Unsere Sprache ist wie ein alter Dachboden: Zwischen verstaubten Truhen, vergessenen Möbeln und geheimnisvollen Briefen liegen auch Wörter, die im Alltag längst niemand mehr benutzt. Manche davon sind wahre Kleinode, andere wirken wie sprachliche Kuriositäten, die man nur noch in Omas Nähkästchen oder in vergilbten Romanen findet. Dort stößt man auf Begriffe, die heute fast wie Firlefanz wirken – und doch mehr Seele haben als so mancher moderne Modeausdruck.
Nehmen wir zum Beispiel „blümerant“. Schon der Klang ist ein kleines Kunstwerk – angesiedelt irgendwo zwischen Blumenvase und Bumerang. Gemeint ist allerdings Schwindel oder Übelkeit. Wie viel charmanter klingt es doch, wenn jemand seufzt: „Mir wird ganz blümerant“, statt das nüchterne „I glaab, i muaß g’spei’n.“ herauszupressen. Und mal ehrlich: Selbst der strengste Griesgram muss bei diesem Wort unwillkürlich lächeln.
Ein weiteres Schmuckstück: „larmoyant“. Es klingt schon, als würde es selbst dringend ein Taschentuch benötigen. Gemeint ist eine übertrieben wehleidige Person. Wer jemals mit einem Kollegen am Tisch saß, der aus jeder Kleinigkeit eine Tragödie spinnt, kennt diese Sorte Mensch. Früher hätte man ihn vielleicht einen Jammerlappen genannt. Heute bleibt es meist beim Augenrollen.
„Frivol“ hingegen schwebt federleicht zwischen Eleganz und Skandal. Einst bedeutete es leichtfertig, ausgelassen, ein wenig anstößig. Heute sagt kaum jemand mehr „Das ist aber frivol!“, wenn die Bademode an Stoff spart. Stattdessen begnügen wir uns mit „sexy“ – was irgendwie plumper klingt. Dabei steckt in „frivol“ fast schon der Hauch einer Operette, am liebsten in geradezu opulenter Ausstattung.
Und dann die Jugendwörter vergangener Jahrzehnte: „dufte“, „knorke“ und „uast schau“. Wer das heute sagt, riskiert höchstens irritierte Blicke. Dabei sind alle drei Begriffe herrlich unbeschwert. Sie haben etwas Unschuldiges, das man sich bei „mega nice“ oder „lit“ nur wünschen kann. Vielleicht sollten wir sie wiederbeleben – als Gegenmittel zum Sprachalltag voller Anglizismen, in dem ständig mit neuen seelenlosen Floskeln Schindluder getrieben wird.
Zu den gemütlicheren Kandidaten zählt „kommod“. Es klingt, als könne man es zusammen mit braunkarrierten Hausschuhen tragen. „Mach’s dir kommod“ – schon ist der Abend gerettet. Irgendwie traut man diesem Wort sogar mehr als dem nüchternen „bequem“.
Noch charmanter wird es, wenn man andere piesackt. Genau: „piesacken“. Dieses schöne Verb klingt schon nach dem, was es ist – necken, ärgern, sticheln. Es ist der kleine Bruder vom Schabernack, ein weiterer Veteran, der viel zu selten zum Einsatz kommt. Wobei es durchaus eine Grenze gibt: Wird das Piesacken zu bissig, könnte man es beinahe schon als garstig bezeichnen.
Und wenn man über all diese Sprachjuwelen spricht, landet man früher oder später bei den „Petitessen“ – Nichtigkeiten, die man elegant zur Seite wischen kann. Wer beim nächsten Streit seufzt: „Ach, das sind doch nur Petitessen“, verleiht selbst dem größten Drama ein wenig aristokratische Gelassenheit. Fast schon ein Hauch von Mondänität weht dann durch die Szene – auch wenn der Anlass vielleicht nur eine kleine Tändelei oder ein vertrockneter Blumenstrauß auf dem Küchentisch war.
Vielleicht liegt genau darin der Reiz aussterbender Wörter: Sie erzählen Geschichten, malen Bilder und zaubern Emotionen, bevor man überhaupt verstanden hat, was sie bedeuten. Manche sind verspielt, andere sind streng wie ein Tintenfisch im Sonntagsanzug – und wieder andere sind einfach nur knorke.

