Das Unternehmen, in welchem ich derzeit mein Unwesen treibe, hatte Besuch. Ein hochqualifiziertes Team von Sicherheitsexperten durchschnüffelte unsere Geschäftsräume und bekam dabei einen Herzkasper nach dem anderen. Obwohl es der Firma auf vollkommen unerklärliche Weise bereits mehr als 20 Jahre lang gelungen ist, zu existieren, ohne dass einem Mitarbeiter auch nur versehentlich ein Haar gekrümmt wurde (denn wenn einer unbedingt auf Haarkrümmung besteht, sind wir selbstverständlich nicht zimperlich), verzweifelten diese Experten an einer so hohen Fettnäpfchenquote, dass sie sicherheitshalber fast das Gebäude abgerissen und ganz Berlin evakuiert hätten:
Fettnäpfchen 1: Die sicherheitstechnische Betreuung war nicht sichergestellt. Ein Fauxpas erster Kajüte! Es muss nämlich unbedingt jemand verantwortlich sein, der sicherstellt, dass elektrische Geräte, die bereits auf „Hertz und Nieten“ geprüft wurden (was auch dank CE-Zertifizierung für jeden erkennbar ist), im jährlichen Rhythmus erneut überprüft werden. Und der die Mitarbeiter über Gefahren im Umgang mit gefährlichen Stoffen aufklärt, für den Fall, dass sie das üblicherweise aufgedruckte Warnschild nicht lesen können. Auch müssen die Mitarbeiter darüber informiert werden, wo die feuerroten, kaum zu übersehenden Feuerlöscher hängen, falls es mal brennt. Und zwar immer und immer wieder, was stets durch Unterschrift zu quittieren ist.
Bloß nicht vergessen – die Leiter! Wehe, jemand benutzt die Leiter ohne Einweisung! Dann ist aber mächtig der Larry los! Die Leiter muss übrigens auch einmal jährlich auf Sicherheit überprüft werden. Natürlich nicht von irgendwem, sondern von einer entsprechend geschulten Fachkraft. Da wir diese nicht im Unternehmen haben, müssen wir entweder eine „leiternde“ Fachkraft zu uns bitten, was viel Geld kostet, oder die Leiter zur Fachkraft hinbewegen, was noch mehr Geld kostet, denn das lange Klappgestell passt in kein handelsübliches Auto, wir müssten also erst einen Transporter mieten, der natürlich auch bezahlt und betankt sein will. Und das alles für eine Leiter aus veredeltem Stahl, die meistens ungenutzt in der warmen, trockenen Ecke steht, wohl selbst unter dem Gewicht der gesamten Belegschaft keinen Schaden nehmen würde und sogar ungeprüft diese unendlich lange überleben wird. Dasselbe gilt übrigens für die beiden Feuerlöscher. Sie müssen alle zwei Jahre geprüft werden, was teurer sein dürfte, als einfach neue zu kaufen.
Fettnäpfchen 2: Die betriebsärztliche Betreuung war nicht sichergestellt! Ein verstörender Fehltritt ohne Gleichen! Gott behüte, dass ein Mitarbeiter krank wird! Dann steht der Betriebsarzt dem Unternehmen jederzeit zuverlässig, beratend und betreuend zur Seite. Früher hätte man den Notarzt gerufen oder den armen Mitarbeiter zu seinem Hausarzt geschickt. Doch das reicht heute natürlich nicht mehr! Mehr muss es sein, koste es, was die Firmenkasse hergibt.
Fettnäpfchen 3: Es wurde keine Beurteilung der Arbeitsbedingungen durchgeführt. Diese auch als Gefährdungsbeurteilung bezeichnete Maßnahme dient selbstverständlich dem Wohle des Mitarbeiters! Sie stellt zum Beispiel sicher, dass er beim versehentlichen mittagsschläfrigen Einnicken stets mit dem Kopf auf einem weichen Kissen landet und nicht etwa auf der harten Schreibtischplatte. Oder dass die Azubis nur mit ungefährlichen Kunststoffkugelschreibern in der Steckdose herumpulen und dann auch bitteschön nur am Nullleiter und nicht an der stromführenden Ader.
Fettnäpfchen 4: Die Fluchtwege waren nicht ausreichend gekennzeichnet. Teufel aber auch! Die einzige Ausgangstür, die jeder im Büro in Sichtweite hat oder direkt um die Ecke liegt, war hinter der Ecke nicht durch Hinweisschilder gekennzeichnet! Interessanterweise haben die sogenannten Sicherheitsexperten ein echtes Problem damit. Sie haben aber erstaunlicherweise kein Problem damit, dass die Hinweisschilder, die wir inzwischen nachgerüstet haben, vorschriftsmäßig weit oben hängen, aber möglicherweise wegen intensiver Rauchentwicklung im Brandfall gar nicht gesehen werden können, denn Rauch steigt nach oben und sammelt sich unter der Decke.
Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich all diese fehlenden Kompetenzen anzueignen. Entweder, der Geschäftsführer belegt verschiedene kostenpflichtige Kurse, die selbstverständlich in regelmäßigen Abständen wiederaufgefrischt werden müssen, oder man stellt eine entsprechend ausgebildete Fachkraft ein, die vermutlich nach einer kurzen Zeit voll blindem Aktionismus aus Langeweile anfangen wird, in der Nase zu bohren. Oder aber man verpflichtet eine externe Sicherheitsfachkraft, die das Unternehmen gründlich auseinandernimmt.
Da natürlich kein Geschäftsführer der Welt genug Zeit hat, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen oder Leute einzustellen, die kostbare Firmengelder und gleichzeitig wertvolle Lebenszeit mit Rhinotillexomanie vergeuden, hat sich rund um das geschäftliche Treiben der hart arbeitenden Bevölkerung so eine Art Schmarotzertum entwickelt, also jene Spezies, die sich vom Geld fremder Menschen ernährt, und zwar bei geringstmöglichem Aufwand.
Wir haben die Firma Schlenz & Schluff* mit der Betreuung beauftragt. Von dieser kam auch der Hinweis auf die vorgeschriebenen Leiterprüfungen. Und auf die vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung für Schwangere, selbst wenn gar keine Frauen im Unternehmen angestellt sind. Und dass die Kaffeemaschine regelmäßig entkalkt werden muss. Nein, das ist leider kein Witz.
Den gemäß §11 ASiG zu bildenden Arbeitsschutzausschuss konnten wir glücklicherweise geradeso abwenden – die dafür erforderliche Mindestmitarbeiterzahl wurde noch nicht erreicht.
Sicher – Sicherheit ist wichtig! Niemand möchte verletzt werden oder sterben. Aber muss deswegen alles bis ins kleinste Detail reglementiert sein? Kann man nicht auch mal dem gesunden Menschenverstand vertrauen? Wer zu dumm ist, ein Etikett zu lesen, bevor er sich den ätzenden Rohreiniger ins Auge kippt, der wird auch keine Betriebsanweisung beachten, selbst wenn sie rot leuchtend ausgedruckt mit Schnipsgummi so um die Flasche gewickelt ist, dass man sie nicht mehr öffnen kann, ohne den Ausdruck vorher zu entfernen. Und so jemand wird selbst dann von der Leiter fallen und sich den Hals brechen, weil er zu blöd ist, sie richtig aufzustellen, wenn diese vom leitenden Bundessicherheitsoberguru höchstpersönlich überprüft und zertifiziert wurde. Manche Menschen wollen es halt nicht anders und sehen ihren einzigen Lebenssinn darin, sich für den Darwin Award zu qualifizieren.
Das Arbeitsschutzgesetz fordert seit 2013 übrigens auch die Berücksichtigung psychischer Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung. Ich finde, das ist auch dringend nötig, denn von den immer irrsinniger werdenden übertriebenen Regulierungen bekommt man nämlich heftige Depressionen.
* eventuelle Ähnlichkeiten mit real existierenden oder bereits untergegangenen Unternehmen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt

