie bitte soll ich das alles nun interpretieren? Handeln Sie mit Drogen? Sind Sie vielleicht ein Agent? Verstehen Sie was ich meine? Unterstützen Sie regierungsfeindliche Organisationen?“
Das brachte Werner gefährlich in Wallung. „Sie meinen oppositionelle Bewegungen?“ fragte er höhnisch zurück. „Und wenn es so wäre? Sie schicken doch auch Ihre Panzer in die Ukraine, als Unterstützung für die Separatisten!“ Er erschrak über sich selbst. War das nicht etwas leichtsinnig? Sei lieber auf der Hut, das kann für dich gefährlich werden!
Der Major nahm wieder Platz. Die Tür öffnete sich und ein Mann in Zivil betrat den Raum, einen Stuhl in der Hand. Er setzte sich wortlos, seitlich von Werner, mit an den Tisch, stützte die Ellenbogen auf und legte sein Kinn auf die Fäuste. Dabei schaute er zwischen den beiden Kontrahenten hindurch an die gegenüberliegende Wand.
Der Major lehnte sich völlig unbefangen zurück und fragte: „Woher haben Sie diese Information?“ – „Na, das steht doch überall in den Zeitungen. Im Fernsehen kommt es auch.“ –„Haben Sie‘s überprüft? Woher wissen Sie, dass es die Panzer tatsächlich gibt?“ Werner war verwirrt. Warum sollte er Nachrichten überprüfen? Wie soll das gehen?
Als ob der Major es aus Werners Gesicht herauslesen konnte, lieferte er gleich nach, und sein zackig-militärischer Sprachstil wandelte sich in die Worte eines Menschen, dessen Gedanken angesichts der bedrohlichen Zukunft von tiefer Sorge erfüllt sind: „Sicher, persönlich hier vorbeizuschauen, ist eine Möglichkeit. Etwas einfacher aber wäre es, auch die Meldungen der Gegenseite zu lesen. Oder im Internet nach weiteren Alternativen zu suchen, die sich auf Nachrichten spezialisiert haben. Wenn je eine Zeit existierte, in der es Informationen im Überfluss gab, dann ist das heute. So können Sie eine Situation von verschiedenen Seiten betrachten, um sie abschließend zu bewerten. Ich selbst lese jeden Tag mehr als dreißig Onlinezeitungen, linke und rechte, russische und amerikanische. Auch ukrainische natürlich. Wussten Sie, dass in der Ukraine in den letzten Jahren nur Großunternehmer an der Macht waren? Die Politik wurde durch mafiöse Clans, korrupte Akteure aus dem Energie- und dem Bankensektor gestaltet, zu deren Gunsten natürlich. Sie kontrollieren die Massenmedien und herrschen über gigantische Wirtschaftsimperien. Darüber haben Sie in Ihren Zeitungen vermutlich nichts gelesen, oder?“
Werner fühlte sich wie ein kleiner Junge, der vom Schuldirektor eine Standpauke erhält. Wie hatte die Zürcher Kellnerin gesagt? Forschen Sie mal im Internet nach, für wen die Konstrukteure dieses privaten Rentensystems früher gearbeitet haben.
Der Major ergriff wieder das Wort: „Haben Sie gewusst, dass die USA fünf Milliarden Dollar für einen politischen Wechsel in der Ukraine investiert haben?“ – „Wer behauptet das?“ fragte Werner trotzig. „Nun, die zuständige Mitarbeiterin des US-Außenministeriums.“ – „Das haben die selbst gesagt?“ – „Das überrascht Sie? Stand wohl auch nicht in Ihren Zeitungen?“ Der sich ansonsten korrekt und nüchtern verhaltende Offizier konnte sich nun einen Anflug von Häme nicht verkneifen. „Und der amerikanische Präsident selbst hat in einem Fernsehinterview bestätigt, dass die USA aktiv am Putsch in der Ukraine beteiligt waren. Können Sie sich erinnern, so etwas jemals über Russland gehört zu haben?“
Werner konterte sofort: „Die ukrainische Regierung meldete kürzlich, dass bei Kampfhandlungen russische Soldaten festgenommen wurden, die auf Seiten der Separatisten gekämpft haben!“ Der Major parierte kühl: „Und wenn es so wäre? In der Nähe von Logwinowo kämpften polnische, französische, britische und amerikanische Söldner auf der Seite der ukrainischen Truppen. Sie wurden übrigens von den Volksmilizen eingekesselt. Also wo ist da der Unterschied? So ist das nun mal, Krieg ist ein schmutziges Geschäft, leider, möchte ich hinzufügen!“
„Und was ist mit der Krim? Die hat sich Russland ja wohl eindeutig unter den Nagel gerissen, oder anders formuliert – annektiert.“ Der Major seufzte: „Tja, die Krim. Ob man das nun als Annexion oder freie Entscheidung der überwiegend russischstämmigen Einwohner betrachten sollte, darüber mag man sich streiten. Doch ich bin sicher, es wäre allen Beteiligten lieber, wenn das nicht nötig gewesen wäre. Spielen Sie Schach?“
Werner versuchte krampfhaft herauszufinden, worauf die Frage wohl hinauslief. Der Major redete bereits weiter: „Die Politik des Westen hat die Situation hier gefährlich verschärft. Unser Verhältnis zur Ukraine war nie besonders gut, doch der von euch unterstützte Putsch hatte die Lage hier erst wirklich explosiv gemacht.“
Werner fasste sich wieder und fragte: „Wer ist euch? Ich habe damit nichts zu tun. Ich interessiere mich auch nicht sonderlich für Politik.“ Die offenherzige Kellnerin aus Zürich kam ihm erneut in den Sinn – Parteien, die den ganzen Mist eingebrockt haben, werden trotzdem immer wieder gewählt.
„Vielleicht wäre es aber besser, wenn Sie sich mal für Politik interessieren“, unterbrach der Major Werners Erinnerungen. „Also, was ist nun, spielen Sie Schach?“ – „Ich weiß, wie die Figuren bewegt werden, aber Strategie ist nicht so meine Stärke.“ Der Major schüttelte verständnislos den Kopf: „Am besten wäre es, keine der Seiten berührt die Figuren. Dann kann zwar keiner gewinnen, aber auch keiner verlieren. Doch wenn eine Seite einen Zug macht, muss die andere reagieren. Sie können offensiv oder defensiv spielen. Aber am Ende müssen Sie ziehen, die Figuren des Gegners schlagen, sonst verlieren Sie das Spiel. In den letzten fünfundzwanzig Jahren, nach dem Ende des kalten Krieges, hat sich die NATO entgegen den Vereinbarungen vom Frühjahr 1990 immer weiter nach Osten ausgedehnt. Heute wird darüber nachgedacht, die Ukraine mit aufzunehmen, in unseren Nachbarländern finden NATO-Manöver bedrohlich dicht an der Grenze zu Russland statt. Das ist für uns ein höchst beunruhigender Zustand! Und in Polen sollen Abwehrraketen stationiert werden.“ – „Die sind doch nicht gegen Russland, sondern gegen den Iran gerichtet“, warf Werner ein. „Haben Sie‘s überprüft?“ fragte der Major zurück. Er blätterte erneut im Reiseatlas, drehte ihn zu Werner hin und tippte auf eine Übersichtskarte. „Hier ist der Iran. Wenn dessen Raketen angeblich Europa bedrohen“, dabei grenzte er mit beiden Händen den Kontinent von Lissabon bis Moskau ein, „was meinen Sie wäre dann wohl der günstigste Ort, um Abwehrraketen aufzustellen, die ganz Europa schützen könnten?“ Werner betrachtete die Lage interessiert, dann gab er kleinlaut zu: „Tatsächlich, Sie haben recht! Die Türkei wäre ein viel besserer Standort, wenn man die Raketen möglichst frühzeitig abfangen möchte. Und Polen wäre“, er schaute die umliegenden Länder und die weite Entfernung zum Iran an, „nun ja … eher gar nicht geeignet.“ – „Richtig! Und zudem ist auch die Türkei NATO-Mitglied, es sollte eigentlich keine Schwierigkeiten geben. Was haben Sie daraus nun gelernt?“ Der Major lieferte die Antwort gleich nach: „Überprüfen Sie‘s! Hinterfragen Sie alles! Glauben Sie nicht mir, glauben Sie auch nicht den Medien, weder Ihren noch unseren. Machen Sie sich immer Ihr eigenes Bild!
Und nun noch mal zur Krim. Sie ist strategisch sehr wichtig für uns. Eine vorgelagerte Halbinsel, die von außen schwer anzugreifen, dafür aber gut zu verteidigen ist. Und ein praktisch unsinkbarer Flugzeugträger. Dort liegt unsere Schwarzmeerflotte, sie garantiert uns einen schnellen Zugang zum Mittelmeer über Istanbul. Wir könnten sie auch nach Noworossijsk verlegen, aber das liegt bereits 500 Kilometer weiter östlich. Zur Abwehr eines NATO-Angriffes auf Russland ist die Lage der Krim geeigneter. Unsere Truppen könnten von dort aus feindliche Armeen besser von mehreren Seiten in die Zange nehmen. Ihr Deutschen habt doch selbst den Kessel von Stalingrad erlebt. Für so etwas ist eine Halbinsel wie die Krim ideal.“ Dabei tippte er auf die Karte und klappte dann den Atlas wieder zu.
„Wir hätten am vorherrschenden Status Quo niemals gerüttelt, aber die westliche Intervention in der Ukraine hat uns leider keine Wahl gelassen. Das meinte ich mit dem Schachspiel. Der Westen hat einen Zug gemacht, den wir nicht unbeantwortet lassen konnten, sonst hätte uns das in eine noch schwierigere Lage gebracht. Jetzt ist der Westen nicht zufrieden mit dem Ergebnis und jammert herum, wie ein Schulhofschläger, der überraschenderweise selbst eins auf die Mütze gekriegt hat und nun damit nicht fertig wird. Ihr mit euren ganzen Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen! Mischt euch in die Geschicke anderer Staaten ein wie Amateure, die Monopoly spielen! Dabei gäbe es in euren eigenen Ländern genug zu tun! Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Gewalt. 35 Millionen Amerikaner sind vom Hunger bedroht und würden ohne Suppenküchen nicht überleben! Haben Sie das gewusst? Das ist doch totaler Irrsinn! Die amerikanische Regierung bringt nicht nur Menschen in anderen Ländern um sondern auch ihre eigenen.“ In seiner Stimme lag jetzt schneidende Verachtung und maßlose Enttäuschung.
„Und jetzt stellen Sie sich das Ganze zum besseren Verständnis mal umgekehrt vor: Der Sozialismus hätte vor fünfundzwanzig Jahren gesiegt und die Staaten des Warschauer Vertrags hätten sich nach Westen bis Mittelamerika ausgedehnt, Kuba und Mexiko integriert. Hätten in Kanada einen Putsch unterstützt und würden nun an der kanadisch-amerikanischen Grenze Abwehrraketen gegen iranische Angriffe installieren.“ Bei dem Gedanken musste nun auch Werner verlegen lächeln. Der Major vervollständigte das verstörende Szenario mit der Frage: „Was glauben Sie, wie würden die USA wohl reagieren?“
Doch in Werner erwachte schon wieder der Rebell. Ihm brannte noch eine Frage auf der Zunge, er rang mit sich, ob er es riskieren sollte, sie zu stellen. Der Major schien ihm das anzusehen und fragte: „Was wollen Sie?“ Werner nahm seinen Mut zusammen, ein letzter Aufstand: „Und was war mit Tschetschenien?“
Der Offizier zuckte nur kühl mit den Schultern: „Da haben Sie so ein teures, hochmodernes Mobiltelefon mit superschneller Internetanbindung an das gesamte Wissen der Menschheit in der Jackentasche und trotzdem fragen Sie mich? Warum soll ich Ihnen jetzt die Welt erklären? Finden Sie‘s gefälligst selbst raus!“
Fortsetzung folgt …
