Stellt Euch mal vor, Ihr erbt einen Schatz! Der steht in Form von verrosteten Autoteilen in Opas altem Schuppen, überall Löcher, die Räder hängen auf halb Acht, die Sitze müffeln zum Davonlaufen, aber es ist nun mal der Klassiker überhaupt, keiner ist schöner, keiner begehrenswerter, genau der muß es sein.
Also nehmt Ihr all Euer Geld, all Euren Mut zusammen und fangt an, ihn zu restaurieren. Ihr lest Bücher, recherchiert im Internet, trefft Leute, die Ahnung davon haben. Und dann geht es los, die Karosserie wird abgeschliffen, geschweißt, gespachtelt, grundiert, lackiert. Nach fehlenden Teilen sucht ihr halb Europa ab, bezahlt horrende Summen für eine Türklinke, findet hier ein Ersatzteil für den Tacho, dort ein Blech, welches aber erst mal beim Galvaniseur neu verchromt werden muß. Der Motor wird komplett zerlegt, gewartet und wieder zusammengesetzt, ein neues Getriebe muß auch noch her. Der Polsterer kümmert sich um die Sitze, neue Füllung, feinstes Leder – ein Traum! Und nach unzähligen Arbeitsstunden und einem Haufen Geld nimmt das Projekt langsam Gestalt an. Der herrliche 300 SL blinkt und blitzt wie ein neuer Penny, bis … nun ja – bis auf den Kofferraum. Der ist leider so verbeult und durchlöchert, daß ein neuer her muß. Aber kein Problem, wir nehmen einfach ein SL-Modell aus der aktuellen Serie, sägen dort den kompletten Kofferraum ab und schweißen ihn an das alte Modell dran. Eine absolut perfekte Lösung … oder? Wohl eher nicht! Kein Mensch käme auf die Idee, ein historisches Fahrzeug so zu verunstalten.
Doch wie sieht es da in anderen Branchen aus? Auch bei der Rekonstruktion eines hunderte Jahre alten Deckengemäldes einer Kirche käme wohl kein Restaurator jemals auf die Idee, neunzig Prozent des kostbaren Werkes originalgetreu wiederherzustellen und die restlichen zehn Prozent mit moderner Micky-Maus-Kunst zu überpinseln, dilettantische Versuche durch Laien mal außen vor gelassen. Auch ein Uhrmacher würde sich wohl eher die Finger abschneiden, als eine wertvolle historische Uhr mit einem modernen Quarzwerk zu verunstalten.
Schon merkwürdig: Bei all den Kostbarkeiten gehen Fachleute klug, behutsam und umsichtig vor, um den Kunstwerken nicht zu schaden. Aber bei Architektur gelten diese Regeln anscheinend nicht. Wie sonst wohl läßt sich die moderne und zum alten Gebäudestil völlig unpassende Kuppel des Reichstags erklären, oder die teilweise verunstaltete, künstlich in defektem Zustand belassene Fassade des wiederaufgebauten Neuen Museums, mit welcher der Architekt an die Kriegsschäden erinnern wollte.
Und nun also das Berliner Stadtschloß: Das allein schon die Wiedererrichtung der Außenfassade beispiellos teuer werden dürfte, ist kaum verwunderlich, die vielen Stuckelemente werden den Aufwand wohl erheblich in die Höhe treiben. Wenn dann also das Geld fehlt, um auch die Innenräume originalgetreu zu rekonstruieren, habe ich dafür absolut Verständnis – lieber das von außen echt aussehende Stadtschloß als perfekten Abschluß des architektonischen Gesamtwerkes der Straße Unter den Linden, anstatt den häßlichen Palast der Republik. Und bevor hier jemand ’nen Herzkasper kriegt – auch ich habe als Kind staunend auf den riesigen roten Ledercouches gesessen, die vielen Gemälde bewundert, die unterschiedlich farbigen Etagen zu entschlüsseln versucht, Bowling gespielt, in der Disko unerreichbar wirkende Mädchen angebetet und im großen Saal mit seinen beweglichen Zuschauertribünen Tränen gelacht bei „Spaß muß sein“ mit Eberhard Esche als Conférencier. Trotzdem weine ich dem eckigen, braunen Klotz keine Träne nach.
Aber was bitte hat sich der Architekt dabei gedacht, dem Schloß an der Spreeseite einen modernen Abschluß zu verpassen? Ist das so eine Art Rache, weil er im Grunde genommen doch nur das Gebäude eines anderen Architekten wiederaufbauen darf? Oder vielleicht die Angst eines jeden Egomanen, daß die Geschichtsbücher seinen Namen verschweigen werden, so wie ich das hier gerade tue? Oder sind es einfach nur ganz normale, handelsübliche Dummheit und Geschmacklosigkeit, wie man sie an jeder Ecke findet?
Derzeit hat sich der Architekt Stephan Braunfels noch einmal mit seinem Entwurf eines nach Osten hin offenen Areals zu Wort gemeldet. Auch dieser ist nichts anderes als ein 300er SL ohne Kofferraum. Aber besser so, als der moderne Schwachsinn des Siegerentwurfs, bei dem sich zukünftige Generationen mal wieder kopfschüttelnd fragen werden, was die Ahnen damals wohl für Kraut geraucht haben. Und vor allem, wieso der Denkmalschutz mal wieder versagt hat.
