Letzten Freitag jährte sich der Todestag von Leonard Cohen, einem Ausnahmekünstler, der weit mehr war als nur Sänger und Songwriter. Poet, Ironiker, Melancholiker – einer, der die dunklen Töne des Lebens mit Anmut und Humor zu mischen verstand. Acht Jahre ist es nun her, dass er gegangen ist. Ein guter Moment, um sich an eines seiner faszinierendsten Lieder zu erinnern: „First We Take Manhattan“.
Seit dem Erscheinen 1988 wurde der Song auf unterschiedlichste Weise gelesen. Viele Kritiker nahmen Cohens eigenes Interview beim Wort, in dem er den Titel als „Song über terroristische Fantasien“ bezeichnete. Das klang provokant, politisch, mysteriös – und passte perfekt zum Zeitgeist der späten Achtziger. Nur: Wer Cohens Werk kennt, weiß, dass er nie einer war, der Gewalt romantisierte oder politische Parolen sang. Seine Waffen waren Sprache, Ironie und Melancholie.
Vermutlich hatte Cohen damals schlicht gespielt – mit dem Interviewer, der Öffentlichkeit, dem Bedürfnis nach Bedeutung. Vielleicht war er genervt, vielleicht ironisch, vielleicht beides. Wenn man „First We Take Manhattan“ ohne journalistischen Ballast hört, öffnet sich eine ganz andere, viel menschlichere Deutung.
„First We Take Manhattan“ ist kein Manifest der Zerstörung, sondern der künstlerischen Wiedergeburt. Cohen spricht hier als Musiker, der – nach Jahren der Selbstzweifel und leisen Alben – wieder bereit ist, hinauszugehen und die Welt zu erobern: „They sentenced me to twenty years of boredom / For trying to change the system from within.“ Und: „I practiced every night, now I’m ready.“ Das klingt weniger nach Terrorismus als nach dem zähen Alltag eines Künstlers, der sich durch Routinen, Ablehnung und Zweifel gearbeitet hat. Zwanzig Jahre Langeweile – das könnte auch heißen: zwanzig Jahre Plattenfirmen, Studioarbeit, Kompromisse.
Zu der Zeit steckte Cohen in einer künstlerischen Erneuerungsphase. Er war Mitte 50 und reflektierte stark über das Älterwerden, den Ruhm, seine Rolle als Künstler. Nach einigen weniger erfolgreichen Alben der 70er und frühen 80er hatte er seinen Sound modernisiert: mehr Synthesizer, dunkler Humor, urbane Themen. „I’m Your Man“ war ein überraschender Erfolg – künstlerisch wie kommerziell – und erreichte Cohens bis dahin beste Chartpositionen. Er war wieder bereit zu spielen, gehört zu werden.
First we take Manhattan, then we take Berlin. Daraus spricht kein politischer Feldzug, sondern eine Art musikalischer Reiseplan. Manhattan und Berlin – legendär schwierige Prüfsteine, von Künstlern gefürchtet: riesig, anspruchsvoll, überfüllt mit Kultur. Ständig passieren tausend Dinge gleichzeitig: Einzelne Attraktionen können da schnell mal im Rauschen der Masse untergehen. Wer dort ein Publikum findet, hat wirklich etwas erreicht. Manhattan steht für den amerikanischen Markt, für Glamour und Zynismus. Berlin – damals wie heute – für das europäische Gegenstück: experimentell, kühl, intelligent.
Cohen sagt also sinngemäß: „Zuerst holen wir uns das New Yorker Publikum, dann das Berliner. Wenn wir dort bestehen, dann überall.“ Es ist eine ironische Kampfansage, kein Kriegsruf. Ein Musiker, der sich noch einmal aufrappelt und mit einem Lächeln sagt: „Ich bin noch da.“
Eine von Leonard Cohens Stärken war stets die Ironie. Selbst seine dunkelsten Zeilen sind nie ganz ernst, nie ohne Augenzwinkern. Ein alternder Sänger, der die Welt erobern will – aber weiß, dass er es mit einem Mikrofon tut, nicht mit einer Waffe. So betrachtet, ist der Song kein Statement, sondern ein Spiegel: Er zeigt, wie leicht wir Machtfantasien in Kunst hineinlesen, und wie oft Künstler mit diesen Erwartungen spielen. Cohen wusste genau, dass ein Satz wie „terrorist song“ Schlagzeilen macht. Er wollte nichts niederreißen. Er wollte, dass man ihm zuhört, wenn er wieder zu spielen beginnt. Und das hat er geschafft – zuerst in Manhattan, dann in Berlin.
