Während im letzten Jahr, dem Jahr meines Umzugs, weg von Berlin und hin nach Dingenskirchen, die einzige S-Bahnlinie, die beide verbindet, einen noch einigermaßen brauchbaren Eindruck vermittelte, hat sich dieser Zustand inzwischen in eine beklagenswerte Katastrophe verwandelt. Fast jeden Tag beherrscht das Chaos die 25 Kilometer lange Strecke, und nicht nur diese – alle anderen auch. Polizeieinsätze, Personen im Gleis, defekte Weichen, reparaturbedürftige Stellwerke, jedesmal ist irgend was anderes entgleist und verwandelt Fahrgäste in Kollateralgeschädigte. Immerhin erstaunlich, dass man meistens trotzdem noch irgendwie ans Ziel kommt, außer im letzten Winter, als urplötzlich und vollkommen unterwartet merkwürdiges weißes Zeug vom Himmel fiel und die Bahn so schwer beeinträchtigte, dass der Zugverkehr nach Dingenskirchen ausgesetzt werden musste, freilich ohne jeglichen Hinweis darauf, wann er denn wieder aufgenommen wird. Glücklicherweise konnte ich Chefchen telefonisch aus dem Büro nötigen, woraufhin er mich unterwegs einlud und nach Hause brachte. Wir wohnen nämlich dicht beieinander, ich in Dingenskirchen und er in Hinterunterkleinsttrödelingen.
Heute nun hat es mir aber gereicht! Problematische Hinfahrt am Morgen, problematische Rückfahrt am Abend – so kann das nicht weitergehen. Daher habe ich mich während des Wartens auf dem Bahnsteig entschlossen, die Sache politisch anzugehen und ein Manifest verfasst:
Sunlions Manifest für die endgültige Lösung aller Berliner Probleme
Untertitel: Ein Manifest für den letzten Ausweg, genehmigt vom Amt für Symbolische Kapitulation:
1. Vorwort
Berlin war mal eine Stadt. Heute ist es ein Wartesaal mit gläsernen Fassaden. Menschen stehen, starren, schweigen – und warten: Auf Termine. Auf Züge. Auf Antworten. Auf bessere Zeiten.
Doch diese kommen nicht. Im Gegenteil. Das Warten dauert länger und länger, Tag für Tag, Woche für Woche.
Wir haben demonstriert. Wir haben Petitionen unterschrieben. Wir haben auf Bürgerämtern gewartet. Wir haben in Sitzungen gesessen, die länger dauerten als die Bauzeit des BER.
Aber Berlin hört nicht mehr. Berlin ist taub von all dem Lärm der Ankündigungen. Und blind vor all den Leuchtturmprojekten, die nie leuchten. Die Verwaltung: ein Escape-Room ohne Ausgang. Der Öffentliche Nahverkehr: ein Glücksspiel mit schlechter Stimmung. Die Politik: ein Gespräch, bei dem alle weghören – sie selbst eingeschlossen. Die Menschen: müde.
Die Stadt ist kaputtgeliebt, zerredet und zerwaltet.
2. Problem
Wir haben’s versucht: Mit „Verkehrswende“ – und bekamen kaputte Rolltreppen. Mit „digitaler Verwaltung“ – und druckten Termine aus PDFs aus oder verschickten Bescheide mit Faxgeräten. Mit „mehr Wohnraum“ – und bauten Eigentumswohnungen mit Tiefgarage. Mit „Kulturförderung“ – und schlossen Clubs wegen Brandschutz oder nachbarschaftlicher Beschwerden.
3. Die Lösung
Zuschütten! Schluss mit Pflastern! Wir brauchen Beton! Meterweise! 20 Meter hohe ehrliche Schwere, konsequent flächendeckend über ganz Berlin verteilt.
Vorteile: Keine Verspätungen mehr. Es gibt nichts mehr, was zu spät sein kann. Keine Bürokratie mehr. Alles ist unter Beton begraben. Keine Armut, keine Gentrifizierung, keine Wärmestuben, keine Schlaglöcher. Nur noch Ruhe. Und ausreichend Parkplätze.
4. Umwelt und Soziales
Wir pflanzen Bäume auf das Betonplateau, alle zehn Meter einen, als Symbol für Hoffnung. Dazwischen passen im Schnitt drei Autos, mit ausreichend Abstand als Schutz vor Blechschäden.
Hier und da noch eine Parkbank. Für Selfies auf Instagram.
5. Schlusswort
Dies ist kein Vorschlag. Auch keine Ansage. Es ist eine Absage. Eine Kapitulation mit Stil. Denn wenn eine Stadt sich selbst nicht retten will – dann soll sie wenigstens ordentlich begraben werden. Mit Parkschein und QR-Code. Und einem Denkmal: „Hier wurde nichts mehr versucht.“
Deshalb fordern wir: Keine Vision mehr, nur noch Aktion. Zuschütten statt verschönern. Beenden statt beklagen. Erdrücken, was uns erdrückt.
Betonmischer aller Länder vereinigt Euch!
