Auf der Achse des Guten beklagt sich ein Professor über die „in einem drastischem Ausmaß“ gehäuft eindrudelnden Bußgeldbescheide wegen Geschwindigkeitsübertretungen in seiner Heimatstadt Konstanz, während er an seinem Zweitwohnsitz in Regensburg unbehelligt bleibt und vermutet dahinter anscheinend die verkehrspolitische Agenda der „Stadt des Klimanotstands“.
Ich vermute dahinter eher fahrerisches Unvermögen, was sich aus Sätzen herleiten lässt wie: „Geblitzt wird nämlich bereits bei geringsten Überschreitungen der Geschwindigkeit, also bei solchen, die sich daraus ergeben, dass man beim Fahren außer dem Tacho auch noch einiges anderes auf dem Schirm haben muss, zum Beispiel Fußgänger, Radfahrer, andere Autos“. Oder: „Es ist die B33. Dort wird die erlaubte Höchstgeschwindigkeit an einer Kreuzung kurz von 100 auf 70 km/h abgesenkt“. Was mir von vielen Kreuzungen an Bundesstraßen bekannt ist, damit die Autofahrer nicht mit 100 km/h über die Kreuzung rasen. Oder anders formuliert: Der Mann kann anscheinend nicht Auto fahren.
Weil er noch Fußgänger, Radfahrer und andere Autos beachten muss, entgleitet ihm die Kontrolle über das Gaspedal? Und dann übersieht er auch noch Verkehrsschilder mit Geschwindigkeitsbegrenzungen? Also wenn er sich mit dieser Aussage nicht für eine MPU (Medizinisch-Psychologische Untersuchung) qualifiziert hat, sollte mich das wundern.
Dabei lassen sich Bußgelder wegen Geschwindigkeitsübertretungen ganz leicht vermeiden: Einfach an die vorgeschriebene Geschwindigkeit halten! Nicht ein Schild mit einer 50 drauf entdecken und anfangen zu rechnen – 3 km/h werden abgezogen wegen Messungenauigkeitstoleranz, dann noch mal 3 Prozent wegen Tacho-Ungenauigkeit, das macht 50 plus 3 plus 3 Prozent, ergibt … ääähhh …
Nein! 50 km/h auf dem Schild heißt 50 km/h auf dem Tacho, so einfach ist das. Und kommt mir jetzt nicht mit „im Verkehr mitschwimmen“. Das ist der größte Unsinn, den ich je gehört habe, denn es bedeutet, die eigene Geschwindigkeit vom Willen und Können der vorausfahrenden Fahrzeugführer abhängig zu machen. Dazu ein Beispiel:
Eine Strecke innerorts, die Geschwindigkeit ist auf 50 km/h beschränkt, eine Kolonne von zehn Fahrzeugen unterwegs. Das vorausfahrende Fahrzeug hält sich exakt an die Geschwindigkeit, die neun anderen dahinter ebenso. Nun bekommt der Fahrer an der Spitze einen Rappel, die Zeit ist knapp, sein Geschäftstermin rückt immer näher, also gibt er Gas und fährt plötzlich 60. „Im Verkehr mitschwimmen“ bedeutet nun für alle anderen dahinter, dass sie mitziehen müssen und ebenfalls zu schnell fahren. Aber was soll’s, 60 km/h sind ja nur ein bisschen zu viel, und abzüglich der Messtoleranz von 3 km/h und Tacho-Ungenauigkeit von 3 Prozent … ääähhh …
Nun schaut der vordere Fahrer versehentlich in den Rückspiegel und entdeckt hinter sich eine Meute von neun Fahrzeugen, die an ihm klebt wie Hundehaufen in zerklüfteten Turnschuhsohlen. Er fühlt sich verfolgt, von Geheimdiensten umzingelt und gibt probeweise Gas, bis er mit 70 km/h über das innerstädtische Kopfsteinpflaster brettert. Sein Verdacht bestätigt sich, denn die nachfolgenden Fahrzeuge beschleunigen ebenfalls auf 70. Was er nicht weiß ist, dass sie ja eigentlich nur „im Verkehr mitschwimmen“ wollen, also einem ungeschriebenen Gesetz folgend, das sie irgendwann mal von irgendwem aufgeschnappt haben, und welches in den Regeln der Straßenverkehrsordnung nirgendwo zu finden ist.
Fahrer Nummer 1 kriegt nun echt zu viel, panisch tritt er das Gaspedal durch und beschleunigt auf 80, dann 100 … 120 … Wie lange wollt Ihr das Spielchen mitspielen, um „im Verkehr mitzuschwimmen“, bevor Ihr begreift, dass es Unsinn ist?
Und an den Professor die Frage gerichtet: Wie vielen Eltern wollen Sie ins Gesicht sagen müssen, es tut mir leid, ich wollte ihr Kind nicht töten, es war keine Absicht? Wie vielen Richtern wollen Sie sagen, das habe ich nicht gewollt, es war dumm von mir, es kommt auch nie wieder vor?
Wer anderthalb Tonnen Metall mit hoher Geschwindkeit durch die Gegend bewegt, trägt eine hohe Verantwortung, denn alles, was diese anderthalb Tonnen Metall berühren, wird beschädigt oder zerstört, verletzt oder getötet. Darum halten Sie sich bitte an die Regeln! Wenn Sie dazu nicht in der Lage sind, geben Sie Ihren Führerschein lieber ab, bevor noch ein Unglück geschieht und nehmen Sie stattdessen den Zug. Konstanz würde sich bestimmt darüber freuen.
