Heute Nacht ist wieder die Nacht der Nächte, oder besser – die zweite Nacht der Nächte, denn Anfang des Jahres wurden die Uhren auf Sommerzeit vor-, heute Nacht werden sie wieder zurück…
Nein, halt! Heute Nacht werden sie nicht wieder zurückgestellt, vielmehr werden sie gar nicht mehr gestellt. Die EU hat nach langem Hin und Her nämlich einen einstimmigen Beschluss gefasst, etwas, was niemand für möglich gehalten hätte: Die Zeit wurde abgeschafft. Komplett. Restlos. Nicht mehr nur Sommer- und Winterzeit, sondern die gesamte Raum-Zeit-Matrix wurde per Mehrheitsbeschluss entsorgt wie ein altes Faxgerät.
Ursache war eine kleine, aber hartnäckige Petition aus Wuppertal, gestartet vom chronisch unpünktlichen Hobbyphilosophen Prokrastinatus P., der einfach keine Lust mehr auf Wecker hatte. Auch die EU-Abgeordneten waren müde vom ewigen Uhrenumstellen und hatten längst den Überblick verloren, in welcher Zeitzone Brüssel eigentlich liegt. Ein letzter Antrag, die Zeit wenigstens in Schaltsekunden weiterlaufen zu lassen, wurde knapp abgelehnt – aus Gründen der Gleichberechtigung für Regionen mit langsamerem WLAN.
Heute Nacht ab drei Uhr soll es endlich so weit sein: keine Zeit mehr. Keine Stunden, keine Minuten, keine „Bin gleich da!“-Nachrichten, die eigentlich eine halbe Stunde bedeuten. Die EU hat den gesamten Kontinent in ein permanentes Jetzt katapultiert. Physikalisch wurde das von führenden Wissenschaftlern als „nicht ganz korrekt, aber auch nicht ganz verkehrt“ eingeordnet – was eh niemand mehr verstehen konnte, weil Wissenschaft ja früher war, und „früher“ gibt’s nicht mehr.
Und das Beste daran? Niemand kommt mehr zu spät. Alle sind einfach immer da. Jederzeit. Beziehungsweise Jedernichtzeit. Oder auch nicht. Termine existieren noch als Konzept, aber sie liegen alle exakt im selben Moment. Hochzeit? Nun. Geburt? Gerade eben. Steuererklärung? Leider auch jetzt. Alles passiert gleichzeitig, weswegen sich der Alltag auf wundersame Weise entstresst hat. Ein Kollege motzt über ein Meeting? Man kann ihm glaubhaft sagen: „Hab ich schon gemacht, war super!“ Und er kann nichts dagegen einwenden, denn auch er war gleichzeitig anwesend.
Auch die Wirtschaft hat sich angepasst. Börsenkurse sind jetzt völlig stabil, weil niemand mehr weiß, wann „hoch“ oder „runter“ ist. Geld fließt wie Pudding in alle Richtungen gleichzeitig. Unternehmen verkaufen Produkte, noch während sie diese entwickeln. Software-Benutzer kennen das bereits. Und Marketing-Slogans wie „Jetzt zugreifen!“ ergeben plötzlich einen ganz neuen Sinn.
Der Verkehr läuft entspannter denn je. Staus gibt es nicht mehr – weil „gleich“ und „bald“ dasselbe bedeuten wie „schon vorbei“. Ampeln zeigen einfach alle Farben gleichzeitig an, was überraschend gut funktioniert, solange niemand darüber nachdenkt. Und wer einen Bus verpasst? Kein Problem. Der ist auch gleichzeitig schon wieder da.
Auch die Kultur profitiert enorm. Filme dauern jetzt exakt null Sekunden, enthalten aber den gesamten emotionalen Tiefgang von „Titanic“, „Matrix“ und dem letzten Urlaubsvideo Tante Gerdas – alles gleichzeitig. Literatur ist obsolet, denn der gesamte Plot ist jetzt ein einziger, endloser Cliffhanger ohne Anfang und Ende, was dem deutschen Feuilleton neuen Lebensmut gibt.
Der einzige, der sich bislang beschwert hat, ist ein sehr verwirrter Einstein, der posthum durch mehrere Talkshows gleichzeitig geisterte und murmelte: „Ich hab’s euch doch gesagt – Zeit ist relativ. Aber das … ist doch Quatsch!“ Er wurde höflich ignoriert, da man sich nicht sicher war, ob er das jetzt gesagt hat oder vor 100 Jahren.
In einer Welt ohne Zeit hat die Menschheit endlich das gefunden, wonach sie immer suchte: Ruhe. Oder Chaos. Oder beides.
Nur mit dem nichteuropäischen Ausland wird’s eventuell ein wenig schwierig. Beim Flugbuchen. Warensendungendisponieren. Zugfahrpläneabstimmen. Die Nichteuropäer bleiben nämlich beim alten Zeitkonzept. Oder wie Michael Gorbatschow sagen würde: Wer zu spät kommt, ist sowieso schon da.
