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Willkommen im Irrenhaus!

Schon seit einiger Zeit komme ich mir vor, wie in der Freiluftklapse. Überall nur noch Verrückte. Ich finde das in höchstem Maße beunruhigend, denn wenn man auf der Autobahn unterwegs ist und lauter Geisterfahrer entgegenkommen, ist man vielleicht selbst der Geisterfahrer.
     Bin ich also der Verrückte? Oder wird die Welt um mich herum immer verrückter?
     Als vor Kurzem der senil-konfuse Joe Biden verkündete, die Russen würden in die Ukraine einmarschieren, hielt ich diese Nachricht für das wirre Gefasel eines alten, kranken Mannes. Die ironische Bemerkung der russischen Außenamtssprecherin, Maria Sacharowa, bestärkte mich in meiner Überzeugung: „Bitte veröffentlichen Sie eine Liste unserer Invasionstermine, damit ich meinen Urlaub planen kann“. Wenige Tage später begann der Krieg. Ein überraschender Schock für die ganze Welt, genau wie die völkerrechtswidrige Annexion der Krim vor etwa acht Jahren. Bereits damals beeindruckte mich die kompromisslose Haltung Russlands, seine nationale Sicherheit notfalls auch mit Gewalt zu verteidigen. Der ebenso kompromisslose Versuch des Westens unter Führung der USA, die Ukraine auf seine Seite zu ziehen, endete mit der unvermeidlichen Einnahme dieser militärstrategisch so wichtigen Halbinsel. Niemals hätte Russland freiwillig auf den Flottenstützpunkt Sewastopol verzichtet, denn er garantiert über Istanbul einen schnellen Zugang zum Mittelmeer, und über Gibraltar in den Nordatlantik. Die einzige Alternative wäre ein riesiger Umweg über die nördliche Barentsee und das Europäische Nordmeer gewesen. Im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen NATO und Russland ein gewaltiger militärischer Nachteil für Russland. Stattdessen hätte die NATO diesen wichtigen Hafen übernommen und ihre atomwaffenfähigen Schiffe und U-Boote dort geparkt, direkt vor der russischen Haustür. Atomraketen direkt nebenan, und praktisch ohne Vorwarnzeit, nur wenige Flugminuten von Moskau entfernt.
     Ich hatte die Situation damals bereits in meinem Debütroman „Erdenend – Das Ende der Welt“ beschrieben: Ein geopolitisches Schachbrett, bespielt von zwei Gegenpolen. Macht eine Seite einen Zug, so muss die andere reagieren. Die schlechter spielende Seite verliert das Spiel, was im realen Leben verheerende Konsequenzen für Millionen von Menschen nach sich zieht, wie sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zeigte.
     Gorbatschows Nachfolger Jelzin, ein korrupter Trunkenbold, verhökerte das ehemalige Volksvermögen an die heutigen Oligarchen (die sich um Steuern drückten) und auch an westliche Unternehmen. In der Folge ging es der normalen Bevölkerung schlecht, Löhne und Gehälter konnten nicht mehr bezahlt werden, der Staat verfiel zusehens. Erst Putin stoppte das Treiben mit harter Hand und brachte das Land wieder einigermaßen ins Lot.
     Leider lernte der Westen nichts aus der Krim-Krise und machte munter weiter. Als immer mehr ausländische Waffen in der Ukraine landeten und Präsident Selenskyj zuletzt von atomarer Aufrüstung faselte, war das Maß anscheinend voll.
     Krieg ist die schlechteste Form aller Problemlösungen. Aber was, wenn kein anderer Weg bleibt? Wenn die eigene Existenz auf dem Spiel steht? Was tut man, wenn der stadtbekannte Schläger immer näher rückt? Sich bewaffnet? Seine Freunde um sich schart, die kämpferischen Fähigkeiten direkt vor meiner Haustür austestet? Wie würden die USA reagieren, wenn Russland zusammen mit ehemaligen Warschauer-Vertrag-Staaten militärische Manöver in Kanada oder Mexiko, dicht an der amerikanischen Grenze abhalten würde? Die Antwort darauf liefert ein Rückblick auf die Kubakrise.
     Nun, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, zeigt der Krieg auch hierzulande seine hässliche Fratze. Ein Restaurant bedient keine Russen mehr, ein russischer Dirigent verliert seinen Job, selbst die bekannte Opernsängern Anna Netrebko traf der Bannstrahl, obwohl sie sich bereits vom Krieg distanziert hatte. Was bitte haben diese Musiker mit dem Krieg zu tun? Haben sie ihn begonnen? Haben sie die Waffen gezückt und sind mit Pauken und Trompeten in die Ukraine einmarschiert? Gestern waren es noch die Ungeimpften, heute knöpfen wir uns jeden vor, der russisch ist. Sippenhaft im Jahr 2022. Schon bei Nazis und Kommunisten eine überaus beliebte Methode.
     Jetzt sollen sogar russische Oligarchen enteignet werden. Nicht, dass ich was dagegen hätte, wenn die Superreichen mal etwas abgeben müssen. Aber gibt es nicht Gesetze, die Vermögen schützen? Die verhindern sollen, dass der Staat selbst zum Wegelagerer wird? Anscheinend scheren sich unsere Politiker nicht mehr um Recht und Ordnung. Das bewies kürzlich Kanzler Olaf Scholz, als er Waffenlieferungen an die Ukraine verkündete, was rechtswidrig ist. Und nun werden auch noch russische Medien verboten. RT Deutsch und SNA (ehemals Sputnik, ein Magazin, das Gorbatschows Glasnost und Perestroika als erstes in die DDR brachte und deswegen verboten wurde), dürfen in der gesamten EU nichts mehr veröffentlichen. Wer unliebsame Informationen verbreitet, wird abserviert. Auch das war bereits eine beliebte Methode von Nazis und Kommunisten. Es zählen weder das deutsche Grundgesetz, Artikel 5, noch die EU-Charta, Artikel 11. Letztere ist übrigens besonders schlau formuliert. Erst heißt es großspurig: „Jede Person hat das Recht auf freie Meinungsäußerung. Dieses Recht schließt die Meinungsfreiheit und die Freiheit ein, Informationen und Ideen ohne behördliche Eingriffe und ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen zu empfangen und weiterzugeben.“, um dann gleich einschränkend anzuhängen: „Dieser Artikel hindert die Staaten nicht, für Hörfunk-, Fernseh- oder Kinounternehmen eine Genehmigung vorzuschreiben.“ Oder anders formuliert: Du kannst schreiben, was Du willst, außer ich genehmige es nicht. Täusche ich mich oder müffelt es da irgendwie diktatorisch-totalitär zwischen den Zeilen?
     Wer sich nun angesichts dieser Zensur hämisch ins Fäustchen lacht, weil die „Russischen Propagandatröten“ endlich zum Schweigen gebracht wurden, dem empfehle ich einen Blick zurück auf den Untergang der DDR. Sie brach nicht zusammen, weil die Menschen im Land unfähig waren. Sie erstickte an ihren eigenen Lügen. Am Unwillen, Kritik zuzulassen und auch andere Meinungen anzuhören. So marschierte das Land blind in die falsche Richtung, ignorierte alle Abzweigungen, die noch eine Korrektur ermöglicht hätten und starb schließlich Ende 1989 mit einem lauten Knall. Als Konsequenz verloren viele Menschen ihre Existenz.
     Wer die neuerliche Einschränkung der Pressefreiheit ebenso empörend findet wie ich, dem empfehle ich ein Protestschreiben, direkt an die EU.
     Doch wie kommen wir da wieder raus, aus dieser ewigen Dauerkrise? Wie wäre es mit weniger Emotionen, weniger Hysterie und Panik, dafür mehr Gelassenheit, mehr Zuhören und Hineinversetzen in die Gegenseite? Wäre es wirklich zu viel verlangt gewesen, den seit Jahrzehnten geäußerten Bedenken der russischen Seite nach Sicherheit etwas mehr Beachtung zu schenken? Ich bin überzeugt, dieser Krieg wäre vermeidbar gewesen. Als dringende Sofortmaßnahme sollte ein Waffenstillstand vereinbart werden. Denn während ich diese Zeilen hier schreibe, sterben Menschen in der Ukraine, Zivilisten ebenso wie Soldaten beider Seiten. Sie werden erschossen, von Granaten zerfetzt oder unter Trümmern begraben. Sie werden verstümmelt und traumatisiert, für den Rest ihres Lebens. Ich selbst kenne noch die aus dem großen Krieg heimgekehrten Versehrten, die mit abgetrennten Armen und Beinen oder ausgeschossenen Augen versuchen mussten, fortan ihr Leben zu meistern.
     Wir sollten endlich aufhören, uns in fremde Angelegenheiten einzumischen. Wir sollten aufhören, anderen Ländern unsere Vorstellungen von Moral und Demokratie aufzwingen zu wollen. Die Völker müssen das Recht haben, ihren eigenen Weg zu finden, auch wenn das für uns manchmal schwer zu ertragen sein mag. Sorgen wir doch erst mal bei uns selbst für demokratische und lebenswerte Verhältnisse, statt immer mit dem Finger auf andere zu zeigen. Denn wann immer wir uns eingemischt hatten, wurde es schlimmer statt besser. Vietnam, Irak und Afghanistan sind mahnende Beispiele dafür. Zudem schneiden wir uns nur ins eigene Fleisch.
     Und wir sollten dringend unsere Doppelmoral überdenken. Wo waren die Empörungen, die gefeuerten Musiker, die gesperrten Spitzensportler, als die USA völkerrechtswidrig den Irak überfielen? Entweder wir treten Krieg und Gewalt entschlossen entgegen, egal wer ihn beginnt, oder wir halten die Klappe. Es stünde Deutschland ohnehin besser an, seine Mitgliedschaft in der NATO zu hinterfragen. Ein neutraler Status, vergleichbar mit dem der Schweiz, würde eine Menge Probleme bereits im Ansatz beseitigen. Und den Schweizern geht’s doch echt gut, oder?