Liebe Parteien, es ist mal wieder soweit, und wie bereits vor über zwei Jahren versprochen, habe ich Euch nicht vergessen. Da Eure Parteienprogramme so reichhaltig und überzeugend sind, kann ich mich mal wieder nur schwer entscheiden, wem von Euch ich mein Kreuzchen schenken soll. Am besten ist es vielleicht, wenn ich Euch alle noch einmal etwas genauer unter die Lupe nehme, und zwar in alphabetischer Reihenfolge:
Liebe Bayernpartei,
also echt, Ihr Arschgeigen, das war ja wohl nix!
Liebes Bündnis 90
Mit den Grünen habt Ihr Euch zusammengeschlossen? Ausgerechnet mit denen?
Nee also wirklich, Sachen gibt’s …
Liebe CDU,
also echt, Ihr Arschgeigen, das war ja wohl nix! Na wenigstens haben sich Eure Parteiführer energisch um die Aufklärung des Skandals um die schwarzen Kassen bemüht. Ach nee, so’n Quatsch, das mit dem Kohl und seiner Weigerung, die Spender zu nennen, war ja ein ganz anderer Skandal.
Vielleicht finde ich ja noch eine andere positive Perspektive, die Eure … okay, nennen wir sie mal – „Christlich“ – Demokratische Union in einem besseren Licht erscheinen läßt? Vielleicht der Panzer-Deal mit Saudi Arabien? Nää …! Na gut, okay, immerhin hat sich da bei einigen CDU-Mitgliedern das Gewissen gemeldet. Vielleicht der Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg aus der Kernenergieversorgung? Die SPD hat es zusammen mit den Grünen auf den Weg gebracht, ihr hab es gekippt, zusammen mit den … mit der … äh … wie hieß die Partei gleich noch mal … irgendwas mit F … Und dann habt Ihr’s wieder rückgängig gemacht. Gibt es eigentlich sowas, wie einen Plan bei dem, was Ihr tut? Bei der Bankenrettung mit Steuergeldern, da hattet Ihr einen, stimmt’s, gelle? Och kommt schon, gebt’s zu! Einen dunklen, finsteren …
Liebe CSU,
Ihr Bayern, also ich weiß auch nicht, mit den Skandalen – vererbt sich sowas? Ich meine nur, weil das da unten bei Euch so gehäuft auftritt.
Ach halt, ich hab noch was: Also – die Erde ist keine Scheibe! Und Bayern nicht der Mittelpunkt der Welt! Das mag in den Ohren von solch strenggläubigen Christen vielleicht blasphemisch klingen, aber Ihr müßt mir ja nicht glauben, überzeugt Euch einfach selbst davon.

Liebe F… F…
äh … verdammt, … wie hieß doch gleich noch mal diese Partei mit dem F? F… F… F…, irgendwas mit F.
Ääähhh … die hatte doch da, als sie neulich an die Macht kam, gleich die Mehrwertsteuer für Hotels gesenkt. Und der Parteivorsitzende hatte arbeitslosen Hartz-4-Empfängern spätrömische Dekadenz vorgeworfen. Und dann waren da noch diese Spendentricksereien. Und die falschen Doktortitel – Mathiopoulos, Kotz-Merin und Chatzimarkakis. F… F…
Hach verdammt, ich komm nicht drauf!
Liebe Graue Panther!
Vielen Dank, daß Ihr …
Hallo? Nein, für mich keinen Kaffee. Nein, auch keine Kuchen, danke. Nein, ich bin nicht Thomas, Ihr Pfleger. Ja, ich weiß, er hat immer so wenig Zeit. Was? Ach das ist Ihre Enkelin? Nein, ich will sie nicht heiraten, ich kenne sie doch gar nicht, jaaa-nein-doch, sie ist schon sehr hübsch. Ihre Tabletten holen? Welche von denen sind es denn? Ach … so, bitte schön. Nein, ich bin nicht der Pfleger.
Also, liebe Graue Panther,
vielen Dank, daß … Ihre Enkelin, ja sehr hübsch. Also vielen Da…, bitte? Aber ich hab Ihnen doch gerade die Tabletten … Ach so, ein Kriegsleiden. Jaja, 1945, is‘ klar.
Öhm … liebe Gr…
Jaja, nein … nicht heiraten.
Sooo, ich glaube, für mich wird’s jetzt Zeit.
Jaaa doch, Thomas kommt gleich!
Ich muß jetzt.
Wirklich, ich muß los!
Tschüssi!
Liebe Grünen,
Du alte Antikriegspartei Du. Ihr seid vielleicht ein paar Typen: Erst mit Kindern kuscheln und gleich anschließend Bomben auf Jugoslawien schmeißen. Und den guten, sauberen Atomstrom hab Ihr auch abgeschafft, weshalb ich nun ständig das teure Benzin tanken muß. Mit einem eigenen Kernreaktor würde mein Lieblingsspielzeug bestimmt tausend Mal so weit kommen. Wenn’s nach Euch ginge, würden wir wohl alle wieder im Wald auf Bäumen leben …
Ach ja – fast vergessen: Danke für Hartz 4, Ihr Säcke! Mitgefangen – mitgehangen. Aber dazu komme ich gleich noch mal.
Liebe Linke,
Danke für die vergurkte Chance einer an sich recht guten Idee – einer gleichberechtigten, klassenlosen Gesellschaft. Da kommt das Proletariat einmal im Laufe der Menschheitsgeschichte an die Macht und was macht ihr daraus? Nur Übel und Elend! Ist Euch eigentlich klar, daß wegen Euch die ganzen gefallenen Helden der Revolution umsonst gestorben sind?
Schämt Euch, Ihr Torfköpfe!
Liebe NPD!
Vielen Dank für … och nöö.
Ach doch: Vielen Dank für die 60 Millionen Toten des zweiten Weltkriegs. Danke auch für ein halb verwüstetes Europa und nahezu ausgelöschte deutsche Städte. Wenn ich mir auf alten Fotos anschaue, wie schön Berlin mal vor dem Krieg aussah, treibt es mir die Tränen in die Augen! Und schiebt die Schuld jetzt bitte nicht den Engländern und Amerikanern in die Schuhe! Wir haben schließlich angefangen!
Glücklicherweise sind Rechtsextreme auch heute noch doof genug, sich noch immer mit den gleichen oder ähnlichen Symbolen und Ritualen zu schmücken. So erkennt man sie wenigsten gleich und geht ihnen nicht auf den Leim. Und solange bei NPD-Aufmärschen mehr Gegendemonstranten als Sympathisanten aufmarschieren, mache ich mir keine Sorgen.
Für den äußerst unwahrscheinlichen Fall, daß Ihr die Wahl auch dieses Mal wieder nicht gewinnt, ärgert Euch nicht, holt Euch einfach eine Scheibe gute Laune mit den Stimmungshits der 40er und träumt weiter von alten Zeiten.
Liebe SPD,
und jetzt zu Dir, Du alte Arbeiterklassenverräterin Du! Danke für Hartz 4! Hab Ihr eigentlich eine Statistik, wie viele Menschen daran zerbrochen sind und sich vielleicht sogar das Leben genommen haben? Nennt Ihr das vielleicht „sozial“? Das vergesse ich Euch nie! Niemals wieder wird mein Kreuzchen neben Eurem Namen stehen, Ihr Verbrecher!
Und was soll das eigentlich mit dem Steinbrück, meint Ihr das wirklich ernst? Der beste Kumpel der Finanzindustrie soll Bundeskanzler von Deutschland werden? Schon mal seinen Lebenslauf bei Lobbypedia gecheckt? Von wegen „Kontrolle der Finanzmärkte“.
Wer hat eigentlich den verdammten Euro eingeführt? Da wart Ihr doch auch gerade an der Macht oder? Ach was soll’s, ich schieb Euch das jetzt einfach mal auch noch mit in die Schuhe, kommt eh nicht mehr drauf an.
Und gleich noch meine herzlichsten Glückwünsche zum 150. Geburtstag hinterher, Otto Stransky und Julian Arendt haben Euch ein Ständchen komponiert. Und zwar schon vor über 80 Jahren.
Was bleibt also als Fazit? Eine politische Klasse, die sich einen Dreck schert um die Belange der Bevölkerung, die von Skandalen, Korruption und Unfähigkeit verseucht ist und mit Vorliebe und ohne Scham Steuergelder verpraßt, für Flughäfen, Opern, Bahnhöfe oder praktisch in die eigene Tasche. Willkommen im Selbstbedienungsladen! Eine Klasse, die am Interesse des Gemeinwesens vorbei kommunales Eigentum verstaatlicht, bis hin zum Trinkwasser. Die wie besinnungslos die Einheit Europas vorantreibt (die es eigentlich mit der EWG bereits gab), ohne Rücksicht auf Verluste, die entgegen aller Warnungen den Euro einführte, ohne die Mitgliedsstaaten gründlich zu überprüfen, die geschlossene Verträge bricht und stattdessen anfängt, mit Unsummen in Schieflage geratenen Staaten zu retten, die ihrerseits vorher die durch Zockerei in Schieflage geratenen Banken gerettet haben. Die ohne vorherige Angleichung des Lebensniveaus in den beteiligten Ländern die Grenzen öffnete und so für eine beispiellose Schwemme an Kriminalität verantwortlich ist, zum Beispiel in den Bereichen Prostitution, Diebstahl sowie Raubüberfälle und Einbrüche. Das ist so, als würde man erst die Käfigtür öffnen und danach den Löwen zähmen. Aber wie komme ich jetzt ausgerechnet auf Löwe? Naja, egal …
Hab ich eigentlich jemanden vergessen? Ach ja, es gibt ja noch einen Newcomer: Die „Alternative für Deutschland“. Das Wahlprogramm liest sich ja ganz vernünftig: Langfristige Abschaffung des Euro, Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild und eine Stärkung demokratischer Bürgerrechte. Nun ja, Papier ist geduldig. Aber schlimmer als die anderen können die es auch nicht machen, immerhin handelt es sich um kluge Leute, Professoren, Doktoren … zumindest bis zur nächsten Plagiatsaffäre.
Schauen wir mal, ein paar Wochen sind es ja noch bis zur Wahl. Genügend Zeit, den Bleistift zu spitzen. Für das alles entscheidende Kreuzchen …
Nachtrag vom 29. August:
Liebe Piraten,
da hat mich doch gerade ein höflicher Sprockhöveler darauf hingewiesen, daß ich Euch in meinem Wahl-o-mat glatt vergessen habe! Wie peinlich! Und zwar für Euch nicht weniger als für mich. Das bedeutet nämlich, daß die Medien Euren Schlingerkurs ein bißchen aus dem Fernrohr verloren haben. Vielleicht nehmen die Euch ja wegen Eurer ständigen innerparteilichen Kielholerei nicht mehr so richtig ernst? Buschi, mein ehemaliger Staatsbürgerkundelehrer, würde sagen: „Denen fehlt die straffe Hand!“
Dabei fand ich die frische Brise, mit der Ihr das politische Flachwasser ein wenig zum Sprudeln gebracht habt, gar nicht schlecht. Ganz besonders Euren Einsatz für das Bedingungslose Grundeinkommen finde ich zum Schiffeversenken genial. Damit würde ich mich sofort in Dubai an den Strand legen und nie wieder aufstehen. Vorausgesetzt, ich bekomme ’ne Hotelflatrate. Oder Ihr schickt mich dort einfach als neuen Botschafter hin, wenn Ihr die Wahl gewinnt. Dafür verspreche ich Euch, daß uns allen der Schiffsdiesel niemals ausgehen wird!
Ach Quatsch, Ihr segelt ja lieber …
