Mitte der Achtziger ging ich mal in eines der volkseigenen Schallplattengeschäfte, die in ihrem für normalsterbliche DDR-Bürger zugänglichen Kundenbereich auch fast nur Tonträger von volkseigenen Musikern im Angebot hatten. Die aus verschiedenen Gründen begehrteren Produkte des westlichen Auslands gab es nämlich nur in den Regalen der hinteren Räumlichkeiten. Als damals im Handel beschäftigter Auszubildender hatte ich plötzlich Beziehungen in alle möglichen Branchen und konnte einmal einen Blick in die versteckten Regale werfen, von AC/DC bis fast zum oberen Ende des Alphabets war alles vorhanden. Mich interessierte aber mehr ein Album der mir unbekannten Band Omega aus Ungarn, ein Livealbum, aufgenommen 1979 im Budapester Kisstadion. Das ungewöhnlich glänzend folierte Cover und die attraktive Gestaltung lockten mir doch tatsächlich mein sauer erspartes Taschengeld aus dem Portemonnaie, ohne daß ich auch nur einen einzigen Titel probegehört hätte. Da kann man mal wieder sehen, wie wichtig gutes Design ist!
Und ich wurde nicht enttäuscht: Zu Hause angekommen, stöpselte ich den Monoplattenspieler meiner Eltern mit meinem eigenen Monoplattenspieler zusammen, steckte den linken Kopfhörerstecker in den einen und den rechten in den anderen Plattenspieler (DDR-Kopfhörer hatten spezielle Stecker) und konnte die Platte plötzlich in phänomenalem Stereo hören. Phänomenal deshalb, weil die Tontechniker bei diesem Livealbum ganze Arbeit geleistet haben. Das Publikum ist nämlich nicht nur als menschliche Geräuschmasse im Hintergrund zu hören, sondern die Fans sind so fein aufgelöst, daß man einzelne Rufe und chorbildende Grüppchen deutlich heraushören und dem Stereospektrum zuordnen kann. Dazu spielt die Band ihre Songs nahezu in Studioqualität, sodaß sich insgesamt eines der besten Livealben ergibt, die je produziert wurden.
2002 wuselte ich durch die Plattenabteilung bei Saturn und fand dieses Album als Doppel-CD im Regal, allerdings hatte ich es wegen meines am nächsten Tages startenden Malediven-Urlaubs sehr eilig, sodaß ich beschloß, die CD nach meinem Urlaub zu kaufen.
Böser Fehler! Ich sollte die CD danach nie wieder zu Gesicht bekommen, die Auflage war nur gering und sofort vergriffen, selbst auf dem Gebrauchtmarkt ist sie nicht zu bekommen, nicht mal für teures Geld. Irgendwann kaufte ich die ähnlich aussehende CD mit dem Titel „Live at the Kisstadion“, gab etwa 80 Euro dafür aus, um dann enttäuscht festzustellen, daß es sich um das Livekonzert mit darübergelegten, englischsprachigen Studioaufnahmen handelte, natürlich in grauenhafter Qualität. Die CD wanderte sofort wieder für 90 Euro zu Ebay.
Etwas später hatte ich das Warten auf ein Wunder satt und digitalisierte mit hohem Aufwand die Schallplatten, entfernte manuell jedes Knistern und Rauschen, fügte die vier Seiten unhörbar zu einem durchgängigen Konzert zusammen und mischte den Sound so ab, daß er den wenigen Stellen der CD entsprach, die nicht von den englischsprachigen Gesangseinlagen überlagert wurden. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, die digitalisierte Fassung erinnerte kaum noch an die klanglichen Schwächen einer Schallplatte.
Und heute nun geben ich im iTunes-Store mal aus Neugierde den Suchbegriff Omega ein, und was haben die da? Die digitale, ungarischsprachige Originalfassung von Kisstadion 79! Also wer gute Rockmusik aus den Siebzigern mag, sich von der ungarischen Sprache nicht abschrecken läßt und eine gute, laute Stereoanlage sowie tolerante Nachbarn sein eigen nennt, sollte sich dieses hervorragende Livealbum mit seinen langen, melodiösen Stücken ruhig mal zu Gemüte führen. Denn liver geht’s nicht.
Ejfeli koncert/Mitternachtskonzert
Herzerschütternder Sonnenuntergang hinter dem Kessel,
wo vor dem Konzert uns zehntausend erwarten.
Weiter hinten bei den Kulissen
schüttelt ein älterer Mann seinen Kopf und schenkt sich noch mal ein.
Zehntausend Herzen trommeln gemeinsam,
die Töne explodieren.
In der aufleuchtenden Nacht scheint es,
als ob zehntausend Stühle sich zueinander neigten.
Der Nebelzauber ist aus, nur eins bewegt uns.
Runter von der Bühne, wieder auf die Erde.
Der zeitungsbleiche Mond scheint,
alles ist ausgestorben. Der Abend ist für immer vergangen.
Es leben so viele Menschen auf der Erde,
so müde wie ich ist keiner.
Ich schau auf ein zerknittertes Foto von uns,
es liegt auf der Erde. Der Wind hebt es dann sanft empor.
