Vor einiger Zeit staunte ich in der Puttkamerstraße, nahe der Berliner Friedrichstraße über eine dickbäuchige, etwa einen Meter hohe, bunt bemalte Tonvase, die eines Tages plötzlich auf dem Gehweg vor einer Schule stand. In diesem Augenblick wußte ich bereits, daß sie verloren war. Tatsächlich füllte sich die Vase in den nächsten Tagen zunehmend mit Unrat, irgendwann war dann am oberen Rand eine Stück abgeplatzt, später fehlte die obere Hälfte und bald darauf lag die Vase komplett zerschlagen auf dem Gehweg.
In der TAZ schreibt heute die freie Autorin Isolde Charim über das kürzlich vom Kölner Landgericht erlassene Beschneidungsverbot. In dem Artikel ist die Haltung der Autorin gegen das Verbot, also für die Beschneidung deutlich herauszulesen. Allerdings stehen ihre fadenscheinigen, von religiösem Irrsinn umnebelten Argumente dabei auf wackeligen Beinen, so schreibt sie zum Beispiel: „Für den Gläubigen ist dieses sichtbare Zeichen kein Defekt, der einer Reparatur bedarf“, und meint dabei die nach der Beschneidung fehlende Vorhaut. Liebe Frau Charim, würden Sie auch noch so urteilen, wenn Sie eines Morgens feststellen, daß man Ihnen Klitoris und Schamlippen abgeschnitten hat? Kenne Sie eigentlich neben beschnittenen Männern, denen der Verlust nichts ausmacht auch welche, die sehr wohl ein Problem damit haben? Nun ich schon, und ich kann Ihnen versichern, sie hassen und verfluchen ihre Eltern oder machen ihnen zumindest heftige Vorwürfe. Denn nicht jeder möchte den Weg gehen, der von den Eltern vorgezeichnet ist, egal ob es sich dabei um die Religion oder andere Dinge handelt.
Weiter schreibt sie: „Solche Jahrtausende alten Praktiken – die die Kinder einer Gemeinschaft eingliedern und den Bezug zu den Ahnen garantieren soll – sind nicht durch einen richterlichen Beschluss aufzulösen.“ Sie meinen also, nur, weil Praktiken Jahrtausende alt sind, sind sie richtig und unveränderlich? Wenn dem so wäre, würden wir unser Feuer heute noch mit Feuersteinen entfachen. Ich halte es vielmehr für dringend notwendig, die alten, verstaubten Rituale immer und immer wieder neu zu hinterfragen und auf ihre Sinnhaftigkeit hin abzuklopfen.
Als nächstes folgt das Totschlagargument: „Dann wird die Durchführung der Beschneidungen wieder in die Gemeinden zurückverlegt: vom OP-Saal zurück auf den Küchentisch.“ Nur mal zur Erinnerung: Wir haben unter anderem Gesetze, die Vergewaltigung, Totschlag und Mord verbieten, und die auch nicht hundertprozentig funktionieren. Aber dürfen wir sie deshalb abschaffen? Es wird immer Menschen geben, die sich über Verbote hinwegsetzen, deshalb sollten wir aber trotzdem nicht darauf verzichten. Die Ausrede „Verbot sinnlos, weil dann immer noch …“ ist vermutlich so alt, wie die Verbote selbst und wird immer dann aus der Schublade geholt, wenn es darum geht, auf gute alte Gewohnheiten verzichten zu müssen. Zuletzt war das der Fall bei der Finanztransaktionssteuer („… dann weichen die ja auf andere Marktplätze aus!“), beim Rauchverbot („… dann gibt es ja noch so viel andere schädliche Stoffe, wie Alkohol und Autoabgase!“) und jeweils nach den verschiedenen Amokläufen der letzten Jahre, wenn wieder mal eine Verschärfung des Waffenrechts droht und die Waffenlobby erschrocken aus den kolonialen Ledersesseln aufspringt, mit dem „Argument“, es sei ja nicht die Waffe, die tötet, sondern der Mensch, der den Abzug drückt, und es gäbe ja außerdem noch Messer und Äxte und … und … und …
Das Verbot der Beschneidung ist richtig, es ist Körperverletzung von wehrlosen, schutzbedürftigen Kindern. Wenn sie volljährig sind und es für richtig halten, können sie sich immer noch frei für eine Beschneidung entscheiden. Eine Religion wird an einer Änderung dieser Rituale nicht zerbrechen. Vielmehr sollten sich Anhänger der betreffenden Religionen einfach mal Folgendes fragen: Wenn Gott oder Allah allmächtig, allwissend und weise ist, und in seiner unendlichen Weisheit den Mann erschaffen hat, wie er ist, und zwar mit Vorhaut, wird er sich nicht vielleicht etwas dabei gedacht haben? Könnte es sein, daß sie eine wichtige Funktion erfüllt und doch besser nicht abgeschnitten werden sollte? Wie weit darf Religionsfreiheit gehen? Wenn der Beschnittene sich später für eine andere oder gegen Religion entscheidet, ist er dann nicht in seiner Freiheit eingeschränkt, weil die fremdbestimmt entfernte Vorhaut nicht mehr nachwächst? Und in den Leserkommentaren zum Artikel von Isolde Charim hinterfragt Heribert Hansen sehr richtig: „Wenn ich also jetzt ’ne Religion gründe, deren Erkennungszeichen ist, dass schon kleinen Kindern die Ohren abgeschnitten werden, soll ich das dürfen?“
Mir hingegen drängt sich angesichts des Zeitungsartikels und meiner Beobachtung mit der zerbrochenen Vase nur eine Frage auf: Woher kommt nur diese in uns steckende Zerstörungswut? Dieses destruktive Zerschlagen und Abschneiden, ist das genetisch bedingt? Ist es vielleicht ein wichtiger Baustein für das Vorankommen der Evolution, dient es vielleicht auf besondere Art der Erhaltung der eigenen Spezies? Oder ist es letztendlich doch nur ganz gewöhnliche, handelsübliche Dummheit?
Und – nicht ganz passend zum Thema – aber auch wiederum nicht allzu weit davon entfernt, an all die religiösen Spinner (und damit meine ich auch Verbrecher von der Sorte George W. Bushs), die da meinen, sie müßten ihren allmächtigen (!) Gott/Allah verteidigen, in dem sie Andersdenkende und Ungläubige töten, eine einfache Frage: Wenn Ihr dereinst mal vor Euren Schöpfer tretet und dieser Euch fragt, „Welchen Teil von Du sollst nicht töten, hast Du eigentlich nicht verstanden, mein Sohn?“, was werdet Ihr ihm dann antworten?
Nachtrag vom 14. September: Ein Betroffener schreibt in der Taz über seine Erlebnisse mit und ohne. Ein Bericht der – sozusagen – unter die Haut geht.
