Ein Blubberkopp, eine Krawallschachtel, direkt unter meinem Bürofenster, machte mir soeben wieder deutlich klar, dass ich Anfang des Jahres die richtige Entscheidung getroffen habe. Er stand auf dem Gehweg und plärrte in einer unbekannten Sprache unverständliches Zeug durch die Gegend, sodass meine Kollegen entsetzt zu den Fenstern sprangen, um sie zu schließen.
Bereits vor über zwanzig Jahren spielte ich GTA Vice City auf dem PC, ein Spiel, bei dem man sich als Gangster durch die dreidimensionalen Achtziger von Miami bewegt, Autos klaut, „Aufträge“ erledigt und allmählich zum Gangsterboss aufsteigt. Schon damals irritierte mich das Ambiente der programmierten Stadt, denn ständig hörte man von irgendwo her Rufe und Schreie oder wurde auf der Straße von Wildfremden angepöbelt. Was war ich damals erleichtert, dass es im realen Berlin gesitteter zuging.
Inzwischen hat sich das leider geändert. Die Straßen werden zunehmend bevölkert von Menschen der unangenehmeren Art, die Hauptstadt der Krüppel und Bekloppten. Bestimmte Stadteile trifft es dabei stärker als andere. Die Kriminalität ist weiter gestiegen, auch bundesweit. Mehr als 3000 Messerangriffe, allein in Berlin, sprechen eine deutliche Sprache. Mehr als acht Personen werden in dieser Stadt also tagtäglich mit Messern verletzt (oder sogar getötet). Mein Heimatbezirk Pankow, der Bezirk, in dem ich aufgewachsen bin, hatte in den letzten zehn Jahren mindestens drei Morde zu beklagen. Das ist mehr als in meiner gesamten Lebenszeit davor. Sicher – auch zu DDR-Zeiten gab es gewalttätige Auseinandersetzungen, etwa in Diskotheken, wobei dort oft die Sicherheitsleute selbst die Schläger waren. Aber Messer wurden dabei nicht eingesetzt. Es war einfach nicht üblich, Waffen mit sich herumzutragen.
Auch anderen Delikte sind besorgniserregend angestiegen. Die Berichte von den Zuständen rund um den Görlitzer Park sind schon beim Lesen kaum zu ertragen.
Insgesamt hat auch die Lärmbelästigung zugenommen. Da sind zum einen die vielen Autofahrer, die glauben, ständig mit der Hupe kommunizieren zu müssen oder damit Staus auflösen zu können, was ich so bisher nur aus Dritte-Welt-Ländern kannte, wo die Benutzung der Hupe vielleicht nicht so streng reglementiert oder kontrolliert wird. Auch werden Autoradios hemmungslos aufgedreht, als gäbe es niemanden sonst auf der Welt, was mich an meine schlechten Erfahrungen in Dubai erinnert.
Zum anderen aber auch die Krakeler, die hemmungslos auf der Straße herumbrüllen, sodass es mir vorkommt, als wären all die digitalen Avatare aus GTA Vice City in die reale Welt heruntergekommen oder die Tore der örtlichen Nervenheilanstalten unwiderruflich geöffnet worden.
Am gravierendsten war jedoch der Krach in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. 2005 zog ich aus der zweiten in die fünfte Etage, von einer Anderthalb- in eine Zweizimmerwohnung mit Balkon und herrlichem Ausblick auf den Sonnenuntergang. Doch die Freude über die neue Wohnung währte nicht lange, denn links neben mir zog ein Pärchen ein, unverträglich wie Hund und Katze, hörte laute Musik der übelsten Sorte, fetzte sich unablässig bis hin zu körperlichen Auseinandersetzungen und schwungvollen Einrichtungspositionsveränderungen. Oder anders formuliert: Sie warfen Dinge durch die Wohnung. Auf der anderen Seite, eine Etage tiefer, siedelte ein Junkie, der auch alle paar Wochen einen Rappel bekam und seinerseits die Musikanlage auf Konzertlautstärke drehte, was in einem so hellhörigen Haus wie meinem eine katastrophale Wirkung hat. Mehrere Beschwerden bei der Hausverwaltung nützten nichts, sie scherte sich nicht drum, was ziemlich dämlich ist, denn wenn die netten Mieter aus purer Verzweiflung wegziehen, bleiben irgendwann die doofen übrig, die auch sonst nur Probleme machen. Wie etwa der Jungspund zwei Häuser weiter, der seinen Müll stets aus dem Küchenfenster im dritten Stock entsorgte. Oder der Alkoholiker im Erdgeschoss, der eines Nachts so besoffen war, dass er beim Nachhausetorkeln seinen Haustürschlüssel in der Haustür stecken ließ und dann vor der Wohnungstür seinen Schlüssel vermisste. Also verließ er wieder das Haus, vorbei an seinem in der Haustür steckenden Schlüsselbund, schlug auf der anderen Hausseite ein Fenster ein und schlitzte sich beim Einstiegsversuch die Adern auf, was rund ums Haus und im Hausflur eine beispiellose Sauerei an Wand und Boden hinterließ. Zuletzt zog unter mir ein junger Mann ein, der den ganzen Tag auf dem Balkon kiffte und mir seine giftigen Dämpfe hoch ins Wohnzimmer schickte. Angeblich soll Marihuana eine entspannende Wirkung haben. Schon ulkig, dass das bei mir anders war. Will man das als Vermieter? Sicherlich nicht.
Dabei ging es ursprünglich sehr gesittet zu, in der Wohnungsgenossenschaft, die zu DDR-Zeiten in den Sechzigern gegründet wurde und ausschließlich Akademiker der Humboldt-Universität als Mieter akzeptierte. Doktoren, Professoren, Wissenschaftler aus allen nur denkbaren Bereichen – Geschichte, Medizin, Rechtswesen und Kunst, allesamt gebildet und zivilisiert. Wie konnte es nur so weit kommen?
Zuletzt konnte ich meine Wohnung nur noch mit schallschluckenden Kopfhörern, bei geschlossenen Fenstern bewohnen, was ziemlich deprimierend ist. Schließlich, bei meinen letzten Auslandsaufenthalten in Abu Dhabi und Doha, wurde mir bewusst, dass es lebenswertere Orte gibt als Berlin. So traf ich Anfang des Jahres die Entscheidung, hier wegzuziehen.
Zufällig ergab sich kurz darauf eine glückliche Fügung des Schicksals, die mich schnell aus Berlin weggeführt hat. Ich wohne nun quasi „j. w. d.“, wie der Berliner sagen würde, „janz weit draußen“, im Speckgürtel, wo alle hinwollen, die es in dieser irre gewordenen Stadt nicht mehr aushalten. Hier draußen herrscht zwar auch nicht absolute Ruhe, aber es ist schon viel erträglicher. Morgens kräht hier sogar ein Gockelhahn, so was habe ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr gehört.
Der ehemalige Berliner Bürgermeister Wowereit prägte für die Stadt vor langer Zeit den Ausdruck: „arm, aber sexy“, und in den Neunzigern war das auch so. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Übriggeblieben sind irrsinnig hohe Mieten, zu wenig Wohnraum, ausufernde Kriminalität, zunehmende Vergewaltigungen, eine unfähige, ideologisch verblendete Politik, unzählige Baustellen und gewaltige Staus ohne Ende, erschütternde Armut, eine zerbröckelnde Infrastruktur und immer mehr Schlaglöcher, die wie zum Ende der DDR hin nicht mehr zeitnah gestopft werden können.
Darum habe ich einen dringenden Rat an alle, die sich mit dem Gedanken tragen, nach Berlin zu ziehen: Lasst das sein! Ich bin hier geboren und aufgewachsen, ich lebte über ein halbes Jahrhundert in dieser Stadt, ich kenne sie wie meine Westentasche. Berlin ist eine Menschenfresserin! Sie macht nette Menschen kaputt, auf vielerlei Art.
Man muss nicht gleich nach Doha fliegen, um ein beschauliches Leben führen zu können. Auch in Deutschland gibt es lebenswertere Orte. Potsdam zum Beispiel, Waren/Müritz und Görlitz.
Also haltet Euch von hier fern! Wenn Ihr Sehnsucht nach Berlin habt, verbringt doch mal ein langes Wochenende hier, oder Euren Sommerurlaub. Aber danach macht, dass Ihr hier wieder wegkommt. Bevor Ihr gefressen werdet.
Die Menschenfresserin
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