Ich bin gerade im Dunkeln an einem der benachbarten Häuser vorbeigekommen, und in einer der Erdgeschoß-Wohnungen fiel mir wegen seiner Helligkeit ein Kronenleuchter auf. Der hatte zehn Arme und in jedem eine Glühlampe, der Helligkeit nach mindestens mit geschätzten 60 Watt pro Lampe. Und auf Grund der durchsichtigen Glaskörper dürften das wohl auch keine Energiesparlampen gewesen sein. Der verbrutzelt dort also locker 600 Watt an seiner Zimmerdecke!
Alle Achtung! Der kann sich ja echt was leisten. Der hat es geschafft! Respekt!
Volle Kanne!
3 Kommentare
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Es geschafft? Nicht wirklich, oder? Ein Kronleuchter – 10flammig – im Erdgeschoss! Was für ein drolliger Einfall! Die bezogen auf die Raumgröße und vor allem –höhe viel zu große Lichtausbeute, verbunden mit dem entsprechend überzogenen Einsatz elektrischer Energie ist nur der grelle Wiederschein eines grundsätzlichen Missgriffs. War es, wovon ich mal ausgehe, ein Altbau, so lebten dort früher der Kutscher oder andere Domestiken, sofern die nicht im Dachgeschoss neben dem Trockenboden untergebracht waren. Oder die Handwerkerfamilie, die im Hinterhaus ihr Gewerbe betrieb. Oder eine besser gestellte kleinbürgerliche Existenz, die sich den Blick auf die Straße statt in den dunklen 2. Hinterhof leisten konnte. Auch wenn für diese Klientel etwas mehr Aufwand getrieben wurde, so war bei ca. drei Meter Deckenhöhe im Erdgeschoss in der Regel Schluss, meistens waren die Räume aber niedriger. Wenn da ein Kronleuchter richtig hängt, läuft nur der Hund darunter durch, ohne sich zu bücken. Der Kronleuchter gehört in die Beletage!
Die freilich steht auf der roten Liste der aussterbenden Wohnformen. Die Wessis haben nach dem Krieg wesentlich mehr Beletagen zerstört als alle alliierten Bomber zusammen. Abrissbirne, Anwälte, Arztpraxen! Hat sich so ein Weißkittel einmal eingenistet, ist die Beletage fast immer verloren. Zerstörte Grundrisse, ein reingezimmertes Röngtenkabinett, abgehängte Decken mit flimmernden, brummenden Neonröhren, wo der 10flammige seinen Platz haben sollte. Eine einzige Barbarei! Und im Osten kamen in den 90ern Immobilienverbrecher zum Zuge, die kaltblütig zwei erhaltene Beletagewohnungen schlachteten, um aus den traurigen Resten drei bis vier Yuppie-Butzen mit Reststuck mehr schlecht als recht zusammenzustückeln, so wie der Baron Frankenstein seine traurige Kreatur. Eine wird noch vom nachträglich eingebauten Liftschacht gepfählt, das war es dann. Ich hatte auch mal das Vergnügen, in einem nach derartigem Massaker von 190 auf 120 qm amputierten Beletage-Rest ein paar Jahre zu verbringen. Wohnen mit Phantomschmerz! Dort, hinter der Wand, wo ein – na klar – Anwalt nun die schweren Jungs beriet, da spielte sich früher das eigentliche Leben ab. Zwei 3,90 Meter hohe Räume, die durch Öffnen einer vierflügeligen Falttüre mit unfasslich schönem Jugendstiltympanon zu einem wahren Ballsaal zusammengelegt werden konnten. Da und nur da hätten zwei Kronleuchter hängen müssen: alt, aus Böhmen oder dem Veneto, prächtig, funkelnd, mindestens 10flammig. Ich hielt es in meinen verbliebenen Räumen mit Berliner Messing, dreiflammig, etwas bescheidener, aber das waren nicht die großen Salons sondern Schlafzimmer, Esszimmer und Kinderzimmer. Geld verdienen und Geld haben ist nicht das dasselbe, das muss man akzeptieren. Ein Blick aus dem Fenster in die anderen Butzen offenbarte indessen Grauenhaftes. Wenn wenigstens ein paar Yuppies dort gewohnt und sich irgendein nettes italienisches Designerzeug an die Decke gedübelt hätten. Nein, ein finanziell wie formal mit seiner Wohnsituation offenbar komplett überfordertes Volk hauste dort, das entblödete sich nicht, diese unsäglichen, von einer einzelnen (!) Funzel illuminierten Reispapierballons, die es bei Ikea für ein paar Knöpfe gibt, unter den feinen Stuck zu hängen. Obwohl sonst von friedfertiger Natur, setzte dieser widerwärtige Anblick Aggressionen in mir frei und die Fäuste ballten sich ums sandsteinerne Balkongesimse.
Eine Revolution muss her, dachte ich dann, eine Umwälzung der wirtschaftlichen, geistigen und transzendenten Verhältnisse, die diesem ignoranten Pöbel endlich wieder die ihm zustehenden Etagen zuweist. Was nicht zwingend mit der guten Franzosensitte des Kopfabschlagens, ja nicht einmal mit der Härte des Treppensteigens verbunden sein müsste, denn schließlich gäbe es heute Lifte, so schloss ich milde meine Betrachtungen, über deren gleichermaßen umstürzlerischen wie restaurativen Tenor ich selbst erschrocken war.
Die Entwicklung der Mieten tut gerade ihr Übriges und es werden, so berichten mir frühere Nachbarn, manche Butzen wieder zu den ursprünglichen Grundrissen zurückgebaut. Es besteht also noch Hoffnung. Vielleicht überlebt die Beletage hier und da und mancher 10flammige findet wieder seinen richtigen Platz.
Danke, Herr A., für diese wundervolle, erheiternde und gleichzeitig erhellende Analyse!
Nun ja, ein Altbau ist es nicht, wenngleich das Haus nun auch schon wieder seine 50 Jahre auf dem Buckel hat. Und statt Kutscher oder anderen Domestiken wohnten dort Arbeiter und Bauern. Vielleicht eher weniger Bauern, aufgrund der innerstädtischen Lage, und mehr Angehörige der Intelligenz, da der genossenschaftliche Eigentümer früher mit der Humboldt-Universität verbandelt war (meine erste Westfreundin hat sich übrigens über den Ausdruck „Angehörige der Intelligenz“ köstlich amüsiert, im Westen kannte man den nämlich nicht, dort heißen solche Leute Akademiker). Auf jeden Fall lebte hier früher das Proletariat, heute hingegen immer mehr Proleten, sowohl aus stilistischer als auch aus stilistischer Sicht. Wobei das Erste den Einrichtungsgeschmack und das Zweite das Benehmen betrifft.
Die Deckenhöhe endet übrigens bei 2,60 Meter und ist damit für Kronleuchter eindeutig ungeeignet, weswegen ich bei einem subversiven anonym bleiben wollenden Element MEINER Familie immer mit dem Kopf gegen die Lampe stoße. Auch nach dem Umzug vor ein paar Jahren mußte der Kronleuchter unbedingt mit. Aber immerhin konnte ich verhindern, daß an den modernen verglasten Türen wieder die chinesischen, gußeisernen Pseudo-Spätromantik-Klinken angebracht wurden. Sie haben also recht – es gibt noch Hoffnung!