Eigentlich dachte ich, ich wäre in Doha, der Hauptstadt des arabischen Staates Katar, als ich aus der elften Etage meines Apartments bei angenehmen 24°C auf das türkisfarbene Wasser und die eindrucksvolle Kulisse der halbkreisförmigen Katara Towers schaute, die ein wenig an das allsehende Auge aus Herr der Ringe erinnert, und wunderte mich über den hier und da auftauchenden Begriff Lusail. Dann kombinierte ich, es müsse sich um einen Stadtteil von Doha handeln, so wie Pankow ein Teil von Berlin ist. Aber Wikipedia belehrte mich eines Besseren und beschrieb Lusail als einen Ort, direkt neben Doha gelegen, wo die letzte Fußballweltmeisterschaft stattfand, welche ich, wie die meisten Fußballveranstaltungen zuvor auch, schnöde ignoriert hatte.
Doch eins nach dem anderen: Die letzten Jahreswechsel hatte ich in den Emiraten verbracht, zuerst in Dubai, dann in Abu Dhabi, beides interessante Städte, die aber von Berlin aus leider noch immer nicht direkt zu erreichen sind, sondern stets nur mit Zwischenstation in Doha. Warum also spare ich mir nicht einfach das Umsteigen und schaue mir stattdessen mal Doha an?
Keine schlechte Idee, wie sich herausstellte, denn Klima, Menschen und Kulturkreis sind durchaus vergleichbar mit den beiden anderen arabischen Städten, das sommerliche Winterwetter ist identisch, die Preise ähnlich teuer oder günstig, je nachdem, was man kaufen möchte, und fünfmal am Tag ruft der Muezzin zum Gebet, was dem Orient seinen orientalischen Reiz verleiht, denn außer der Bekleidung der Einheimischen unterscheidet Arabien sich augenscheinlich nicht mehr so sehr vom globalisierten Westen. In den Geschäften gibt es dasselbe wie bei uns, die Jeans, Lebensmittel und Kosmetika stammen entweder aus den USA, Fernost oder von hier, also von einheimischen Betrieben, was bei Milch und Säften geschmacksmäßig keinen Unterschied macht. Sogar tiefgefrorene Erdbeeren habe ich hier in der Tiefkühltruhe gefunden, womit ich meine Ernährung nicht groß umstellen musste. Nur der Bautz‚ner Senf fehlte mir schon sehr, denn der amerikanische schmeckt unangenehm säuerlich, nach Branntwein und Essig.
Aber Hauptgrund für meine Flucht aus Berlin war auch dieses Jahr wieder die Abwesenheit von Krawall und Knallerei, denn weder in den Emiraten noch in Katar können Privatleute Feuerwerk erwerben. Das staatlich verordnete Raketenspektakel in Lusail war nach erträglichen sieben Minuten vorbei und auch nur in der Ferne, versteckt hinter Hochhäusern zu bewundern, sodass es ein entspannter Abend wurde. Statt tausender Polizisten wie in Berlin, die sich gewalttätige Straßenschlachten mit Verrückten liefern mussten, was von der deutschen Presse inzwischen schon als normal bezeichnet wird (welch ein Irrsinn!), war hier auf den Straßen nicht ein einziger Polizist zu entdecken. Vor der Handvoll Clubs, die es hier gibt, standen sich, statt langer Besucherschlangen, nur vereinzelte Türsteher die Beine in den Bauch, denn laute Musik, Alkohol und westlich geprägtes Balzverhalten sind in diesen Breiten nicht besonders stark ausgeprägt. Die Menschen spazieren lieber den Boulevard am Meer entlang, genießen diverse Snacks und amüsieren sich im Vergnügungspark mit Riesenrad und Karussells.
Demzufolge musste am Folgetag auch nicht erst aufgeräumt werden, denn was da noch herumlag, lag auch vor Silvester bereits herum. So konnte ich ungehindert meiner Auslands-Lieblingsbeschäftigung nachgehen und sandalenbeschuht spazierengehend bunte Bilder erhaschen.




Obwohl es sich bei den zwei Hotels in den Katara Towers um Etablissements der gehobenen Klasse handelt, ist es kein Problem, auch ohne Anmeldung und Buchung die Hotellobby zu betreten, was nicht überall gern gesehen wird, siehe „Sunlions Reiseverführer – Abu Dhabi, Dubai, Mauritius“:







Was für Dubai der Stadtteil Marina ist, heißt in Doha The Pearl Quatar: Auf einer künstlichen Halbinsel eilig hochgezogene „Plattenbauten“ zur Zuwanderer-Massenunterbringung, nicht ganz so hässlich wie einst in Berlin-Marzahn, aber auch nicht viel anders, wenn man mal genau hinschaut. Im Grunde so was wie Hühnerfarmen für reiche Hühner, die dann dicht auf der Stange gedrängt vor sich hin brüten können, abseits der Wohngegenden für Bio-Araber (das Pendant zum Bio-Deutschen), die lieber unter sich bleiben, was man ihnen nicht verübeln kann, angesichts der häufigen Verstöße von Ausländern gegen einheimische Sitten und Gebräuche. Glücklicherweise sind Touristen in Doha noch deutlich in der Unterzahl, weshalb die meisten Wohnungen leerstehen. Wenn man so will, ist Katar noch arabisches Kernland. Auf den Straßen sieht man hauptsächlich arabische Frauen und Männer in ihren typischen traditionellen Gewändern und natürlich viele Gastarbeiter aus dem indischen und pakistanischen Bereich.
Von denen bringen es einige offenbar zu enormem Wohlstand, denn die größeren Yachten, die hier vor Anker liegen, können schon mal um die 10 Millionen Euro kosten:














Und jetzt sagt nicht, die Häuser auf dem letzten Foto erinnern nicht an Marzahn!?
Der Reichtum einer Stadt verbirgt sich übrigens nicht nur in den großen Dingen, sondern vor allem in den kleineren Details und offenbart sich nur dem, der ein Auge dafür hat. So kann man überall gepflegte Grünanlagen entdecken, und die Mauern rund um die zahlreichen unterirdischen Parkhäuser sind nicht etwa aus Beton. Auch nicht aus schnöden Ziegeln. Nein, sie sind aus teurem Granit:





Nachfolgende zwei Fotos zeigen eine der berühmt-berüchtigten Einkaufszentren, die in der arabischen Welt allesamt drei Nummern größer ausfallen als in Deutschland, was vermutlich darin begründet ist, dass es hier in der Wüste genug Platz gibt. Unverständlich ist mir jedoch, dass in geschlossenen Räumen meist eine grauenhafte Kälte herrscht, so als hätten die Klimaanlage nur einen Ein- und Ausschalter, aber keine Temperaturregelung. Werte zwischen 18 und 20°C sind hier völlig normal, was erstaunlich ist, denn in Mitteleuropa gelten 22°C als ergonomisch empfehlenswerte Wohlfühltemperatur. Diese wird vom größten Teil der Bevölkerung als angenehm empfunden. Erhöht oder reduziert man sie um nur ein Grad, fangen die Leute an, herumzunörgeln, es sei zu kalt oder zu warm. Und jedes Grad mehr geheizt oder gekühlt verursacht drei Prozent höhere Kosten. Man kann mit diesem Wissen ausgestattet also viel Geld sparen und Leute glücklich machen.
Doch hier in Arabien sind die Temperaturen viel höher, man sollte also annehmen, dass in Innenbereichen auch Werte um 24°C als angenehm kühl empfunden werden, wenn draußen im Sommer um die 55°C erreicht werden.
Doch dass ich nur ein Foto von drinnen mitgebracht habe, lag nicht allein am frostigen Klima, sondern auch am frostigen Hinweis eines Sicherheitsmitarbeiters, fotografieren mit professionellen Kameras sei nicht gestattet, nur Handyfotos seien erlaubt.
Das war jetzt gelogen, in Wirklichkeit war der Mann hinreißend höflich, fragte zuerst in bestem britischen Behavior, wie denn das werte Befinden so sei, und ob es mir etwas ausmache, wenn ich statt meiner fetten Angeber-Spiegelreflexkamera doch lieber ein Smartphone zum Knipsen benutzen würde, denn …
Einen Grund konnte er mir nicht nennen, auch die anderen Sicherheitsmitarbeiter an verschiedenen Orten der Stadt nicht, die ebenfalls meine Kamera nicht mochten, weshalb ich zwei Polizisten fragte, ob es denn eine behördliche Weisung gäbe, worauf sie nur verständnislos milde lächelten und versicherten, ich könne fotografieren, was immer ich wolle und jede Kamera dafür nutzen, die mir gefalle, wobei traditionell hier und auch in jedem anderen Land das Ablichten von militärischen Anlagen, Einwohnern ohne deren Einverständnis und im Inneren von Moscheen durch Ungläubige nicht so gern gesehen wird.
Ich als Marketing Manager irgendeines beliebigen Unternehmens würde ja eher Handyfotos verbieten, weil Profikameras die qualitativ besseren Fotos liefern, aber wer bin ich schon, dass ich als schnöseliger Hobbyknipser irgendwem irgendwas vorzuschreiben hätte.


Leider konnte ich auf die Schnelle nicht herausfinden, was genau „Corniche“ bedeutet, eine berühmte Person scheint es nicht zu sein, dennoch gibt es Corniche-Straßen sowohl in Dubai, Abu Dhabi als auch in Doha, und immer sind es Straßen an der Küste entlang, wobei Abu Dhabi die schönste hat, es ist nämlich ein gleichnamiger Boulevard mit einem kilometerlangen Strand. Dieser Strand fehlte mir in Doha, öffentliches Baden ist hier anscheinend nicht so verbreitet, was nicht verwunderlich ist, denn dazu müsste man wenigstens Badebekleidung tragen, und die Menschen hier tragen meist traditionelle lange Gewänder, Frauen sind häufig verschleiert, sodass es überraschend wäre, wenn sie am Strand plötzlich im Badeanzug umherspringen täten.






In einigen Stadtteilen findet man westlichen Städten nachempfundene Architekturen, zum Beispiel folgende, der ich aber mangels Erinnerung keinen Namen mehr zuordnen kann. Sogar eine eingleisige Straßenbahn fährt dort, allerdings nicht besonders oft:




Der berühmte Markt Souq Waqif wurde ab dem 19. Jahrhundert errichtet, 2006 renoviert und bietet zwischen unvermeidlichen Souvenirshops auch klassische Geschäfte mit Gewürzen und Düften sowie Restaurants und Cafés. Ein winziges Eis in der Waffel kostete dort umgerechnet freche fünf Euro, weshalb ich mir für den gleichen Wert lieber eine Riesenpackung Vanilleeis im Supermarkt spendierte.



















In direkter Nähe des Souq Waqif befindet sich auch das Museum für Islamische Kunst. Da es im Internet genug Bilder der Ausstellung gibt und ich durch meine als Historiker tätigen Eltern ohnehin schon alles gesehen habe, was sich sinnvollerweise in Museen ausstellen lässt, beließ ich es bei einer Bewunderung von außen:







Auch recht interessant ist das Katara Cultural Village; mit seinen alten oder auf alt gemachten Gebäuden ähnelt es ein wenig dem Souq Waqif, aber das macht ja nix, denn man kann es gratis besichtigen. Der Zugang wird, wie sollte es anders sein, natürlich von einem Einkaufszentrum belagert, man kann also das gesparte Eintrittsgeld gleich wieder ausgegeben.



















Es gibt dort eine Moschee, die man auch als Ungläubiger betreten darf, ohne augenblicklich zu Staub zu zerfallen. Sogar Fotos sind erlaubt. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass meine Anwesenheit inmitten all der Betenden nicht unbedingt angebracht ist und beließ es bei einem kurzen Tête-à-Tête mit Allah. Meinem Wunsch, den prall gefüllten Eurojackpot zu knacken, entsprach er trotzdem nicht. Vielleicht versteht er ja kein Deutsch.

Es war schön, so mitten im Winter etwas warme Sommerluft schnuppern und all die kleinen und großen Probleme tiefgefrostet zu Hause lassen zu können. Nach zweieinhalb Wochen Müßiggang bin ich jedoch auch froh, wieder daheim zu sein. Die Fremde heißt wohl nicht ohne Grund so wie sie heißt, sondern weil sie einem, im Gegensatz zur Heimat, doch immer ein wenig fremd bleiben wird.


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