Erneuter Anschlag in Wolgograd, der zweite in zwei Tagen, 14 Menschen sterben, und was ist die erste, die wichtigste Nachricht in der Heute-Sendung des ZDFs? Michael Schumacher! Acht Minuten mit Liveschaltung, Einspieler vom Sprecher der Bundesregierung, der Angela Merkels Anteilnahme überbringt und ein Kurzüberblick über das Thema Skiunfälle.
Ja ist denn die ganze Welt verrückt geworden?
Die Banalität des Alltags
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Verrückt? Wirklich? Immerhin ist der eine wohl so was wie der letzte deutsche Sportheld, der über Jahre hinweg dem Tod ins Auge geblickt, dem Gegner den Auspuff gezeigt hat und der noch für richtige Autohersteller mit Renntradition wie Mercedes-Benz und die „Rasen-für-Reiche“-Produktlinie von Fiat gefahren ist. Der sich auch bei Menschen, die nichts vom Kreisfahren halten (ich persönlich halte darüber hinaus auch nichts von im Kreis rennen, hüpfen und alberne Gegenstände herumwerfen) als feste Größe ins Gedächtnis gefräst hat. Und der in der Öffentlichkeit nie wirklich dummes Zeug erzählt hat. Die Epoche der Sportidole und auch deren Bühnen, der großen Sportereignisse, geht langsam zu Ende, da erscheint der Verlust umso schmerzlicher. Olympia? Lässt sich kaum noch irgendwo konfliktfrei veranstalten! IOC, FIFA? Widerliche Buffetfräsen mit weit offenen Taschen! Sebastian Vettel? Fährt für einen Brausefabrikanten! Lothar Matthäus, Boris Becker? Boulevard-Witzfiguren auf Dieter-Bohlen-Niveau! Deutsche Finalistin in Wimbledon! Äh, wie hieß die noch? Egal, wurde sowieso nur im Abo-Fernsehen übertragen! Katarina Witt? Auch schon 30 Jahre her! Jan Ullrich? Ich muss brechen!
Die anderen haben 14 bedauernswerte Menschen in den Tod gerissen, sehr traurig, aber das schaffen die deutschen Autofahrer an einem Tag auch. Von den russischen wollen wir gar nicht erst anfangen. Und dass das Interesse deutscher Medien an Geschehnissen in Wolgograd seinen Höhepunkt weit überschritten hat, ist nicht die schlechteste Entwicklung unter der russischen Sonne.
Für einen, der wie ich sein Leben lang Sport getrieben hat – erst als Leistungsschwimmer und dann als Kampfsportler – ist es unvorstellbar, vor dem Fernseher zu sitzen und anderen beim Sporttreiben zuzusehen. Momentan seien als Beispiel genannt die Skispringer – stundenlang springen ein paar Verrückte von einer Schanze herunter, die mangels Winter künstlich mit Schnee präpariert werden mußte, damit wir unsere jahrzehntelang eingeübten Rituale nicht durchbrechen müssen, in immer denselben Bewegungsabläufen und Kameraeinstellungen, zum Ins-Koma-Fallen langweilig. Und auf Eurosport die Dart-Meisterschaften, wo Menschen, denen die Kneipe deutlich anzusehen ist, tagelang ihre Pfeile auf eine Platte werfen, was beim Zuschauen nur wenig unspektakulärer ist, als beim Selberwerfen. Und genauso geht es mir da auch mit den von Ihnen erwähnten Kreissportarten – im Kreis fahren, rennen, hüpfen oder alberne Gegenstände herumwerfen (danke für diese lustige Assoziation). Aber wenn man selbst nichts anderes hat, als von der Arbeit kommen und aufs Sofa fallen, dann werden anscheinend selbst Dartwerfer zum Superhelden, weil sie es geschafft haben, ihren Hintern zu bewegen. Für mich absolut nicht nachvollziehbar. Und der Medienhype darum schon gar nicht.
"Mehr und mehr will das Volk heute Zerstreuung. (…) Sie verlangen ein Schauspiel. Sie wollen Helden sehen."
Peter Ustinov als Kaiser Nero im MGM-Film 'Quo Vadis', 1951
Also Herr A., ich bitte Sie – 1951! Wir wollen doch hier nicht die alten Schinken ans Tageslicht zerren, damals gab es doch überhaupt noch keinen Sport. Und überhaupt – vor Elvis gab es nichts!