Gestern Mittag verließ ich das Haus, unterwegs zu meinem alten Mütterlein, trat vor die Haustür und bemerkte einen brenzligen Geruch in der Luft, wissend, dass etwas Schlimmes im Gange war. Man erkennt das sofort, denn dieser spezielle Qualm riecht vollkommen anders als etwa ein Lagerfeuer, verbrennendes Laub im Garten oder ein Steak, das zu lange in der Pfanne brutzelt.
Ein Blick, hoch zur Fassade, enthüllte sofort die Katastrophe. Aus einem Badfenster in der dritten Etage des Nachbarhauses schlugen helle Flammen, es knallte, splitterndes Glas, hektisch piepsende Rauchmelder, panisches Rufen im Hausflur. Der Qualm wurde immer dichter, nach unten gedrückt und über den Gehweg verteilt vom Wind.
Geistesgegenwärtig griff ich zum Telefon, wählte hustend 112, der Mitarbeiter war sofort in der Leitung und fragte professionell alle wichtigen Daten ab. Inzwischen hatte sich das Feuer wohl herumgesprochen, denn der Platz vor dem Haus füllte sich mit erschrockenen Bewohnern.
Nach wenigen Minuten traf die Polizei ein und übernahm die Regie, die Feuerwehr etwas später. Ab diesem Moment zog ich mich unauffällig zurück, denn die Beamten hatten alles im Griff, meine Anwesenheit war nicht mehr hilfreich, und ich war ja auch verabredet mit meinem alten Mütterlein.
Den Rest des Tages grübelte ich, warum die Flammen ausgerechnet aus dem Badfenster schlugen, wo man in einem Bad doch eigentlich neben feuerfesten, kalten Fliesen nichts Brennbares erwarten würde.
Heute früh standen der Hausmeister und ein paar Handwerker ratlos vor dem Gebäude und schauten betroffen in die schwarz verkohlten, glaslosen Fensterhöhlen, dort oben in der dritten Etage. Mein Frage wurde von einem dabeistehenden Mieter beantwortet: In der Wohnung wohnte ein altes Mütterlein, einsam und verlassen, die Wohnung total vermüllt. Reichlich Substanz für einen ausgewachsenen Wohnungsbrand. Alles, was sie noch besaß, war nun verschwunden, in wenigen Minuten den Flammen zum Opfer gefallen.
Wie mag das sein, wenn die kargen Reste, Artefakte eines langen, vielleicht spannenden, hoffentlich abwechslungsreichen Lebens, auch noch weg sind?
Aus Pietätsgründen habe ich es vermieden, Fotos zu machen, im Gegensatz zu einigen Nachbarn, die ihren Drang, das Geschehen sensationslüstern auf Video zu bannen, nicht zu bändigen vermochten.
