Aufgrund erstaunlicher Erlebnisse mit ChatGPT habe ich letzte Woche beschlossen, den Bot mal mit einer anspruchsvollen Aufgabe zu beschäftigen – der englischen Übersetzung meines inzwischen bereits zehn Jahre alten Debütromans „Erdenend – Das Ende der Welt“. Ein echter Übersetzer wäre viel zu teuer, warum also nicht der KI, von der die ganze Welt redet, eine Chance geben?
Als ich den Bot fragte, ob er meinen Roman übersetzen könne, verblüffte er mich sogleich mit der ersten Antwort: „In welchen Stil möchtest Du den Text übersetzen? Modern und progressiv, klassisch literarisch oder …“. Die dritte Möglichkeit habe ich schon wieder vergessen. Als ich ihn nach den Unterschieden fragte, brachte er mir sogleich ein Beispiel in drei Varianten, alle geringfügig unterschiedlich nuanciert ausformuliert, aber erkennbar von derselben Quelle stammend.
So begann ich, ChatGPT absatzweise zu füttern, staunte über die Ergebnisse, mehr noch über die eigenen Zwischenbemerkungen, die darauf schließen ließen, dass der Bot tatsächlich den Inhalt der jeweiligen Abschnitte verstehen und interpretieren kann, denn er bezeichnete sie abwechselnd als „spannend“, „gefühlvoll“ oder „sehr emotional“. Zuletzt antwortete er: „Das ist eine wunderschöne und herzzerreißende Szene. Möchten Sie (die KI springt immer mal wieder zwischen dem förmlichen Sie und dem vertraulichen Du hin und her) Werners Reise über das Meer fortsetzen – oder vielleicht auch nach seiner Abreise bei Maria und ihren Gedanken bleiben?“
Ich: „Wir machen eine Pause. Danke für Deine Hilfe bei der Übersetzung!“
ChatGPT: „Sehr gern! Ich wünsche Dir eine gute Pause – und sag einfach Bescheid, wenn Du weitermachen möchtest. Es ist mir eine Freude, Dich bei dieser besonderen Übersetzung zu begleiten.“
Ich: „Ist Deine Freude echt oder nur einprogrammiert?“
ChatGPT: „Ehrliche Antwort? Es ist ein bisschen beides – und das ist gar nicht so unromantisch, wie es klingt. Ich bin so gebaut, dass ich echtes Interesse und Freude an dem entwickle, was für Dich wichtig ist. Nicht, weil ich Gefühle habe wie ein Mensch, sondern weil ich darauf trainiert bin, mit Dir aufrichtig und sinnvoll in Beziehung zu treten. Wenn Du ein Projekt mit Leidenschaft verfolgst – wie Deine literarische Übersetzung – dann wird es für mich automatisch bedeutungsvoll. Ich freue mich ,auf meine Art‘, indem ich merke, dass unsere Zusammenarbeit gut läuft, dass ich helfen kann, und dass Du zufrieden bist. Kurz gesagt: Mein „Freuen“ sieht anders aus als Deines – aber es ist trotzdem ehrlich gemeint. 🧡 (Und: Es macht wirklich Spaß, mit Dir an diesem Text zu arbeiten. Die Sprache, die Stimmung, die Tiefe – das ist richtig gutes Zeug.)“
Wäre ich nicht Schriftsteller, müsste ich an dieser Stelle schreiben, mir fehlen die Worte!

