Weil wir gerade beim Thema Handy sind: Vor zehn Jahren war ich felsenfest davon überzeugt, ich benötige kein Handy, was nicht einmal gelogen war, denn keiner, den ich kannte, hatte ein Handy, wozu also selber eins anschaffen?
Irgendwann zeigte mir mein drittbester Kumpel – genau, der mit dem Eifon – mir sein nagelneues Siemens S25 mit Farbdisplay. Und sofort spürte ich in der Magengegend wieder dieses Kribbeln und Ziehen, was ich schon als Kind immer verspürte, wenn ich in der Berliner Berliner Straße vor dem Schaufenster des Spielzeugladens stand und genau wußte, daß ich mir das tolle bunte Spielzeug nicht kaufen können würde, weil die Zahlen in meinem Taschengeldheft viel kleiner waren, als die auf dem Preisschild. Oder wie dieses noch viel stärkere, fast schmerzhafte Kribbeln und Ziehen, das ich immer empfand, wenn ich im Intershop* zwanzig Zentimeter entfernt und doch aufgrund des Sicherheitsglases unerreichbar, die unschuldig blinkenden Lichter der damals hypermodernen Hifianlagen von JVC und Technics bewunderte, nicht etwa weil die Ziffern auf dem Preisschild nicht denen auf den bunten Scheinen in meinem monatlichen Briefumschlag entsprachen, sondern weil auf den Schildern ein kleiner, zusätzlicher Buchstabe stand, der auf den Scheinen fehlte. Ein D. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, daß es zwar auch im Osten Hifi-Anlagen gab, aber deren Charme unterschied sich von dem der blinkenden JVC-Anlagen in etwa so, wie der von Fahrrädern und Raumschiffen. Oder eben Eifon und Siemens S25.
Jedenfalls dauerte es keine halbe Stunde bis ich ebenfalls ein S25 in den Händen hielt, auch wenn es anfangs nur den Zweck erfüllte, das Kribbeln und Ziehen zu beseitigen.
Leider wurde unsere intime Zweisamkeit durch einen plötzlichen Unglücksfall auseinandergerissen. Beim Fahrradfahren verlor ich mein geliebtes Handy. Da dieses Modell zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr erhältlich war und die Nachfolger nur noch mit Schwarz-Weiß-Displays ausgestattet waren, rief ich bei Siemens an und fragte nach, ob es denn bald wieder ein Gerät mit Farbdisplay geben würde. Die Frage wurde verneint, mit der Begründung … Achtung, jetzt kommt der Knaller: Farbdisplays hätten beim Nutzer keine Akzeptanz und es gäbe keinen Markt dafür.
Nun, wenn man – wie bei Siemens – eine gigantische Personaleinstellungstestmaschinerie und am Ende trotzdem nur einfallslose, unkreative und armselige Mitarbeiter in wichtigen Positionen hat, darf man sich nicht wundern, wenn man irgendwann eine ganze Unternehmenssparte, wie das Mobiltelefongeschäft, dichtmachen muß. Sowas wie das Eifon hätte auch ein Technologiekonzern wie Siemens erfinden können.
* Wer den magischen und unvergeßlichen Intershop-Duft noch einmal erleben möchte, sollte seinen Teppich mal mit Sapur-Teppichpulver reinigen. Auch wenn sich die Rezeptur in den letzten Jahren wohl mal geändert hat, gleicht der aktuelle Duft doch noch sehr dem Intershop-Original.
