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Das Ende der Welt, Teil 6

Nachdem Werner von Major Wolkow wieder über die Grenze in die Ukraine zurückgeschickt wurde, muss er sich nach einer Alternativroute umsehen. Er findet sie in Mariupol in Form eines Fischfangkutters, der ihn nach Georgien bringt, von dort fliegt er im Doppeldecker weiter nach Aqtau in Kasachstan. Ein Kasache, der Werners Auto stellvertretend durch Russland bis nach Kasachstan gefahren hat, empfängt Werner bei sich zu Hause, besorgt ihm ein Visum für Russland und übergibt ihm sein Fahrzeug, mit dem Werner sich auf die Reise durch die kasachische Wüste macht:

Ocker, Kurkuma, Lehm, Mais. Im Geiste ging Werner alle Gelbsorten durch, die er kannte. Nein, die waren ausnahmslos kraftvoll und erheblich farbiger als die Landschaft, die gerade an ihm vorbeizog. Barytgelb vielleicht? Wohl eher Sandgelb! Die Straße, die Böschung, die sandige, weite Ebene, die gelegentlich auftauchenden Hügel und natürlich auch die vereinzelten kleinen Dünen – alles sah hier gleich aus. Mitunter tauchte mal ein sandgelbes Häuschen am Horizont auf, doch aus der Nähe betrachtet, waren es nur alte, verfallene Lehmkaten, meist ohne Dach, verlassen und vergessen. Wofür mögen sie gedient haben, so einsam hier draußen? Vielleicht als Bushaltestelle? Aber wer hätte weshalb hierherfahren wollen? Hier gab es nichts als Staub. Staubgelb! Ja genau, das passte perfekt!
     Nach etwa fünf Stunden wurde Werner langsam unruhig. Er verließ die staubgelbe Piste und hielt kurz an einem staubgelben Plätzchen, das sich nur dadurch etwas abhob, weil es mit einem etwas helleren Staubgelb eingefärbt war, als die restliche Umgebung. Werner öffnete das von Marat übergebene Päckchen und fand darin ein gutes halbes Kilo staubgelber Kekse, natürlich selbstgebacken, frisch und überaus köstlich! Mit einem Mal kam ihm die Umgebung viel weniger trostlos vor.
     Nach weiteren fünf Stunden war von diesem kurzen Anfall guter Laune schon nichts mehr übrig. Was für ‘ne bescheuerte Idee, diese lange Strecke mit einem Auto zurücklegen zu wollen! Wie kann man nur so dämlich sein! Werner fluchte laut vor sich hin, was aber niemanden störte, denn er war ganz allein. Seit heute früh war ihm kein einziges Fahrzeug begegnet, außer ein am Straßenrand vor sich hinrostendes Panzerwrack, vermutlich ein Überbleibsel aus dem zweiten Weltkrieg.
     Die Nacht verbrachte er in Aqtöbe, in einem zugigen, kalten Hotel ohne Flair und Ausstrahlung. Immerhin – das Zimmer war sauber und die Dame an der Rezeption gab ihm noch den guten Rat mit auf den Weg, vor dem Grenzübertritt zu tanken, da die Preise hier etwas niedriger seien als in Russland.
     Ungeachtet dessen war der Weg bis zur Grenze noch endlos weit, zumindest aber kam es Werner so vor, die Landschaft war nach wie vor eintönig und öde, nichts als Staub und Steine, kein einziger Baum, kein Strauch, anfangs wenigstens, denn an einigen Stellen der Strecke waren plötzlich Bäume gepflanzt, offenbar absichtlich von Menschenhand, freiwillig täte hier kein Baum von selber wachsen wollen, schon aus Angst, dass ihm vor Langeweile die Rinde schuppig würde, und schon hinter der schmalen Baumreihe deutlich sichtbar, erstreckte sich wieder die öde, wüste Weite, man könnte auch sagen, die weite öde Wüste oder die wüste, weite Öde, es würde keinen Unterschied machen, die endlose Fahrt würde weder durch das eine noch durch das andere irgendwie aufgewertet, eine unerträglich lange Aneinanderreihung von staubgelben Staubkörnern, Steinen, selbstgepflanzten Bäumen und unspektakulären Ereignisvakua, fast so wie ein zermürbend langer Satz mit einem unaufhörlichen Schwall von Worten in einem entmutigend dicken Buch, der einfach nicht enden will.
     Offenbar waren die Grenzbeamten da ganz anderer Meinung und betrachteten Werners Ankunft als Störung ihrer genussvollen Wahrnehmung des aus ihrer Sicht nervenzerfetzend spannenden Ambientes. Oder sie hatten ihren Gemütszustand an die Ereignislosigkeit ihrer Erlebniswelt angepasst und wollten nun von dem mit hektischen zwanzig Kilometern pro Stunde heranrollenden Militärjeep nicht aus der wohlverdienten Ruhe gebracht werden. Vielleicht waren sie aber auch nur müde, denn die Zeiger der Wanduhr hinter ihrem Rücken zeigten bereits nach Mitter­nacht. Jedenfalls sahen sie in dem Identitätschaos in Werners Dunstkreis anscheinend keinen Widerspruch und hinterließen wortlos ihre Stempelmarke in seinem Pass. Dann durfte er einreisen.

Werner durchquert Russland, besucht die Orte Omsk, Nowosibirsk und Sljudjanka und staunt über die unfassbare Weite Sibiriens.
     Nahe Wladiwostok, nach einem Unfall, gerät er mit drei Halunken aneinander, was seinem Leben eine dramatische Wendung geben wird:

Der Abgrund kam vollkommen unerwartet. Mit einem Satz sprang der Wagen vier Meter in die Tiefe. Der heftige Schlag raubte Werner die Sinne, nur mit dem letzten verbliebenen Funken seines Bewusstseins realisierte er, dass es äußerst ratsam wäre, jetzt energisch die Bremse zu treten. Tatsächlich verringerte dies die Bewegungsenergie ausreichend stark, um den alten Baum, der zudem nicht mehr fest verwurzelt in der Erde steckte, nicht mit voller Kraft zu rammen und schlimmere Schäden am Fahrzeug zu vermeiden.
     Als Werner sich wieder gefangen hatte, sortierte er zunächst seine Gliedmaßen, bewegte vorsichtig Rücken und Nacken, um herauszufinden, ob er ernstlich verletzt war. Füße, Hände, Rippen – alles in Ordnung, nur der Kopf schmerzte ein wenig. Dann stieg er aus und inspizierte sein Auto. Das äußerste rechte Ende der vorderen Stoßstange war am Berührungspunkt mit dem Baum leicht verbogen, ansonsten konnte er keine weiteren Schäden entdecken. Federn, Stoßdämpfer, alles schien noch intakt zu sein. Er schaute den steilen Abhang hinauf und konnte kaum glauben, dass er diesen Sprung überlebt hatte. Das Gelände war leicht abschüssig, wie bei einem Extrem­skispringer hatte das wohl die Energie des Aufpralls umgelenkt.
     Werner versuchte den Motor anzuwerfen, doch der gab keinen Mucks von sich. Na toll, also doch ein Defekt! Ein Blick unter die Motorhaube brachte keinerlei Erkenntnisse, denn er kannte sich mit Autos überhaupt nicht aus. Schmutzige Finger waren nicht seine Sache, er überließ das Basteln lieber den Werkstätten. Jetzt, in diesem Augenblick, bereute er die Wissenslücke. Gestrandet mitten im Nirgendwo!
     Er sah sich um, schaute den Abhang hinunter und entdeckte zwischen Bäumen und Gestrüpp einen hellen Streifen. Unten angekommen, verwandelte sich der Streifen in einen sandigen Waldweg. Immerhin ein Funke Hoffnung, ein Pfad zurück in die Zivilisation.
     Werner kletterte den Abhang wieder hinauf und versuchte das Fahrzeug etwas zurückzuschieben und an dem Baum vorbei­zulenken. Eine knifflige Aufgabe, denn der schwere Geländewagen ließ sich nur mit äußerster Kraft bewegen. Doch wenige Zentimeter und das bis zum Anschlag eingedrehte Lenkrad reichten aus, um an dem Baum vorbeifahren zu können. Der UAZ setzte sich langsam in Bewegung und rollte den Abhang hinab. Werner sprang durch die geöffnete Fahrertür auf den Sitz und betete inständig, die Bremsen mögen funktionieren. Er hatte Glück. Vorsichtig steuerte er um Bäume und Büsche herum und rollte schließlich auf dem Waldweg aus.
     Was nun? Er inspizierte noch mal alle Bauteile im Motorraum, die ihm irgendwie bekannt vorkamen, doch brachte dies den Motor nicht wieder zum Laufen. Abschleppservice! Die Freude über den genialen Einfall verpuffte beim Anblick der Verbindungs­warnung seines Handys. Natürlich gab es hier draußen kein Netz. Er blickt auf die Karte, versuchte grob seine Position abzuschätzen und fand die nächste Ortschaft etwa zehn bis fünfzehn Kilometer entfernt. Vielleicht lässt sich der Wagen ja ein Stück in die Richtung schieben? Als das Gelände nach ungefähr zweihundert Metern wieder leicht anstieg, gab er schweißgebadet auf.
     Schneefall setzte ein, als die Dämmerung hereinbrach. Werners Entscheidung, im Auto zu übernachten oder zu Fuß nach Hilfe zu suchen, erübrigte sich plötzlich im Scheinwerferkegel eines von hinten rasch näherkommenden Fahrzeugs.
     „Na, Kumpel, gibt‘s Probleme?“ Die schneidende Stimme hatte etwas Verschlagenes, Hinterhältiges und gehörte dem Fahrer des herunter­gekommenen Lkws. Nachdem er die Tür geöffnet hatte und ausgestiegen war, zeigte sich, dass sein pfauenhafter Gang genauso abstoßend war, wie seine Stimme. Aus der Beifahrertür stiegen zwei weitere Männer, der eine war lang und schlaksig und sprach kein Wort. Der zweite war ein eher kleiner, aber kräftiger Typ mit hellen Augen und kahlrasiertem Schädel. Er plapperte munter drauf los: „Nun mach mal dem armen Kerl keine Angst, guck mal, der sieht schon ganz misstrauisch aus. Was haste denn, Kumpel?“ Der Fahrer mit der fiesen Stimme war schlank und drahtig, mit einem ausgemergelten, hohlwangigen Gesicht, nikotingelber, unreiner Haut und einem öligen Pferdeschwanz. Er grinste süffisant, hielt sich aber im Hintergrund, den Ellenbogen auf der Motorhaube seines Lkws abgelegt.
     „Na dann mach doch mal die Klappe vorne auf!“ Der kleine Kräftige schaute nach dem Motor, kontrollierte Elektrik und Kabel und überprüfte die Anschlüsse. „Das hier müsste es sein“, verkündete er und führte einen Stecker wieder zurück an seinen Platz. „Probier mal!“ Werner stieg auf den Fahrersitz und betätigte die Zündung. Der Motor sprang sofort an. „Wahnsinn!“ Begeistert stieg er wieder aus dem Fahrzeug, um sich bei dem Mann zu bedanken.
     Er sah den Schlag nicht kommen. Ein harter Gegenstand traf Werners Kopf völlig unerwartet und mit voller Wucht. Er prallte gegen die Dachkante seines Autos, knickte weg und schlug lang hin. Der drahtige Typ hatte sich ihm von hinten genähert und einen Stein seitlich gegen den Kopf geschlagen. Die nachfolgenden Schläge und Tritte nahm Werner kaum noch wahr.
     Ein Motorengeräusch entfernte sich, dann ein zweites, bis schließlich nur noch Stille war. Zwischen den schwarzen Baumwipfeln, über dem Weg, leuchtete in sanftem Dunkelgrau der Himmel und entließ seine weißen Flocken hinunter in die Nacht.
     Ich kann den Schnee knistern hören, dachte Werner, als ihm langsam das Bewusstsein schwand.

Fortsetzung folgt …

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