Menü Schließen

Der Kampf um die Küche

Ich verfluche den Tag, an dem ich mich aus purem Patriotismus bereiterklärte, für das Unternehmen, welches ich seit einigen Jahren mit meinen generalistischen Fähigkeiten beglücken darf, eine neue Reinigungsfirma zu finden. Seit diesem Tag hängt mir das Problem nämlich an der Backe.
     Die gute alte Frau B., welche sich nebenbei zu ihrer kärglichen Rente etwas dazuverdienen wollte, die freitags stets pünktlich um 17 Uhr zur Reinigung erschien, sodass man die Uhr nach ihr stellen konnte, und die alle Arbeiten in makelloser Qualität erledigte, entschied sich eines Tages, ihre freie Zeit als Rentner zukünftig weniger in den Dienst unseres Unternehmens zu stellen, setzte sich auf die heimatliche Couch und damit zur wohlverdienten Ruhe. Anschließend begann eine Odyssee durch die Abgründe des deutschen Fachkräftemangels. Das damals beauftragte Unternehmen, welches uns Frau B. vorbeigeschickt hatte, konnte keine Ersatzkräfte auftreiben, ließ daher vereinbarte Termine einfach unangekündigt ausfallen, stellte diese aber trotzdem in Rechnung.
     Nach fristloser Kündigung durch uns und Ausschreibung der freien Stelle meldeten sich erstaunlich viele Interessenten, von denen aber 99,9 Prozent ebenfalls unangekündigt nicht zum vereinbarten Probeputzen erschienen. Mit den verbliebenen 0,01 Prozent kam es dann zum Vertragsabschluss, aber was bedeuten schon Unterschriften auf einem Stück Papier, wenn die zu uns gesandten Reinigungskräfte nicht erscheinen, am falschen Tag vorbeikommen, die vereinbarten Aufgaben nicht ausreichend gut oder gleich gar nicht ausführen oder unsere Belegschaft inklusive Chefetage durch unangebrachtes Duzen in den Wahnsinn treiben. Wenn es nur das wäre, könnte man in heutigen Zeiten, wo selbst seriöse Banken anfangen, sich bei Kunden und potentielle Interessenten ein-Du-schleimen, vielleicht ein oder zwei Augen zudrücken, aber wenn es das einzige ist, was sie gut können, stattdessen aber die Arbeitsergebnisse zu wünschen übrig lassen, dann ist das in höchstem Maße inakzeptabel. Wenn nach dem Reinigen der Toilette auf der blütenweißen Brille ein deutlich sichtbares, dickes schwarzes, etwa vier Zentimeter langes Haar zurückbleibt, und auf dem reinweiß gefliesten Boden ein ebenso dickes, schwarzes, zwanzig Zentimeter langes Haar frohlockt, dann ist die zuständige Reinigungskraft entweder blind oder blöd.
     Nach nunmehr drei Jahren kämpfen wir mit der dritten Reinigungsfirma diesen scheinbar aussichtslosen Kampf, wobei der nette, sehr engagierte Geschäftsführer Herr R. auch nicht viel ausrichten kann, wenn seine Mitarbeiter einfach nicht erscheinen, sich nicht zurückmelden oder sogar unfähig sind, ihm ihre Kontoverbindung mitzuteilen, damit er den Lohn überweisen kann.
     Praktisch alle Reinigungskräfte, die er vorbeischickte, kamen nicht aus Deutschland, die letzten vier beherrschten die deutsche Sprache nicht, was nicht zwingend Voraussetzung ist, wenn man sich notfalls auch auf Englisch verständigen kann. Aber selbst dann ist es unverständlich, warum Anweisungen nicht richtig ausgeführt werden. Nachdem der vorletzte Mitarbeiter dreimal nicht erschienen war und weder bei uns, noch bei seinem Chef abgesagt hatte, haben wir nun einen neuen angefordert. Der kam gestern auch zur vereinbarten Zeit, aber mein dringender, dreimal (!) geäußerter Hinweis, aus hygienischen Gründen bitte die zuerst die Küche, danach alles andere, und zuletzt die Toiletten zu reinigen, murmelte nur ein paar Sekunden im hohlen Schädel des Mitarbeiters umher, um ihn anschließend zum WC-Reiniger greifen und in Richtung der Toiletten stürmen zu lassen. Resignierend verbiss ich meine Wut, aber er wollte wohl nur das Reinigungsmittel auftragen, damit es Zeit zum Einwirken hat, denn er kam gleich zurück und fuhr mit der Küchenreinigung fort.
     Als wären mein dreifacher Hinweis nie geäußert worden, lief er anschließend zu den Toiletten, und – damit fertig – in die Büros, um nun hemmungslos mit denselben Gummihandschuhen und Lappen die potentiell gefährlichen Keime des Feuchtbereichs auf Tischen und Schränken zu verteilen.
     Herr, um Gottes Willen, lass ausgebildete Fachkräfte vom Himmel regnen!