Gestern schwärmte ein Freund von Deep Purple, einer Rockband, die bereits existierte, als ,Rock‘ noch ein geologischer Fachbegriff war. Ein bestimmter Titel, meinte er, habe ihn besonders beeindruckt, weil er ihn noch nie „in dieser Version“ gehört habe.
Kein Wunder! Niemand hat diesen Titel jemals in dieser Version gehört. Zur Zeit der Entstehung war die Erde noch gänzlich unbewohnt. Kontinente lagen, eng aneinandergekuscht, lustlos herum, und Konzerttermine waren wegen der noch nicht entstandenen Zeit eher ein mündlich weitergegebenes Geraune.
Was Deep Purple damals machten, lief noch nicht unter dem Begriff Musik. Sie existierte noch nicht und wurde erst deutlich später erfunden, nachdem jemand zufällig zwei Steine rhythmisch gegeneinandergeschlagen hatte und dafür von einem verwirrten Trilobiten anerkennend angeblickt wurde. Heutige Musikhistoriker bezeichnen die damaligen Geräusche eher als „prätonale Höhlenlärmerei mit experimentellem Charakter“. Noten gab es nicht, Tonleitern waren zu steil, Harmonien noch nicht entdeckt. Die Altersbestimmung dieser frühen Werke ist ausschließlich mit der C14-Methode möglich, und selbst die liefert meist nur das Ergebnis „sehr, sehr alt“.
Farbe existierte ebenfalls noch nicht. Die Realität lief vollständig in Schwarzweiß ab, wie historische Filmaufnahmen eindeutig beweisen. Auch Elektrizität war zu dieser Zeit noch völlig unbekannt. Gitarren wurden manuell betrieben; die Verzerrung erreichte der Gitarrist durch gezieltes Anschreien der aus Sehnen gefertigten Saiten. Der Lichttechniker warf kein Scheinwerferlicht auf die Bühne, sondern Griechisches Feuer, was für echt heiße Atmosphäre sorgte.
Statt mit dem Tourbus ritten die Musiker auf Dinosauriern zu den Konzerten. Der T-Rex erwies sich als unpraktisch für den Bühnenaufbau, überzeugte aber im Bassbereich, während der immermüde Triceratops eine stabile Plattform bot. Konzerte fanden bevorzugt in Höhlen statt, nicht aus Nostalgie, sondern wegen des hervorragenden Nachhalls. Das Publikum bestand aus frühen Menschen, vereinzelten Neandertalern und gelegentlich einem Säbelzahntiger, der eigentlich nur wegen des angenehm wärmenden Lagerfeuers vorbeigekommen war. Applaus äußerte sich meist in zustimmendem Grunzen und brachialer Gewalt auf den After-Stage-Partys, was aus nostalgischen Gründen bis heute beibehalten wurde. Ebenfalls bis heute beibehalten wurde das offenherzige Verhalten vieler Groupies, deren Hauptaufgabe es damals war, die Anzahl potentieller Konzertbesucher langfristig zu erhöhen.
Zeitgenössische Kritiken sind wegen der inzwischen zerbröselten Tontafeln leider nur bruchstückhaft überliefert: „sehr laut, Feuer ist ausgegangen“ „Rhythmus gut, Jagd danach schwierig“ oder „langfelliger Frontmann wirkt charismatisch, aber keiner versteht, warum er schreit“.
Wenn heute also jemand sagt, er habe einen Deep-Purple-Titel noch nie „in dieser Version“ gehört, dann ist das völlig plausibel. Manche Versionen erreichten nur dank antiker Sagen unsere moderne Gegenwart.

