Heute geht eine Ära zu Ende: Der Flughafen Tegel wird für immer geschlossen. Dieser so praktische Stadtflughafen, prima erreichbar, besonders für die Nordberliner, war schon zu Lebzeiten eine Legende, um die bis zuletzt heftig gestritten wurde. Ende der Vierzigerjahre diente er als Ziel für die Luftbrücke, mit welcher das von der sowjetischen Besatzungszone abgeriegelte Westberlin aus der Luft versorgt wurde. In den Neunzigern gab es eine erste Volksbefragung um das weitere Schicksal des Standorts, die zugunsten Schönefelds und des BER ausging. Damals hatte ich für Tegel gestimmt, einfach wegen der guten Erreichbarkeit. Nach Schönefeld ist man von Pankow aus nämlich dreimal so lange unterwegs. Im Nachhinein habe ich mich darüber geärgert, denn wie oft fliegt man schon weg? Den Lärm der Maschinen hat man hingegen jeden Tag in den Ohren. Zeitweise alle zwei bis drei Minuten. Und in den letzten Jahren sogar bis weit nach Mitternacht. Wie muss es erst den Menschen ergangen sein, die nur wenige hundert Meter von der Landebahn entfernt wohnten, wo ihnen die riesigen Brummer im Tiefflug direkt über die Köpfe donnerten?
Ich gehörte zu denjenigen, die ein halbes Jahrhundert lang direkt in der Einflugschneise wohnten. Direkt über mir klappten die Flugzeuge ihre Fahrwerke aus. Dabei waren sie bereits so tief, dass man die Namen der Fluggesellschaften erkennen konnte. Was für Kinder noch ein spannender Spaß ist, wird mit zunehmendem Alter und permanent ansteigender Ruhebedürftigkeit allmählich zum Problem.
In der Schule sahen wir die Air Force One mit Präsident Reagan an Bord landen. Und wir sahen die Concorde starten. Majestätisch zog sie direkt über unser Schulgebäude und sah mit ihren ungewöhnlichen Deltaflügeln aus wie von einem anderen Stern. Nicht erwähnenswert ist der Umstand, dass unsere Klassenlehrerin es nicht vermochte, uns auf den Plätzen zu halten. Bei derartigen Ereignissen stürzten wir Schüler natürlich sofort an die Fenster.
Den letzten Kampf inszenierte die Berliner FDP mit dem festen Willen, Tegel weiterhin offenzuhalten. Dabei ignorierte sie anscheinend alle rechtlichen Hintergründe, denn zu diesem Zeitpunkt war das Ende bereits beschlossene Sache und unumkehrbar. Die notwendige Sanierung hätte außerdem Unsummen verschlungen.
Heute nun starten die letzten Maschinen. In Zukunft werden sie das in Schönefeld tun. Damit haben nun die Südberliner das Problem. Mindestens für die nächsten fünfzig Jahre. Dafür mein aufrichtiges Beileid!
Nachtrag von 17 Uhr: Das letzte Flugzeug überflog uns gegen 15.41 Uhr und wurde von vielen Pankowern mit heftigem Feuerwerk verabschiedet. Der Albtraum ist endlich zu Ende. Zumindest für Pankow.

