Sie hat ein süßes blasses Porzellanpüppi-Gesicht unter blonden Locken, ist Anfang Zwanzig, dazu hinreißend schlank, mit einer umwerfend schmalen Taille, die in einem knackigen kleinen runden Po endet und stets in knallenge Sportsuits gezwängt ist. Auch hat sie im Gegensatz zu den meisten anderen Fitness-Honks anscheinend keine dämlichen Totenköpfe oder Stacheldrahtverhaue in die Haut gestichelt und trainiert etwa um die gleiche Zeit mit mir zusammen im selben Sportstudio.
Jedenfalls ist sie mir schon vor einigen Wochen aufgefallen, denn sie trainiert wirklich hart, was man ihr auch deutlich ansieht, also schaue ich gelegentlich zu ihr rüber, um zu sehen, was sie gerade so treibt. Und sie schaut häufig zurück, doch wir grüßen uns nicht und lächeln uns auch nicht zu. Und ich leite aus dieser rein visuellen Nichtkommunikationsform auch keinerlei Wünsche oder Hoffnungen ab, denn als der erfahrene ältere Gentleman, der ich mittlerweile nun mal bin, weiß ich, dass manche Mädchen nur gucken, um zu gucken, ob der andere noch guckt.
Vorgestern nun kam sie mit einer Freundin kurz nach mir zum Training, sah mich auf dem Laufband schwitzen und tippelte schnurstracks ausgerechnet zu dem Stepper, der genau vor mir stand, obwohl noch mindestens zwanzig andere Geräte frei waren. Dann steppte sie los, unterhielt sich dabei mit ihrer nebenan steppenden Freundin, lachte und scherzte auffallend laut, schaute immer mal wieder über die Schulter, den Blick ins Nichts gerichtet, wohl um aus den Augenwinkeln zu sehen, ob ich noch anwesend bin. Besonders fiel mir ihr Blick auf, als ich meinen Dauerlauf beendete und zunächst rechts, dann aber doch links an ihr vorbeilief, denn ihr Blick ging ebenfalls erst nach rechts, dann nach links, um mir anschließend den Gang hinunter zu folgen, was ich wiederum aus den Augenwinkeln wahrnahm.
In der Umkleidekabine fragte ich mich dann, ob wohl das Herumwedeln mit dem sexy Hintern auf dem Stepper, direkt vor meiner Nase, womöglich sowas wie das Balzverhalten eines paarungsbereiten Weibchens war, dass den dominanten Silberrücken damit zur Aktion ermuntern will.
Wenngleich ich dennoch beschlossen habe, sie auch weiterhin nicht anzubaggern, auf Grund meiner selbstverordneten altersbedingten Enthaltsamkeit und brutalen Selbstkasteiung, oder vielleicht auch, weil ich mich im Falle eines Missverständnisses nicht als alter Sack blamieren will, der einem Jungküken die Daunen aufplustern wollte und abgewiesen wurde, so verleihe ich ihr dennoch den diesjährigen Titel „Frau mit Esprit“. Außerdem ist sonst keine weitere in Frage kommende Kandidatin in Sichtweite, und die Preisträgerinnen der Vorjahre haben meine Preisverleihung aus mir unbekannten Gründen bisher mit keinerlei Reaktionen gewürdigt.
