Nun isses also endlich soweit – mein Buch kann auch in gedruckter Form käuflich erworben werden. Ich weiß, ich weiß … das habe ich auch schon vor einem Monat behauptet, und eigentlich stimmte das auch, denn es war ja schon zwei Tage online erhältlich. Aber dann verlangte ich von Amazon eine Korrektur des fehlerhaften Veröffentlichungstermins, und irgendwie haben die das falsch verstanden und verschoben den Termin auf heute. Macht aber nix, Time is Monkey! Und außerdem haben jetzt viele Leute Urlaub und langweilen sich, was gibt es da also besseres, als ein Buch zu lesen?
Zum Anfüttern und damit Ihr wisst, was Euch erwartet, werde ich diese Woche hier jeden Tag eine kleine Lesung durchführen und Teile meines Buches vorstellen. Wir beginnen mit Auszügen aus dem zweiten Abschnitt „Frankreich“.
Werner, der dank seines Vaters wohlhabende Hauptdarsteller meines Romans, ist wegen seiner Freundin Sophie frustriert und verlässt die gemeinsame Wohnung, um seine reichen Freunde in einem Pariser Club zu treffen. Dort angekommen wird er für einen Moment alleingelassen, als einige der Mitglieder unten vor dem Haus die neueste Errungenschaft des Clubbesitzers bestaunen – einen italienischen Straßenflitzer. Werner nutzt diesen Umstand hemmungslos aus, um ein wenig in der Wohnung herumzustöbern. In einem alten Sekretär findet er ein Geheimfach und stößt darin auf ein paar interessante Familiengeheimnisse. Fast wird er dabei von Jean, dem Clubbesitzer und Wohnungseigentümer überrascht:

„Wérnér!“ Jeans breites Grinsen wich einem Ausdruck des Erstaunens. „Warum sitzt du denn so verkrampft auf dem blöden Holzstuhl? Die Sessel sind doch viel bequemer!“ Werner hatte es geradeso noch geschafft, den Arm lässig auf die Schreibplatte zu lehnen und die Beine übereinanderzuschlagen, aber es sah eher aus, als hätte er schmerzhafte Rückenprobleme. Folgsam stand er auf und nahm wieder im Sessel Platz.
Auch Élaine und Michel betraten den Salon. „Das hättest du sehen sollen …“ Michel war sichtlich begeistert. „Ja eben, warum warst du nicht mit unten? Ich bin ein wenig verstimmt!“ Jean zog ein beleidigtes Gesicht. Die Wortwahl und der ironische Unterton verdeutlichten jedoch den wenig ernsthaften Charakter seiner Beschwerde.
„Ich mag diese protzigen Angeberkarren nicht“ rechtfertigte sich Werner kühl. „Und überhaupt, du als Franzose …“, mit einem Mal hatte Werner wieder das heikle Foto vor Augen. Es warf ihn für eine Sekunde aus der Bahn, sodass er ins Stottern geriet, „… äh … du … müsstest …“ Dann begann er den Satz noch mal von vorn: „Müsstest du nicht etwas Französisches fahren? Du weißt schon, wegen der Arbeitsplätze und so?“ – „Ich würde auch etwas Guatemaltekisches fahren, wenn die so geile Autos bauen würden.“ Jean grinste breit. Er hegte keinerlei patriotische Gefühle, wenn es um den Fortbestand der Nation ging. Sehr verdächtig, dachte sich Werner. „Und wie steht‘s mit deutschen Autos?“ fragte er hinterlistig. „Aber gern! Ich kauf dir deinen Golf ab für …“ Er sah sich zu Michel um. „Was meinst du, wie viel ist der wert?“ – „Einen Euro“, antwortete der süffisant. „Nüscht“, giftete Élaine und verschwand Richtung Küche. „Wie kommst du gerade auf Guatemala?“, wunderte sich Werner. „Es gab mal eine Phase“, begann Jean, „da war mir langweilig. Wenn du nicht arbeitest und den ganzen Tag herumhängst, kommst du schnell auf dumme Ideen. Manche fangen dann an zu kiffen oder zu saufen. Ich wollte lieber eine Weltreise machen. Den Altertümern folgen – Ägypten, die Pyramiden. Und China, die Große Mauer. In Lateinamerika gab es uralte Städte, von denen man noch immer nicht genau weiß, wer sie einst erbaut hat. Das finde ich total spannend! Ich habe Hancock gelesen, ,Die Spur der Götter‘. Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was er schreibt, dann stammen wir von …“, er rang nach Worten, „nun ja … nicht unbedingt von Außerirdischen ab. Aber dann ist das, was die uns in der Schule beigebracht haben, alles totaler Quatsch. Ich wollte mir das einfach mal mit eigenen Augen anschauen.“
Michel grunzte herablassend: „Hab ich auch gelesen, in meinen Augen alles nur Verschwörungstheorien. Absoluter Unsinn!“ Jean blieb gelassen: „Nur weil es eine Verschwörungstheorie ist, muss es nicht gleichzeitig auch Unsinn sein. Es bedeutet nur, dass es eine Theorie gibt, die auf eine Verschwörung hindeutet, nicht, dass sie falsch ist.“
Michel lenkte versöhnlich ein: „Na gut, okay! Du interessierst dich also für Geschichte? Das wusste ich ja noch gar nicht.“ – „Ja, echt jetzt, man könnte meinen, du interessierst dich für gar nichts.“ Werner schaute Jean provozierend in die Augen. Der ließ sich jedoch nicht darauf ein. „Ich interessiere mich für viele Dinge, nur häng‘ ich das nicht an die große Glocke. Ich mag zum Beispiel Literatur.“ – „Shakespeare?“ hakte Michel frech nach, der sich nun von Werners gutmütiger Randalierstimmung anstecken ließ. „Oder Perse? Rousseau vielleicht?“ – „Nein, die doch nicht“, entgegnete Jean. „Eher so was wie Robinson Crusoe. Oder die Anhalter-Serie von dem bekannten Science-Fiction-Autor Douglas Adams. Das erste Buch hab ich bestimmt schon zwanzigmal gelesen. Und ich könnte mich immer wieder kringeln vor Vergnügen.“ Sein Blick wurde glasig, ins Nichts gewandt. Er lächelte. „Oder Jules Verne, der hat doch spannende Bücher geschrieben.“
„Das ist doch keine Literatur“, rief Werner belustigt. „Na, da wären die Meister aber enttäuscht, könnten sie das hören“, warf Élaine spöttisch dazwischen, als sie sich mit hinzugesellte.
Michel schüttelte energisch den Zeigefinger: „Ich muss Werner da zustimmen. Das Wort Literatur birgt in sich bereits etwa Erhabenes, Edles! Nur einfach Wörter aneinanderreihen, sodass es lustig oder phantastisch klingt, erfüllt in meinen Augen noch nicht die Mindestvoraussetzungen für die Aufnahme in den heiligen Olymp der Literaten. Der Verfasser sollte auch ein Wortakrobat sein und Sätze schreiben“, jetzt wechselte sein Gesichtsausdruck von ernsthaft zu schelmisch, „die noch nie zuvor ein Mensch gelesen hat.“ – „Faszinierend“, erwiderte Jean, nun ebenfalls erheitert. „Aber damit sind wir ja mittendrin in der Science-Fiction. Jules Verne!“
„Wenn du reisen wolltest und auf Jules Verne stehst, warum schnappst du dir nicht mal seinen Reiseroman, klapperst die beschriebenen Orte ab und umrundest die Erde in achtzig Tagen?“ fragte Élaine und lehnte sich zu Jean hinüber. „Weil ich dann in drei Tagen wieder hier wäre. Mit dem Jet bist du doch in Nullkommanix einmal rum. Außerdem hatte ich nach meiner Kenia-Reise die Nase gestrichen voll. Überall Armut und schlimmste Korruption. Wenn du nicht mal mehr einem Polizisten trauen kannst, dann steckt das Land in echten Schwierigkeiten. Und so sieht es ja in vielen Ländern aus.“ – „In drei Tagen bist du ganz sicher nicht wieder hier, den Jet kannst du auch nicht nehmen, wenn du den Spuren des Roman folgen willst“, gab Élaine zu bedenken.
Jeans Entgegnung wurde durch das Klingeln an der Tür unterbrochen. Keiner rührte sich. Nach ein paar Sekunden klingelte es entsprechend der Übereinkunft dreimal. „Das ist Béatrice.“ Sie vergaß immer, den Geheimcode zu nutzen und korrigierte den Fehler sogleich. Jean ging zur Tür und öffnete. Im Treppenhaus war Gelächter zu hören. „Sie hat noch jemanden dabei.“ Nach wenigen Augenblicken erreichten die Neuankömmlinge den Treppenabsatz und stiegen die letzten Stufen zum Club hinauf.
„Nanu? Habt ihr euch zufällig unten getroffen?“ fragte Jean verwundert. Béatrice hatte noch Léon und Julian mitgebracht, alle drei waren seit langem schon Clubmitglieder. „Neeeiiin … wir haben auch die Nacht zusammen verbracht!“ Béatrice kicherte kokett und betrat, vielsagend mit der Hüfte wackelnd, den Salon. Sie konnte furchtbar anzüglich sein. Ihren beiden Begleitern war das sichtlich unangenehm. Jeans weit aufgerissene Augen und seinen offenstehenden Mund beantwortete Julian nur mit einer abwehrenden Handbewegung. „Da war nichts, wir haben auf der langen Eckcouch geschlafen.“ – „Mach mir doch nicht immer alles kaputt!“ schmollte Béatrice. Und zu den anderen gewandt: „Hey Jungs! Schon auf den Beinen?“ – „Es ist fast Mittag!“ Werner schüttelte den Kopf. „Oh …!“ Léon warf einen Blick auf sein Handgelenk, stellte fest, dass er seine Uhr bei Béatrice auf dem Couchtisch vergessen hatte, griff sich ersatzweise Julians Arm und schaute auf dessen Uhr. Halb Zwölf. „Und die geht auch wirklich nicht vor?“ – „Hör mal, wenn wir Schweizer etwas können, dann sind das Uhren!“ Die ironisch-pikierte Nuance von Julians Antwort entging Léon, er hatte sich noch nicht von der alkoholbedingten Beinahevergiftung des letzten Abends erholt und stank extrem nach Fusel.
Julian war Zürcher und Sohn eines Privatbankiers. Er hatte in der Firma seines Vaters ganz unten angefangen, sich schnell und ohne protegiert worden zu sein hochgearbeitet und sammelte leidenschaftlich gern Uhren, bevorzugt die einer namhaften Manufaktur aus dem Vallée de Joux. Besonders deren „Oldtimer“, die Uhren aus den Anfangstagen, hatten es ihm angetan. Er war so verrückt danach, dass er tatsächlich immer zwei Armbanduhren trug, die eine am linken Arm, die andere rechts.
„Setzt euch! Ich hole noch ein paar Stühle.“ Jean entschwand in einen der Nebenräume. Die anderen nahmen Platz, nur Léon war etwas zu langsam und schaute ratlos im Raum stehend umher. Jean kam mit den Stühlen, er schob einen zu Léon und setzte sich selbst auf den anderen.
Sie schauten einander an. „Wie in einer Selbsthilfegruppe“, Béatrice lachte. „Was habt ihr gerade gemacht?“ Und an Élaine gerichtet: „Gibt‘s was zum Mittag?“ – „Geht gleich los. Wir waren noch mit Reiseplanungen beschäftigt. Jean will die Welt umsegeln.“ – „Na, na, na … niemand segelt hier irgendwo hin, und ich schon mal gar nicht!“ Jean schlug die Beine übereinander. „Wir haben über Literatur gesprochen“, erläuterte Jean den drei Hinzugekommenen, „aber eigentlich ging es ganz allgemein um meine Interessen. Wie sind wir da noch mal drauf gekommen? Ach egal, wir waren zuletzt bei Jules Verne.“ – „Sag ich doch, du wolltest den Spuren des Romans folgen. In achtzig Tagen um die Welt“, nahm Élaine den Faden wieder auf. „Was? Jean will wieder verreisen?“ Julian war sichtlich überrascht. „Hattest du es nicht aufgegeben?“ Nun reagierte Jean deutlich genervt: „Sagt mal, habt ihr was an den Ohren? Ich verreise nicht! Aber wenn du mich einlädst, besuche ich dich gern mal in der Schweiz!“ – „Coole Idee, warum fahren wir nicht mal alle zusammen? Mein Vater hat ein Landhaus in der Nähe von Zürich, dort ist Platz für uns alle.“
Julian schaute fragend in die Runde. „Also ich erst mal nicht, die Schweizer sind in letzter Zeit so unfreundlich.“ – „Tja, Werner, das kommt, weil ihr Deutschen da mittlerweile in Rudeln auftretet. Außerdem mögen wir es nicht, wenn man uns den Dialekt verbieten will. Verschtohsch?“ – „Wer tut denn das? Also ich nicht!“ Werner war empört. Nun tippte sich Julian auf die Brust: „Ich wurde auch schon von Deutschen gebeten, ob ich nicht hochdeutsch sprechen könnte.“ – „Ach so! Also ich glaube, das ist ein Missverständnis! Dazu musst du wissen, die meisten Deutschen in Deutschland sprechen gar kein Hochdeutsch, sondern den jeweiligen lokalen Dialekt. Manche davon sind mehr und einige weniger gut verständlich. Es gibt Orte im Norden, wenn du dort in die Dorfkneipe gehst und mit Älteren redest, verstehst du selbst als Deutscher kein Wort mehr. Wir nennen das Plattdeutsch. Und auch in manch abgelegenen bayerischen Bergdörfern kommt man sich oft vor wie ein Ausländer.“ Julian lauschte interessiert. Werner erklärte: „Hochdeutsch ist ja nichts anderes, als eine von Dialekten bereinigte Sprache, die dazu dient, sich mit Menschen anderer Regionen verständigen zu können. Wenn also ein Deutscher mit einem Schweizer Hochdeutsch spricht, ist das im Grunde ein Ausdruck der Höflichkeit, denn er möchte ja verstanden werden. Und du kannst nun selbst entscheiden, ob du diese Höflichkeit erwidern willst oder ob du lieber unhöflich bist.“ Werner hatte den Ball geschickt an Julian zurückgespielt. Der fühlte sich von dieser unerwarteten Wendung völlig überrumpelt und versuchte, das Gehörte einzuordnen.
Élaine kam ihm zuvor. „Also hier hättest du mit deinem Hochdeutsch niemanden beeindrucken können.“ Sie war schon wieder schnippisch. „Deswegen spreche ich ja auch Französisch“, antwortete Werner gutmütig. Seit er Élaine zurückgewiesen hatte, war eine normale Verständigung mit ihr schwierig geworden. „Das ist auch der einzige Grund, warum du hier überhaupt reingekommen bist. Ohne Sophie sowieso nicht, und aufgrund deiner akzentfreien Aussprache habe ich erst gar nicht gemerkt, dass du Deutscher bist.“ Jean drohte ihm scherzhaft mit dem Finger. „Eigentlich bist du ja auch viel zu alt für uns. Schon über dreißig, meine Güte!“ – „Nicht alt … erfahren“, nahm Béatrice Werner in Schutz. „Jungspunde wie ihr haben bei richtigen Frauen doch gar keine Chance!“ Sie formte mit der Hand ein Figürchen, dass auf zwei Finger-Beinen über die Armlehne des Sessels in Richtung Werners Oberschenkel tippelte. Der klatschte rücksichtslos mit der Hand drauf, traf aber nur sich selbst, da Béatrice damit gerechnet und ihre Hand schnell zurückgezogen hatte. Dennoch war sie gekränkt. „Was ist denn nun mit dem Essen? Ich habe wirklich Hunger! Élaine?“ – „Okay, dann los.“ Élaine erhob sich. „Ich komme mit!“ Béatrice wusste von den Misstönen zwischen Werner und Élaine und hielt natürlich zu ihr. Die beiden Frauen hakten sich unter und stampften in Richtung Küche. Béatrice warf noch einen vernichtenden Blick zurück zu Werner. Wie zwei Amazonen auf Kriegspfad, schoss es ihm durch den Kopf. Hoffentlich bewaffnen die sich nicht am Messerblock, dann komme ich hier wohl nicht mehr lebend raus.
„Eigentlich keine schlechte Idee, so eine Weltreise nach Anleitung. Es wäre doch sicherlich interessant herauszufinden, wie sich die Welt in all den vielen Jahren verändert hat.“ Und mit Blick auf Jean: „Von wann stammt der Roman?“ Der stand auf, „Moment!“ Er ging in die Bibliothek und suchte dort einige Minuten lang herum. Dann kehrte er mit dem Buch zum Tisch zurück und schlug es ein paarmal gegen die Handfläche. Eine kleine Staubwolke explodierte in den Raum hinein und überzog die Anwesenden. „Um Himmels Willen, Jean!“ Léon war schlagartig nüchtern. Er hatte das Meiste abbekommen und hustete. „Ich bin allergisch, Mensch!“ Seine Augen fingen an zu tränen, es schien ihm ernst zu sein. „Komm mit, du hast sowieso ‘ne Dusche nötig.“ Julian zog ihn weg und nötigte ihn ins Badezimmer.
Die anderen klopften ihre Kleidung ab, Jean pustete den Staub vom Tisch. „Den Rest kann die Putze machen. Bei der Gelegenheit kann sie sich auch gleich mal das Bücherregal vornehmen, der Staub wird wohl noch von vor der Renovierung sein.“
Er legte das Buch auf den Tisch und blätterte oberflächlich ein paar Seiten durch. „Hier steht‘s doch, eine Reiseliste.“ Er überflog die Zeilen, nannte ein paar Eckpunkte: „London, Suez, Mont-Cenis … noch nie gehört, wo ist das denn?“ – „In den Alpen“, erklärte Julian. „Da war ich schon mal im Urlaub, schöne Gegend!“ Jean schaute wieder auf das Buch: „Brindisi … klingt nach Italien.“ Bombay und Kalkutta fasste er mit „Indien“ zusammen. „Hongkong, Yokohama, San Francisco, New York … und wieder London. Augenblick, das will ich jetzt aber genauer wissen!“
Erneut stand er auf und ging hinüber zur Bibliothek. Diesmal kam er mit einem halb zerfallenen, abgewetzten Buch zurück. „Putzgers Historischer Schul-Atlas. Herausgegeben 1900. Auf Deutsch!“ Triumphierend wedelte er Werner damit vor der Nase herum.
Keine Staubwolke. Er hatte das Werk mit einem Handfeger vom Gröbsten befreit. „Weiß der Geier, woher die alte Dame den hatte.“ Werner sah wieder das geheime Foto vor sich und konnte nur mit Mühe eine Anspielung unterdrücken. Er lenkte seinen Sarkasmus stattdessen in eine andere Richtung: „Von 1900? Etwas Älteres konntest du nicht finden? Ein bemaltes Fell aus der Höhle von Lascaux vielleicht?“ Jean griff sich gespielt-irritiert den Roman und schaute nach dem Erscheinungsdatum der Erstauflage: „1873. Nein, ich denke, das Fell wäre zu alt.“
Schallendes Gelächter. Die von Jean zur Schau gestellte Selbstsicherheit war immer wieder beeindruckend. Eine bemerkenswerte Robustheit der Seele, wie sie nur wenigen Menschen zu eigen ist. Vielleicht aber auch nur eine der Folgen seines Reichtums, der sicherstellte, dass Jean elegant und nahezu unantastbar über den Dingen schwebte und sich nicht mit Alltagsproblemen und den schlechten Manieren all der Menschen auseinandersetzen musste, die einem Normalsterblichen den Alltag gründlich vermiesen können und mit der Zeit der Seele nur schwer wieder zu behebenden Schaden zufügen.
Er schlug den Atlas auf. Palestina. Falsche Karte, sie befanden sich ja in Paris. Die alte Welt, Westlicher Teil. Er öffnete die Karte und orientierte sich an den Umrissen der Kontinente. Gallia. Iberia. Merkwürdig! Die nächste Karte zeigte den Kaukasus, das Kaspische Meer und einen Teil Arabiens. Jean verstand noch immer nicht. Bei der Karte ,Reich Alexander des Großen‘ dämmerte ihm, was er da in der Hand hielt. Bei ,Entwicklung des römischen Reiches‘ war er sich sicher. „Verdammt, das sind ja uralte Karten. Es müssen doch auch …“ Er blätterte weiter, nach Frankreich suchend. Europa im 16. Jahrhundert. „Viel zu grob, da erkennt man ja gar nichts.“ Tatsächlich waren die Karten zu klein, eine Übersicht aller Kontinente fehlte gänzlich. Der Atlas behandelte nur regionale geschichtliche Ereignisse vom Altertum bis kurz vor dem Erscheinungsdatum.
Jean legte ihn zur Seite und holte seinen Laptop, dessen Monitor war sogar größer als das Buch. Er rief eine Landkarte im Internet auf und suchte nach dem aktuellen Standort. „Na also, geht doch!“ Zufrieden studierte er die Karte und schob sie mit dem Touchpad weiter. „Schaut mal, das muss man doch gar nicht so kompliziert machen. Einfach immer nach Osten, dann kommt man genau hier wieder an. Was folgt denn als erstes … oh je … Deutschland!“ Er zog mit Blick auf Werner ein angewidertes Gesicht, doch der lächelte amüsiert und schlug vor: „Nimm doch die Schweiz!“ – „Gute Idee! Also etwas weiter südlich: Schweiz, Liechtenstein, Österreich.“ Er schob die Karte nach links. „Ungarn! Mhmm – ich liebe Budapest! Und die ungarische Sprache mag ich auch, die klingt richtig angenehm. Ich hab dort mal eine tolle Frau kennengelernt, sie war wirklich eine Schönheit. Dunkle Haare, temperamentvoll und zugleich zurückhaltend. Außerdem lief sie immer barfuß. Leider konnte ich nicht bei ihr landen.“ – „Lag vielleicht an deinen schmutzigen Schuhen“, ätzte Michel und erntete dafür eine Kopfnuss.
„Wenn du Ungarisch magst, kann ich dir gern eine CD geben“, bot Julian an, „die hab ich von meinem Vater, und der hat sie von einem ungarischen Geschäftspartner. Omega, eine ungarische Rockband, ist auch im Westen recht bekannt. Echt coole Musik mit ungarischen Texten. Klingt etwas schräg, wenn man sie zum ersten Mal hört, aber das legt sich schnell.“ Er war aus dem Bad zurückgekehrt, wo er Léon in die Wanne verfrachtet und mit Handtüchern versorgt hatte.
„Okay, hör ich mir gern an.“ Dann machte Jean weiter mit: „Rumänien. Und hier, das Schwarze Meer! Was wohl schneller geht, mit dem Boot übersetzen oder im Norden durch die Ukraine?“ – „Zu gefährlich, das ist Krisengebiet“, gab Werner zu bedenken. „Also übers Meer. Georgien. Und was kommt dann? Noch ein Meer! Dahinter kommen die ganzen Dingstans – Kasachstan, Usbekistan und so weiter. China, die Mongolei …“ – „Vielleicht wäre es doch besser, weiter nördlich zu reisen? Dann musst du nicht so viele Staaten durchqueren und bleibst immer in Russland“, überlegte Werner.
„Wieso ich? Das hatten wir doch schon geklärt! Wie wär‘s stattdessen mit dir? Du hast immerhin einen deutschen Pass. Damit kommst du fast überall hin, auch ohne Visum. Wie das mit meinem ist, weiß ich gar nicht so genau.“
Hier konnte Julian weiterhelfen: Deutschland liege mit 172 visafreien Staaten zwei Länder vor Frankreich, der Schweizer Pass sogar noch zwei Länder dahinter. „Ihr Schweizer dürft nur vier Länder weniger bereisen als wir? Das ist mir ja völlig neu!“ Werner war ehrlich erstaunt. „Also, was ist?“ hakte Jean nach, „traust du dich? Sophie lässt dich doch eh nicht ran, dann kannste auch reisen!“ Breites Grinsen. „W… wieso denn jetzt ich?“
„Schau mal, als nächstes kommt schon Japan, wolltest du da nicht schon immer mal hin?“ –„Ja eben“, hakte Michel sich unvermittelt ein, „wegen deines Karatekrams hast du doch früher immer davon erzählt. Machst du das eigentlich noch?“ Werner verneinte. „Das war noch in Deutschland, und wegen der vielen Verletzungen habe ich es irgendwann aufgegeben. Japan wäre allerdings schon interessant. Eine wirklich außergewöhnliche Kultur.“
Jean schob wieder an der digitalen Karte herum. „Danach kommt erst mal lange nichts, da solltest du gut schwimmen können. Und dann – Ladies and Gentlemen – folgt Kalifornien! Heiße Mädels, knappe Bikinis, Sonne, Strand und Drogenpartys. Wérnér! Endlich wieder Sex!“ – „Du bist fast schon genauso schlimm wie Béatrice“, wehrte Werner ab. „Was machen die beiden eigentlich?“
Leichter Bratenduft drang bis in den Salon vor. Michel erhob sich und lief in die Küche. Sekunden später schaute er durch den Türrahmen zurück. „Fast fertig, ihr könnt schon kommen!“
„Oh, das duftet aber gut. Was genau ist das?“ Julian versuchte, durch das Herdfenster etwas zu erkennen, als Béatrice die Zutaten aufzählte: „Schnitzelpfanne – das Fleisch in Streifen geschnitten, mit Paprika, Zucchini und Pilzen. Dazu eine Sahne-Senf-Soße.“ – „Und was für Pilze sind da drin?“ erkundigte sich Michel besorgt. „Keine Ahnung, hab sie im Wald gesammelt. Sie sind ganz leicht zu unterscheiden: Es gibt giftige und ungiftige. Iss am besten nur die ungiftigen, die giftigen lässt du einfach weg.“
Sie essen zusammen und beschließen, zu zweit den Spuren Jules Vernes zu folgen, jedoch nicht exakt auf dessen Route, sondern immer nach Osten. Und wie in Vernes Roman auch schließen sie eine Wette ab – die Reisenden müssen in jedes Land auf ihrem Weg einen Fuß gesetzt haben und in spätestens 80 Tagen wieder zurück sein.
Während des Wochenendes hat Werner genügend Zeit, eine Entscheidung zu treffen und schließt sich Béatrice und León an. Am folgenden Montag soll die Reise im Club beginnen:
Von dieser plötzlichen Wendung wurde Werner nun völlig überrascht. Fragend und mit ausgebreiteten Armen schaute er zu Léon. „Ich … ich … war noch nicht … im Kopf … richtig klar … gestern … äh, am Freitag“, stammelte er. „Und du?“ Béatrice blickte kurz zu Werner hoch, hob nur die Schultern, schüttelte leicht den Kopf und sackte noch etwas weiter in sich zusammen. „Verdammt noch mal!“ Werner war stinksauer. Alle schauten nun zu ihm hinüber.
Sophie. Die schlechte Stimmung. Japan. Kalifornien. Strand und Sonne. Der Winter stand vor der Tür, die letzten Oktobertage waren warm, zumindest hier in Paris. Aber die Sonne bewegte sich bereits deutlich tiefer am Horizont entlang. War das eine gute Idee? Bei sibirischer Kälte durch Russland? Oder die angrenzenden Länder weiter südlich? Dann schaute er zu Jean, mit festem, entschlossenem Blick: „Was für ein Auto?” Der schöpfte plötzlich wieder Hoffnung. „Du … willst … trotzdem fahren?“ Dann begann er rasch die Vorzüge des Fahrzeugs aufzuzählen, wie ein Verkäufer: „Es ist ein UAZ 469. Russisches Militärfahrzeug, so ähnlich wie ein Jeep, nur halt aus Sowjetzeiten. Schon dreißig Jahre alt, läuft aber tadellos. Und säuft auch hemmungslos. Aber den kann dir da jeder reparieren. Und du kommst damit überall durch! Der Motor ist umgebaut, erreicht normalerweise nur 110 km/h, und das auch nicht über längere Zeiträume. Der hier schafft 160 Spitze, du kannst also auf der Autobahn ganz locker 120 fahren. Was sagst du?“ Gespannte Stille. Élaine schien besorgt, die Arme halb verschränkt, eine Hand vor dem Mund. Alle hingen an Werners Lippen. „Ich mach‘s!“
Ein gemeinschaftlicher Aufschrei der Erleichterung durchfuhr den Salon. „Yeah!“ Hocherfreut stürmte Jean zu Werner und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter. „Es sind übrigens knapp zweieinhalb Millionen Euro im Topf. Da du nur alleine fährst, musst du diese auch nur mit dem Gewinner durch zwei teilen. Das lohnt sich doch richtig, oder? ‘Ne Weltreise machen und anschließend abkassieren? Dafür würde manch anderer töten!“ Werner zählte skeptisch die anwesenden Personen durch, aber Jean unterbrach ihn: „Es sind nicht alle hier, die mitmachen.“ Und an alle gewandt: „Dann lasst uns noch mal zusammen was essen. Élaine …“
Wenig später standen sie zusammen in der Nebenstraße um den dunkelgrünen Geländewagen herum. Jean erklärte noch ein paar Besonderheit des alten Fahrzeugs: „Ist schließlich kein Golf!“ Dabei versuchte er mühsam, nichts von dem auszulassen, was der Händler ihm eindringlich geraten hatte.
Abschied. Händeschütteln. Ein paar Umarmungen und Küsschen. Werner war das stets unangenehm, weil er sich nicht merken konnten, wer wie begrüßt und verabschiedet werden wollte. Dann warf er seine Tasche auf den Rücksitz und stieg ein. „Hey, das sitzt sich ja richtig gut, so weit oben!“ Jean übergab ihm noch einen dicken Straßenatlas: „Der reicht bis Asien. Nur Japan und Amerika sind nicht mehr mit drauf. Da musst du dann selber weitersehen.“ Er legte noch einen Taschenkompass auf den Atlas, „Fahr einfach immer nach Osten“, und schaute auf die Uhr: „Es ist jetzt kurz vor zehn. In spätestens achtzig Tagen musst du wieder hier sein, bis zehn Uhr. Sonst hast du die Wette verloren.“ Augenzwinkern. Die Tür fiel ins Schloss.
Werner atmete tief durch. Dann startete er den Motor, hupte zweimal kurz und ließ die winkende Gemeinschaft hinter sich. Er bog in die Rue de Rivoli ein, zunächst nach Westen, da der Verkehr nur in eine Richtung erlaubt war, dann nach Süden und schließlich auf den Boulevard Périphérique, der Paris kreisförmig umarmte.
Fortsetzung folgt …
