Meine Lesebrille benötigte neue Gläser. Die alten waren im entscheidenden mittleren Bereich arg zerkratzt, sodass ich nicht mehr so gut damit lesen konnte. Alles sah irgendwie unscharf aus, so wie bei Manfred Mustermann, dessen Brillengläser auch ständig verschmiert sind.
Also ging ich zum dorfeigenen Optiker, der aber im Gegensatz zu den vielen Berliner Optikern nicht sofort für mich Zeit hatte, sondern einen Termin, zwei Tage später anbot. Bei der terminierten Untersuchung war er auch sehr gründlich, und die neuen Gläser machen exakt das, was sie sollen, nämlich scharfe Bilder.
Aus einem unerklärlichen Anfall von Leichtsinn schaute ich mit den neuen Gläsern unvorsichtigerweise in den Spiegel und erblickte das Grauen.
Nach schärfentiefgründiger Überlegung kam ich zu einer wichtigen Erkenntnis: Das Nachlassen der Sehkraft mit zunehmendem Alter kann unmöglich auf eine Fehlfunktion der Augen zurückzuführen sein. Vielmehr handelt es sich wohl um eine Schutzfunktion des Gehirns, damit es von den vielen Fältchen, Spalten und Canyons im Gesicht nicht erschreckt wird.
Manchmal ist die Evolution halt schlauer als angenommen.

