Und weiter geht’s: Werner übernachtet in Zürich und hat am nächsten Morgen eine interessante Diskussion mit einer deutschen Landsmännin, die aufgrund der repressiven Arbeitslosenpolitik Deutschland verlassen hat und nun glücklich in der Schweiz lebt. In Österreich trifft er in einem Restaurant einen alten Mann, der wehmütig auf alte Zeiten zurückblickt, über den Verfall der Gesellschaft sinniert und die immer mehr um sich greifende Dummheit anprangert.
Schließlich erreicht er Budapest, wo er Renata, eine scheue junge Frau kennenlernt:
Großstadt, vertrautes Terrain. Von der Alkotás utca schlängelte sich Werner rechts ab durch die kleinen, engen Straßen von Budapest. In der Nähe eines Kreisverkehrs stellte er sein Auto ab und folgte dem Duft nach Weite und Wasser zu Fuß. Erst in der Mitte der Kettenbrücke hielt er inne und ergötzte sich am Anblick des majestätischen Stroms unter seinen Füßen. Die Donau durchschnitt nicht die Stadt, vielmehr verband sie die ehemals getrennten Orte Buda und Pest zu einem großen gemeinsamen Zuhause unterschiedlicher Kulturen. Der Blick reichte in beide Richtungen den Fluss entlang bis zum Horizont, östlich streifte er über die Altstadt hinweg. Nur im Westen wurde die freie Sicht durch den Burgberg eingeschränkt.
Glücklich und befreit sah Werner sich um. Das war eine Stadt ganz nach seinem Geschmack. Er brauchte die Weite zum Glücklichsein, dicht zusammenstehende Gebäude, enge Gassen und winzige Täler inmitten hoher Berge empfand er als bedrückend. Doch hier ließ es sich leben.
Werners ausgelassene Stimmung war ihr nicht verborgen geblieben. Die junge Frau stand ein wenig abseits, beobachtete ihn unauffällig und versuchte ihn einzuschätzen. Unschlüssig und zögernd näherte sie sich. „Szia! Sie sind wohl nicht von hier?“ Selbst erschrocken über ihre eigene Forschheit machte sie sogleich wieder zwei Schritte zurück. „Ich komme aus Wien. Das heißt, eigentlich komme ich aus Paris.“ – „Ganz allein, ohne Familie? Oder Freunde?“ Sie hatte sich wieder einen Schritt nach vorn gewagt. „Meine Freunde … tja …“ In Gedanken sah er Béatrice vor sich, wie sie zusammengesunken Jeans Standpauke über sich ergehen ließ. „Nein, ich bin allein hier.“ – „Wollen Sie länger bleiben?“ – „Vermutlich nicht, vielleicht zwei Tage, eher nur einen.“ Sie schaute nun ebenfalls auf den Fluss. Dann fand sie, es sei vielleicht angebracht, sich erst einmal vorzustellen. „Ich heiße Renata.“ Sie streckte Werner die Hand entgegen, ihr Griff war leicht und scheu. So schnell wie die Hand erschien, verschwand sie auch wieder. „Und ich bin Werner.“ – „Das ist ein deutscher Name, nicht wahr? Was machen Sie in Frankreich?“ Werner zögerte, sie war eine Fremde. Warum führten sie diese Unterhaltung? Sie wollte irgendetwas Bestimmtes, das konnte sie trotz ihrer Zurückhaltung nicht verbergen. Der unstete Blick, die nervöse Gestik …
Werner versorgte sie mit ein paar Einzelheiten. „Wegen der Liebe sind Sie dort geblieben?“ Sie schien erleichtert. „Haben Sie schon ein Hotel? Ich habe in meiner Wohnung ein freies Zimmer. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich … bin arbeitslos und bekomme schon lange kein Arbeitslosengeld mehr. Nur ein wenig Sozialhilfe, und die reicht leider nicht weit. Hotels sind auch viel teurer“, jetzt hatte ihre Stimme fast einen flehenden Unterton, „Sie müssen mir nicht viel bezahlen, helfen Sie mir nur ein wenig, zu überleben. Bitte!“
Werner musterte die Frau von oben bis unten, er war misstrauisch. Sie war etwas kleiner als er, hatte langes, lockiges, dunkles Haar, braune Augen und war anständig gekleidet. Sie wirkte ehrlich und seriös, daher fragte er: „Wo wohnen Sie denn?“ – „Nicht weit von hier, in der Zichy Jenő utca, nahe dem Oktogon. Haben Sie ein Auto? Das können Sie gegenüber auf einem bewachten Parkplatz abstellen.“ Werner lächelte. „Ich glaube, das klaut keiner.“ Als sie es sah, verstand sie.
Die Zichy Jenő utca war eng und dunkel, die meisten Häuser alt und unsaniert. In einer kleinen Lücke zwischen zwei Gebäuden standen auf erdigem Untergrund eine kleine Baracke und mehrere Fahrzeuge der mittleren und gehobenen Preisklasse. „Hier können Sie es abstellen, die Baracke ist immer besetzt, die passen auf. Haben Sie Forint? Nein? Dann geben Sie ihnen zwei Euro, das reicht für vierundzwanzig Stunden.“
Der junge Mann in der Baracke sah aus wie ein Südosteuropäer, vielleicht rumänischer Abstammung, hatte schmutzige Hände und machte auch sonst keinen vertrauenswürdigen Eindruck. Doch er lächelte höflich, freute sich über die fünf Euro und rief Werner hinterher: „Alles okay, kein Problem, kein Problem!“
Werner folgte Renata in das gegenüberliegende Gebäude, das ebenso alt war, wie die umliegenden Häuser, wenngleich der aufwendige Stuck und der Putz nicht ganz so schwer in Mitleidenschaft gezogen waren. Sie durchquerten das Vorderhaus und gelangten in einen kleinen Hof, dessen weiße Wände so früh am Nachmittag trotz der tiefstehenden Herbstsonne noch hell erleuchtet waren. Die Aufgänge von Vorder- und Hinterhaus wurden durch Laubengänge auf den einzelnen Etagen miteinander verbunden. Und die alten Treppenhäuser mit ihren schmiedeeisernen Geländern nötigten den Besuchern mit ihrer altehrwürdigen Bauweise und der trotz Renovierung nicht zu übersehenden Patina aus unzähligen Jahrzehnten Respekt ab. Wie viele Menschen mögen diese Stufen bereits erklommen haben? Welch spannende Schicksale verbargen sich hinter jeder Spalte des rissigen Holzes, hinter jeder Kerbe an den Wänden? In der vierten Etage wies Renata auf eine Tür und öffnete sie.
Ein langer Flur mit niedrigen Wänden. Dahinter das Wohnzimmer, die Wände deutlich höher, sanfte, warme Farben über einem dunklen, glänzenden Parkett in Fischgrätmuster. Die alten, leichten Möbel stammten dem Anschein nach vom Flohmarkt, doch sie waren mit Geschmack und Feingefühl stilsicher aufeinander abgestimmt.
Renata lächelte verlegen, so als wollte sie sich für das keinem Hotelstandard genügende Ambiente entschuldigen. Aber Werner gefiel es. Es war gemütlich und ruhig, nur das Zwitschern der Vögel auf den Dächern drang durch das geöffnete Fenster und erfüllte den Raum. Er nickte ihr lächelnd zu: „Okay, wie viel wollen Sie dafür?“ – „Wären 2000 Forint angemessen? Das sind etwa sechs Euro.“ Werner lachte: „Die sollen Sie haben!“ – „Sehr gut!“ Erfreut öffnete sie eine weitere Tür und wies mit der Hand hinein: „Hier ist Ihr Schlafzimmer. Und dort können Sie Ihre Sachen hineinlegen.“ Sie klappte die Türen eines alten Bauernschrankes auf. Das dunkle Holz passte zu den restlichen Möbeln im Wohnzimmer. Das Bett war recht schmal und offensichtlich nur für eine Person gedacht. „Tut mir leid, die Möbel sind nicht der letzte Schrei, ich weiß. Sie stammen noch von meinen Großeltern.“ Sieh mal an, also nicht vom Flohmarkt! Doch schon unterbrach Renata seine Gedanken: „Unsere ganze Familie hat zusammen auf dem Land gelebt. Daher waren meine Großeltern auch wichtige Bezugspersonen für mich. Sie haben mich mit aufgezogen und mir alles beigebracht. Ich kann sehr gut kochen! Haben Sie schon was gegessen?“
Sie hätte das lieber nicht ansprechen sollen, denn sofort wurde sich Werner seines knurrenden Magens bewusst. „Also jetzt wo Sie‘s sagen – nein, und ich habe mächtig Hunger!“ Sie lachte. „Sehen Sie, man muss auch was essen, ich koche uns etwas, einverstanden? Es dauert auch gar nicht lange. Unten gibt es ein gutes Lebensmittelgeschäft, ich bin gleich wieder hier!“ Kaum ausgesprochen, huschte sie schon den Laubengang vor dem Hoffenster entlang. Werner nutzte ihre Abwesenheit und schaute sich interessiert um. Die Wohnung war eigenartig geschnitten, vom Wohnzimmer führte noch eine Treppe nach oben zu einem weiteren Raum, der wohl der Grund war für den niedrigen Flur. Die Tür am Ende der Treppe hatte ein kleines Milchglasfenster, übersät mit einem Muster aus Sternen, durch die man hindurchschauen konnte. Werner wollte die Tür nicht öffnen, doch die Neugier ließ ihn durch einen der Sterne blinzeln. Der Raum war klein und karg, nur ein altes Armeefeldbett mit Nachtschrank, darauf ein paar gerahmte Schwarzweißfotos.
Werner stieg die Treppe wieder hinab. Vom Wohnzimmer gingen noch zwei weitere Türen ab, die eine führte in ein spartanisch eingerichtetes Badezimmer, hinter der anderen verbarg sich ein winziger Raum mit Toilette. Im Gegensatz zum Badezimmer gab es hier sogar ein Fenster mit einer vor fremden Blicken schützenden Gardine. Werner öffnete das Fenster und traute seinen Augen nicht. Er blickte in einen weniger als zwei mal zwei Meter umfassenden Lichtschacht, der vom Dach des Hauses bis zum Boden reichte. „So was hab ich ja noch nie gesehen“, entfuhr es ihm unwillkürlich.
Sein Handy klingelte. „Wérnér, wie geht‘s dir? Wo bist du? Tatsächlich? So weit schon? Da hast du dir ja nicht viel Zeit gelassen! Und ich habe eine kleine Nebenwette mit Julian verloren, der meinte, du kennst Zürich schon und würdest dort nicht länger bleiben. Ich dachte eher, du würdest dort ein paar Tage rasten, eben weil du es schon kennst. Na gut, 5000 Euro weniger, was soll‘s. Budapest also. In welchem Hotel wohnst du denn? Chic und edel? Im Four Seasons vielleicht? Ach nein … privat? Echt? Sie hat dich angesprochen? Aaach … du Aufreißer! Und, wirst du sie …? Okay-okay, entschuldige. Sophie? Nein, hat sich nicht …, nein, sie war auch nicht hier. Okay, meld‘ dich mal, bis bald! Pass auf dich auf! Salut!“ Jean legte auf.
Werner war ungehalten. Was denkt der sich eigentlich? Dass ich hemmungslos alles vernasche, was mir über den Weg hoppelt? Er schüttelte den Kopf.
Draußen war die Tür zu hören, Renata kam zurück. „Hier, ganz frische Zutaten. Ich mache Pörkölt. Dauert normalerweise etwas länger, aber meine Nagymama hat mir ein paar Tricks gezeigt. Die werden allerdings nicht verraten!“ Sie lachte fröhlich, zog am Ende des Wohnzimmers einen unscheinbaren Vorhang beiseite, hinter dem sich eine einfache, kleine Küche verbarg und begann sogleich mit der Zubereitung. Dabei offenbarte sie ein beeindruckendes Geschick, und tatsächlich – nach gut einer Stunde stand das Essen auf dem Tisch.
„Mhmm … köstlich!“ Renata beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, mit einem schelmischen Zug um den Mund. Das Gulasch war tomatig-würzig und, wie Werner erst nach ein paar Bissen feststellte, höllisch scharf. Erst machte er ein überraschtes Gesicht, dann schnappte er nach Luft, mit Tränen in den Augen. Jetzt lachte Renata lauthals auf und klatschte sich auf die Oberschenkel. „Tut mir leid, vielleicht hätte ich Sie warnen sollen! Sie müssten sich jetzt mal sehen.“ Nun hatte auch sie Tränen in den Augen, allerdings vor Lachen. „Eine … Warnung“, japste Werner, „wäre … nicht … schlecht … gewesen.“ Sie stand auf, holte ihm ein Glas Milch und etwas Brot. „Nehmen Sie das dazu, das beruhigt die Geschmacksnerven.“ Tatsächlich ließ die Schärfe etwas nach, und als Werner sich wieder gefangen hatte, konnte auch er wieder lachen. „Sie wollten mich wohl vergiften?“ scherzte er.
Renata nahm nur kleine Bissen, vermischt mit etwas Brot und hatte anscheinend keine Probleme. „Meine Nagymama hat immer gesagt, scharf ist gut, das tötet die Bakterien. Das sei sehr wichtig, wenn man kein sauberes Trinkwasser hat. In Indien beispielsweise wird sehr scharf gegessen. Sogar schärfer als ich es vertrage!“ Sie grinste und erzählte: „Ich wurde mal in ein indisches Restaurant hier in der Nähe eingeladen. Dort gab es einen kleinen Extratisch mit einem Schildchen und der Aufschrift ,spicy‘. Das sollte man besser ernst nehmen, denn wenn Inder ,spicy‘ schreiben, dann meinen die das auch so!“ Sie lachte wieder.
Werner hatte sich tapfer durch das Essen gekämpft und trank den Rest seines Milchglases leer. Auch von dem Brot ließ er nichts übrig. Es war weich und aromatisch, ein echtes Bäckerbrot, nicht so ein geschmackloses Stück Pappe vom Fließband.
„Puh, ich glaube, ich brauche jetzt erst mal etwas frische Luft!“ – „Waren Sie schon mal in Budapest? Nein? Wie wär‘s mit einem kleinen Stadtbummel? Ich zeige Ihnen alles, was Sie kennen sollten. Kommen Sie!“
Menschen, die auf dem Land aufwachsen, haben oft eine besonders ausgeprägte innere Energie, die vermutlich daraus resultiert, dass in kleineren Ortschaften nicht viel los ist und der aufgestaute Tatendrang kein Ziel findet, an dem er sich abarbeiten kann. Manche ertränken diese Energie im Alkohol, andere entfliehen der provinziellen Eingeengtheit und suchen ihr Glück in der Stadt. Diese Neuankömmlinge sind dann entweder mit all dem Chaos und den vielen Ereignissen, die in einer Stadt gleichzeitig passieren, völlig überfordert und resignieren, oder sie lernen, sich genauso wie Städter auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren und alles Nebensächliche auszublenden. Derart fokussiert, entdecken sie gelegentlich zwischen all den tausend Möglichkeiten die eine, bisher unerforschte Chance und erschaffen daraus mit ihrer Kreativität unbekanntes, spannendes Neuland.
Renatas Energie war ansteckend, und Werner ließ sich gern mitreißen. Ihre anfängliche Scheu war lebenslustigem Tatendrang gewichen und riss sie beide hinaus in den Trubel der Stadt. Mit dem Taxi hatten sie die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt schnell abgehakt, Burgviertel, Fischerbastei, Parlament und Markthalle waren innerhalb von drei Stunden hinreichend untersucht. Weder Renata noch Werner gehörten zu dem Menschenschlag, der stundenlang vor einem Kunstwerk meditierte. Deshalb landeten sie schnell vor dem Gerbeaud, einem bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebten Café. Sehen und gesehen werden! Renata zeigte mit jammervollem Blick auf die Preisliste, aber Werner zerstreute ihre Befürchtungen: „Schon gut, ich übernehm das.“
Die Odyssee endete schließlich im Stadtpark, als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war und ihr verbliebener Schein mit überwältigender Schönheit die Blicke aller Gestrandeten auf sich zog. Über ihnen erhob sich ein gigantischer See aus rosafarbenem Licht mit einer kleinen Wolkeninsel mittendrin. Die winzigen Menschenwesen an seinem Ufer staunten in Ehrfurcht und lauschten der Musik. Wenige Meter von ihrem Platz auf der Wiese entfernt spielte eine junge Combo alte Volksweisen mit romantischem, wehmütigem Timbre. Um sie herum versammelten sich Zuhörer unterschiedlichen Alters, zwei Gaukler warfen sich Jonglierbälle zu und versuchten, ein paar Neugierigen ihre Tricks beizubringen, während sich zwei Schachspieler bemühten, ihre Tricks voreinander zu verbergen. Mit dem schwindenden Licht kehrte auch die Kühle des Herbstes zurück.
Glücklich und befreit sah Werner sich um. Das war eine Stadt ganz nach seinem Geschmack. Er brauchte die Weite zum Glücklichsein, dicht zusammenstehende Gebäude, enge Gassen und winzige Täler inmitten hoher Berge empfand er als bedrückend. Doch hier ließ es sich leben.
Werners ausgelassene Stimmung war ihr nicht verborgen geblieben. Die junge Frau stand ein wenig abseits, beobachtete ihn unauffällig und versuchte ihn einzuschätzen. Unschlüssig und zögernd näherte sie sich. „Szia! Sie sind wohl nicht von hier?“ Selbst erschrocken über ihre eigene Forschheit machte sie sogleich wieder zwei Schritte zurück. „Ich komme aus Wien. Das heißt, eigentlich komme ich aus Paris.“ – „Ganz allein, ohne Familie? Oder Freunde?“ Sie hatte sich wieder einen Schritt nach vorn gewagt. „Meine Freunde … tja …“ In Gedanken sah er Béatrice vor sich, wie sie zusammengesunken Jeans Standpauke über sich ergehen ließ. „Nein, ich bin allein hier.“ – „Wollen Sie länger bleiben?“ – „Vermutlich nicht, vielleicht zwei Tage, eher nur einen.“ Sie schaute nun ebenfalls auf den Fluss. Dann fand sie, es sei vielleicht angebracht, sich erst einmal vorzustellen. „Ich heiße Renata.“ Sie streckte Werner die Hand entgegen, ihr Griff war leicht und scheu. So schnell wie die Hand erschien, verschwand sie auch wieder. „Und ich bin Werner.“ – „Das ist ein deutscher Name, nicht wahr? Was machen Sie in Frankreich?“ Werner zögerte, sie war eine Fremde. Warum führten sie diese Unterhaltung? Sie wollte irgendetwas Bestimmtes, das konnte sie trotz ihrer Zurückhaltung nicht verbergen. Der unstete Blick, die nervöse Gestik …
Werner versorgte sie mit ein paar Einzelheiten. „Wegen der Liebe sind Sie dort geblieben?“ Sie schien erleichtert. „Haben Sie schon ein Hotel? Ich habe in meiner Wohnung ein freies Zimmer. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich … bin arbeitslos und bekomme schon lange kein Arbeitslosengeld mehr. Nur ein wenig Sozialhilfe, und die reicht leider nicht weit. Hotels sind auch viel teurer“, jetzt hatte ihre Stimme fast einen flehenden Unterton, „Sie müssen mir nicht viel bezahlen, helfen Sie mir nur ein wenig, zu überleben. Bitte!“
Werner musterte die Frau von oben bis unten, er war misstrauisch. Sie war etwas kleiner als er, hatte langes, lockiges, dunkles Haar, braune Augen und war anständig gekleidet. Sie wirkte ehrlich und seriös, daher fragte er: „Wo wohnen Sie denn?“ – „Nicht weit von hier, in der Zichy Jenő utca, nahe dem Oktogon. Haben Sie ein Auto? Das können Sie gegenüber auf einem bewachten Parkplatz abstellen.“ Werner lächelte. „Ich glaube, das klaut keiner.“ Als sie es sah, verstand sie.
Die Zichy Jenő utca war eng und dunkel, die meisten Häuser alt und unsaniert. In einer kleinen Lücke zwischen zwei Gebäuden standen auf erdigem Untergrund eine kleine Baracke und mehrere Fahrzeuge der mittleren und gehobenen Preisklasse. „Hier können Sie es abstellen, die Baracke ist immer besetzt, die passen auf. Haben Sie Forint? Nein? Dann geben Sie ihnen zwei Euro, das reicht für vierundzwanzig Stunden.“
Der junge Mann in der Baracke sah aus wie ein Südosteuropäer, vielleicht rumänischer Abstammung, hatte schmutzige Hände und machte auch sonst keinen vertrauenswürdigen Eindruck. Doch er lächelte höflich, freute sich über die fünf Euro und rief Werner hinterher: „Alles okay, kein Problem, kein Problem!“
Werner folgte Renata in das gegenüberliegende Gebäude, das ebenso alt war, wie die umliegenden Häuser, wenngleich der aufwendige Stuck und der Putz nicht ganz so schwer in Mitleidenschaft gezogen waren. Sie durchquerten das Vorderhaus und gelangten in einen kleinen Hof, dessen weiße Wände so früh am Nachmittag trotz der tiefstehenden Herbstsonne noch hell erleuchtet waren. Die Aufgänge von Vorder- und Hinterhaus wurden durch Laubengänge auf den einzelnen Etagen miteinander verbunden. Und die alten Treppenhäuser mit ihren schmiedeeisernen Geländern nötigten den Besuchern mit ihrer altehrwürdigen Bauweise und der trotz Renovierung nicht zu übersehenden Patina aus unzähligen Jahrzehnten Respekt ab. Wie viele Menschen mögen diese Stufen bereits erklommen haben? Welch spannende Schicksale verbargen sich hinter jeder Spalte des rissigen Holzes, hinter jeder Kerbe an den Wänden? In der vierten Etage wies Renata auf eine Tür und öffnete sie.
Ein langer Flur mit niedrigen Wänden. Dahinter das Wohnzimmer, die Wände deutlich höher, sanfte, warme Farben über einem dunklen, glänzenden Parkett in Fischgrätmuster. Die alten, leichten Möbel stammten dem Anschein nach vom Flohmarkt, doch sie waren mit Geschmack und Feingefühl stilsicher aufeinander abgestimmt.
Renata lächelte verlegen, so als wollte sie sich für das keinem Hotelstandard genügende Ambiente entschuldigen. Aber Werner gefiel es. Es war gemütlich und ruhig, nur das Zwitschern der Vögel auf den Dächern drang durch das geöffnete Fenster und erfüllte den Raum. Er nickte ihr lächelnd zu: „Okay, wie viel wollen Sie dafür?“ – „Wären 2000 Forint angemessen? Das sind etwa sechs Euro.“ Werner lachte: „Die sollen Sie haben!“ – „Sehr gut!“ Erfreut öffnete sie eine weitere Tür und wies mit der Hand hinein: „Hier ist Ihr Schlafzimmer. Und dort können Sie Ihre Sachen hineinlegen.“ Sie klappte die Türen eines alten Bauernschrankes auf. Das dunkle Holz passte zu den restlichen Möbeln im Wohnzimmer. Das Bett war recht schmal und offensichtlich nur für eine Person gedacht. „Tut mir leid, die Möbel sind nicht der letzte Schrei, ich weiß. Sie stammen noch von meinen Großeltern.“ Sieh mal an, also nicht vom Flohmarkt! Doch schon unterbrach Renata seine Gedanken: „Unsere ganze Familie hat zusammen auf dem Land gelebt. Daher waren meine Großeltern auch wichtige Bezugspersonen für mich. Sie haben mich mit aufgezogen und mir alles beigebracht. Ich kann sehr gut kochen! Haben Sie schon was gegessen?“
Sie hätte das lieber nicht ansprechen sollen, denn sofort wurde sich Werner seines knurrenden Magens bewusst. „Also jetzt wo Sie‘s sagen – nein, und ich habe mächtig Hunger!“ Sie lachte. „Sehen Sie, man muss auch was essen, ich koche uns etwas, einverstanden? Es dauert auch gar nicht lange. Unten gibt es ein gutes Lebensmittelgeschäft, ich bin gleich wieder hier!“ Kaum ausgesprochen, huschte sie schon den Laubengang vor dem Hoffenster entlang. Werner nutzte ihre Abwesenheit und schaute sich interessiert um. Die Wohnung war eigenartig geschnitten, vom Wohnzimmer führte noch eine Treppe nach oben zu einem weiteren Raum, der wohl der Grund war für den niedrigen Flur. Die Tür am Ende der Treppe hatte ein kleines Milchglasfenster, übersät mit einem Muster aus Sternen, durch die man hindurchschauen konnte. Werner wollte die Tür nicht öffnen, doch die Neugier ließ ihn durch einen der Sterne blinzeln. Der Raum war klein und karg, nur ein altes Armeefeldbett mit Nachtschrank, darauf ein paar gerahmte Schwarzweißfotos.
Werner stieg die Treppe wieder hinab. Vom Wohnzimmer gingen noch zwei weitere Türen ab, die eine führte in ein spartanisch eingerichtetes Badezimmer, hinter der anderen verbarg sich ein winziger Raum mit Toilette. Im Gegensatz zum Badezimmer gab es hier sogar ein Fenster mit einer vor fremden Blicken schützenden Gardine. Werner öffnete das Fenster und traute seinen Augen nicht. Er blickte in einen weniger als zwei mal zwei Meter umfassenden Lichtschacht, der vom Dach des Hauses bis zum Boden reichte. „So was hab ich ja noch nie gesehen“, entfuhr es ihm unwillkürlich.
Sein Handy klingelte. „Wérnér, wie geht‘s dir? Wo bist du? Tatsächlich? So weit schon? Da hast du dir ja nicht viel Zeit gelassen! Und ich habe eine kleine Nebenwette mit Julian verloren, der meinte, du kennst Zürich schon und würdest dort nicht länger bleiben. Ich dachte eher, du würdest dort ein paar Tage rasten, eben weil du es schon kennst. Na gut, 5000 Euro weniger, was soll‘s. Budapest also. In welchem Hotel wohnst du denn? Chic und edel? Im Four Seasons vielleicht? Ach nein … privat? Echt? Sie hat dich angesprochen? Aaach … du Aufreißer! Und, wirst du sie …? Okay-okay, entschuldige. Sophie? Nein, hat sich nicht …, nein, sie war auch nicht hier. Okay, meld‘ dich mal, bis bald! Pass auf dich auf! Salut!“ Jean legte auf.
Werner war ungehalten. Was denkt der sich eigentlich? Dass ich hemmungslos alles vernasche, was mir über den Weg hoppelt? Er schüttelte den Kopf.
Draußen war die Tür zu hören, Renata kam zurück. „Hier, ganz frische Zutaten. Ich mache Pörkölt. Dauert normalerweise etwas länger, aber meine Nagymama hat mir ein paar Tricks gezeigt. Die werden allerdings nicht verraten!“ Sie lachte fröhlich, zog am Ende des Wohnzimmers einen unscheinbaren Vorhang beiseite, hinter dem sich eine einfache, kleine Küche verbarg und begann sogleich mit der Zubereitung. Dabei offenbarte sie ein beeindruckendes Geschick, und tatsächlich – nach gut einer Stunde stand das Essen auf dem Tisch.
„Mhmm … köstlich!“ Renata beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, mit einem schelmischen Zug um den Mund. Das Gulasch war tomatig-würzig und, wie Werner erst nach ein paar Bissen feststellte, höllisch scharf. Erst machte er ein überraschtes Gesicht, dann schnappte er nach Luft, mit Tränen in den Augen. Jetzt lachte Renata lauthals auf und klatschte sich auf die Oberschenkel. „Tut mir leid, vielleicht hätte ich Sie warnen sollen! Sie müssten sich jetzt mal sehen.“ Nun hatte auch sie Tränen in den Augen, allerdings vor Lachen. „Eine … Warnung“, japste Werner, „wäre … nicht … schlecht … gewesen.“ Sie stand auf, holte ihm ein Glas Milch und etwas Brot. „Nehmen Sie das dazu, das beruhigt die Geschmacksnerven.“ Tatsächlich ließ die Schärfe etwas nach, und als Werner sich wieder gefangen hatte, konnte auch er wieder lachen. „Sie wollten mich wohl vergiften?“ scherzte er.
Renata nahm nur kleine Bissen, vermischt mit etwas Brot und hatte anscheinend keine Probleme. „Meine Nagymama hat immer gesagt, scharf ist gut, das tötet die Bakterien. Das sei sehr wichtig, wenn man kein sauberes Trinkwasser hat. In Indien beispielsweise wird sehr scharf gegessen. Sogar schärfer als ich es vertrage!“ Sie grinste und erzählte: „Ich wurde mal in ein indisches Restaurant hier in der Nähe eingeladen. Dort gab es einen kleinen Extratisch mit einem Schildchen und der Aufschrift ,spicy‘. Das sollte man besser ernst nehmen, denn wenn Inder ,spicy‘ schreiben, dann meinen die das auch so!“ Sie lachte wieder.
Werner hatte sich tapfer durch das Essen gekämpft und trank den Rest seines Milchglases leer. Auch von dem Brot ließ er nichts übrig. Es war weich und aromatisch, ein echtes Bäckerbrot, nicht so ein geschmackloses Stück Pappe vom Fließband.
„Puh, ich glaube, ich brauche jetzt erst mal etwas frische Luft!“ – „Waren Sie schon mal in Budapest? Nein? Wie wär‘s mit einem kleinen Stadtbummel? Ich zeige Ihnen alles, was Sie kennen sollten. Kommen Sie!“
Menschen, die auf dem Land aufwachsen, haben oft eine besonders ausgeprägte innere Energie, die vermutlich daraus resultiert, dass in kleineren Ortschaften nicht viel los ist und der aufgestaute Tatendrang kein Ziel findet, an dem er sich abarbeiten kann. Manche ertränken diese Energie im Alkohol, andere entfliehen der provinziellen Eingeengtheit und suchen ihr Glück in der Stadt. Diese Neuankömmlinge sind dann entweder mit all dem Chaos und den vielen Ereignissen, die in einer Stadt gleichzeitig passieren, völlig überfordert und resignieren, oder sie lernen, sich genauso wie Städter auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren und alles Nebensächliche auszublenden. Derart fokussiert, entdecken sie gelegentlich zwischen all den tausend Möglichkeiten die eine, bisher unerforschte Chance und erschaffen daraus mit ihrer Kreativität unbekanntes, spannendes Neuland.
Renatas Energie war ansteckend, und Werner ließ sich gern mitreißen. Ihre anfängliche Scheu war lebenslustigem Tatendrang gewichen und riss sie beide hinaus in den Trubel der Stadt. Mit dem Taxi hatten sie die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt schnell abgehakt, Burgviertel, Fischerbastei, Parlament und Markthalle waren innerhalb von drei Stunden hinreichend untersucht. Weder Renata noch Werner gehörten zu dem Menschenschlag, der stundenlang vor einem Kunstwerk meditierte. Deshalb landeten sie schnell vor dem Gerbeaud, einem bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebten Café. Sehen und gesehen werden! Renata zeigte mit jammervollem Blick auf die Preisliste, aber Werner zerstreute ihre Befürchtungen: „Schon gut, ich übernehm das.“
Die Odyssee endete schließlich im Stadtpark, als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war und ihr verbliebener Schein mit überwältigender Schönheit die Blicke aller Gestrandeten auf sich zog. Über ihnen erhob sich ein gigantischer See aus rosafarbenem Licht mit einer kleinen Wolkeninsel mittendrin. Die winzigen Menschenwesen an seinem Ufer staunten in Ehrfurcht und lauschten der Musik. Wenige Meter von ihrem Platz auf der Wiese entfernt spielte eine junge Combo alte Volksweisen mit romantischem, wehmütigem Timbre. Um sie herum versammelten sich Zuhörer unterschiedlichen Alters, zwei Gaukler warfen sich Jonglierbälle zu und versuchten, ein paar Neugierigen ihre Tricks beizubringen, während sich zwei Schachspieler bemühten, ihre Tricks voreinander zu verbergen. Mit dem schwindenden Licht kehrte auch die Kühle des Herbstes zurück.
Fortsetzung folgt …
