Heute nehmen wir die dritte Etappe in Angriff: Zum Abschied zwischen Werner und Renata kommt es fast noch zu einem Missverständnis, das Werner jedoch schnell aufklären kann. Er durchquert als nächstes Rumänien, ein Land von dem er keinerlei Vorstellungen hat, außer seine über die Jahre gewachsenen Vorurteile. Werner übernachtet im Auto, wird von Bauarbeitern geweckt, muss einer Pensionswirtin erklären, warum er nebenan im Auto übernachtete und realisiert zum ersten Mal ganz bewusst, welche Auswirkungen das schmutzige Geschäft seines Vaters auf andere Menschen hat. Eine bittere Erkenntnis, die ihn einige Tage später noch einmal schmerzhaft überwältigen wird und ihn mit seinen schlimmsten, lange verdrängten Kindheitserinnerungen konfrontiert. Ein moldawischer Grenzbeamter macht Werner wegen seines Autos Schwierigkeiten:
Der Zollbeamte studierte ausgiebig Reisepass, Führerschein und die französischen Zulassungspapiere des Fahrzeugs und machte einen unerfreuten Eindruck. „Da passt ja überhaupt nichts zusammen. Ich kann Ihren Name nicht auf der Zulassung finden.“ – „Der ist auch nicht auf mich zugelassen, er gehört einem Freund …“, Werner legte sich den Namen „Jean“ auf der Zunge zurecht, als er auf dem amtlichen Papier mit dem Zeigefinger die entsprechende Spalte suchte. Inès Bertrand. Wer zum Teufel war Inès Bertrand? Jean hatte sich anscheinend nicht die Mühe gemacht, das Fahrzeug umzumelden, und nun stand ein völlig fremder Namen in dem Dokument. „… oder … äh … genauer gesagt, er gehört der Freundin eines Freundes.“
Werner kam jetzt ziemlich ins Schleudern. Freundin eines Freundes? Noch unglaubwürdiger ging es wohl kaum! Hitzewellen rollten aus der Magengegend hinauf bis in den Kopf und trieben ihm den Schweiß auf die Stirn.
„Sie haben also keine Vollmacht für die Benutzung dieses Fahrzeugs?“ – „Doch, habe ich natürlich, nur … halt nicht … schriftlich“, stotterte Werner. Der Beamte schob seinen massigen Körper mit strengem Blick hinter dem Schalter hervor und ging nach draußen, um das Fahrzeug in Augenschein zu nehmen. „Na wenigstens stimmen die Nummernschilder“, meckerte er herum. „Trotzdem, woher soll ich wissen, ob die Karre wirklich Ihnen gehört?“ – „Mir gehört sie ja nicht, das wissen wir doch schon.“ Werner hatte die Fassung wiedergefunden. „Jaja, sicherlich“, eierte nun der Beamte herum, „aber woher soll ich wissen, ob Sie das Auto nicht geklaut haben?“ – „Wirklich? Das alte Ding? Der Wagen ist dreißig Jahre alt! Sehe ich aus, als würde ich Oldtimer sammeln?“ fragte Werner amüsiert.
Der Beamte wurde nun sauer: „Sie wollen nicht wirklich wissen, was ich denke, wie Sie aussehen! Schluss jetzt, das Fahrzeug bleibt hier, besorgen Sie sich eine amtlich beglaubigte Vollmacht, dass Sie das Auto benutzen dürfen.“ Er blickte Werner triumphierend in die Augen. Doch dem war das Ganze bereits völlig egal. Er schaute noch einmal zu seinem dunkelgrünen, treuen Begleiter hinüber, dann holte er seine Tasche aus dem Fond und erwiderte kühl: „Na schön, dann bleibt es eben hier. Ich kann auch zu Fuß weitergehen und mir ein neues Auto kaufen. Alles Gute!“ Er drehte sich um und schickte sich an, den Kontrollbereich zu verlassen.
Hinter seinem Rücken hub plötzlich furchtbares Gezeter an: „Bleiben Sie gefälligst hier, Sie Halunke, das fehlte noch, wo gibt‘s denn so was?“ Der Zollbeamte stand breitbeinig und mit erhobener Faust herumfuchtelnd neben dem Fahrzeug und schrie: „Das hätten Sie wohl gern, dass Sie Ihre Schrottkarre hier entsorgen dürfen, was? Und wir müssen uns dann darum kümmern! Das können Sie vergessen!“ Schimpfend begab er sich wieder hinter seinen Schalter, fingerte eine Vignette aus seiner Mappe und rief: „Das kostet Sie zehn Euro, her damit! Und jetzt verschwinden Sie!“
Den Trick muss ich mir merken, notierte Werner sich ins Gedächtnis.
Doch so richtig haarig wird es für Werner erst am nächsten Grenzübergang zwischen Moldawien und der Ukraine. Da wird er nämlich leider erschossen. Oder etwa doch nicht?
Hinter dem Grenzübergang studierte Werner die Karte nach dem günstigsten Ziel für die Fortsetzung seiner Reise und entdeckte Odessa als ihm bekannten Namen. Er gab den Ort in die Navigation seines Handys ein und stellte erfreut fest, dass er noch vor Mitternacht dort sein könnte. Im Gegensatz zum Vorabend fühlte er sich heute frisch und, angestachelt durch die glückliche Wendung in der Zollbaracke, auch voller Tatendrang. Übermütig trat er das Gaspedal bis zum Boden durch, dennoch zuckelte der Motor eher gemütlich vorwärts. Am Anschlag bei 120 blieb die Tachonadel stehen, man hatte zwar den Motor aufgerüstet, die Instrumente hingegen beibehalten. Das obligatorische Hinweisschild auf die Verkehrsregeln des besuchten Landes kurz hinter dem Grenzübergang bremste Werners Übermut gleich wieder aus, noch eine Konfrontation mit der Staatsmacht wollte er lieber vermeiden. Auch die Dunkelheit und die müde vor sich hin glimmenden Scheinwerfer leisteten ihren Beitrag, sodass sich die Geschwindigkeit letztendlich bei unverdächtigen 70 Kilometern pro Stunde einpendelte.
Außerhalb des Wagens war es mittlerweile stockduster, nirgends auch nur ein einziges Licht zu erkennen. Die Landschaft schien sich wieder flach und weit auszudehnen, soweit das an den knapp zu erkennenden Feldrändern zu erraten war. Erst die kleinen Dörfer links und rechts der Straße brachten wieder etwas mehr Licht ins Dunkel, wenn auch nur durch die Zimmerbeleuchtung, welche behaglich durch die Fenster nach außen schien. Die Straßen selbst hatten keine Laternen, und so war es einerseits den im Scheinwerferlicht aufleuchtenden Augen, andererseits auch dem Glück zu verdanken, dass nichts unter die Räder kam. Denn die freilaufenden Hunde und Katzen in den Ortschaften waren meist schon von Weitem zu erkennen, der einsame Waschbär jedoch, der Werners Weg kreuzte, verdankte sein Leben der einen Zehntelsekunde, die er schneller war als das Auto, denn Werner sah ihn erst im letzten Moment rechts am Vorderrad vorbeiflitzen, als es für jede Reaktion bereits zu spät war.
Mit Tiraspol erreichte Werner die erste größere Stadt, von geringer Ausdehnung zwar, dafür aber mit den großen und repräsentativen Gebäuden, die eine Stadt ausmachen und die sehr an sowjetische Zeiten erinnerten, zumindest was Baustil und kyrillische Aufschriften anging. Bis Odessa war der Weg jedoch nicht mehr weit, darum verzichtete Werner auf eine genauere Inspektion und ließ die Stadt hinter sich.
Die Grenze sollte jeden Augenblick in Sichtweite kommen, er starrte angestrengt durch die Frontscheibe, dann endlich tauchte im Scheinwerferkegel ein spärlich beleuchteter Platz mit zwei winzigen Bretterbuden auf. Daneben standen Männer in verschiedenfarbigen Uniformen. Werner rollte langsam heran.
Es waren moldawische und ukrainische Grenzbeamte, die sich lachend unterhielten und miteinander diskutierten. Den nächtlichen Besucher in militärischem Dunkelgrün beachteten sie gar nicht. Werner hielt ein paar Sekunden an, erwartungsvoll zu den Beamten hinüberblickend, dann ging er davon aus, damit der Höflichkeit hinreichend Genüge getan zu haben und fuhr langsam davon.
Die Grenzbeamten schauten erstaunt und ungläubig dem fliehenden Militärfahrzeug hinterher. Angesichts von soviel kaltschnäuziger Frechheit und Mangel an Respekt musste ein Exempel statuiert werden, damit durfte er nicht durchkommen! Sie griffen nach ihren bereitstehenden Maschinenpistolen und jagten den Inhalt ihrer Magazine dem in der Ferne verschwindenden Fahrzeug hinterher. Wie Laserstrahlen durchschnitt die Leuchtspurmunition die Nacht und suchte sich ihr Ziel. Die ersten Geschosse platterten in die blecherne Rückwandklappe des Fahrzeugs, direkt über der Stoßstange. Die Schützen hatten ihre Gewehre anscheinend noch nicht richtig ausgerichtet. Die nächste Salve durchdrang mühelos die Dachplane, zersägte Scheiben und Rahmen zu rasiermesserscharfen Splittern, welche derart beschleunigt den Innenraum in eine grauenhaft tödliche Falle verwandelten. Weitere Geschosse durchschlugen die Rückbank und zerfetzten die Vordersitze, ließen Knochen zersplittern und Gefäße zerreißen. Blutfontänen spritzten pulsierend meterweit aus dem geschundenen, durchlöcherten Körper. Werner spürte, wie sich sein von Schrapnellen perforierter Schädel in Strömen von Blut allmählich vom Rumpf trennte und noch im Fallen begriffen von nachfolgenden Projektilen zerschmettert und zerstäubt wurde, während seine Gedanken und Erinnerungen in den unterschiedlichen Gehirnarealen voneinander Abschied nahmen, als kleine graue Klumpen umherflogen und der Redewendung ,total zerstreut sein‘ eine ganz neue Bedeutung verliehen.
„Ich sollte weniger Horrorfilme gucken, das ist ja gruselig“, raunte Werner grimmig und setzte seinen Weg ungehindert fort.
Fortsetzung folgt …
